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Fische, die nie Sargasso seh’n

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Von: Stefan Behr

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Glasaale, nur zu Besuch: Die Fische müssen noch nach Sargasso. Zum Vögeln. Und zum Sterben.
Glasaale, nur zu Besuch: Die Fische müssen noch nach Sargasso. Zum Vögeln. Und zum Sterben. © imago images/blickwinkel

Ein Amtsgerichtsprozess wirft ein Schlaglicht auf das Trenddelikt Glasaalschmuggel.

Der Weise sagt: Wer den Glas- aal stibitzt, soll nicht mit Schweigen nerven. Linh D. ist auf Anraten seines Verteidigers am Donnerstagmorgen vor dem Amtsgericht dennoch stumm wie ein Fisch. Allerdings wird ihm auch nicht wirklich das Stibitzen des Glasaals zur Last gelegt. Er soll vielmehr Glasaalstibitzern geholfen haben. Der Jurist nennt das „Beihilfe zum Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz“.

Die Sache ist nämlich die: Im Frühjahr 2018 hatte D. in Liederbach ein ehemaliges chinesisches Restaurant gekauft - nebst dazugehöriger Wohnung und Kegelbahn. Ob D. selbst dort gewohnt hat, ist unklar, gekegelt hat er jedenfalls nicht, denn Keller und Kegelbahn waren irgendwann voller Aale. Er hatte das Anwesen nämlich an eine chinesisch-malaysische Glasaalmafia vermietet, die illegal gefischte Aale aus ganz Europa ankaufte - die Polizei zählte in den Aquarien im Februar 2019 mehr als 200 000 Tiere -, um sie nach Asien zu schmuggeln und dort zu verkaufen.

Das klingt erst einmal zu bizarr, um wahr zu sein, aber so ein Glasaal nährt seinen Schmuggler. Bis zu 10 000 Euro kann ein Kilo Aal in Asien bringen. Nicht, weil er potenzfördernd wirken würde, sondern weil er dort als Delikatesse gilt. Das galt er einst auch im Baskenland (Angulas), aber dort ist man in jüngster Zeit weitgehend auf einen Ersatz aus Surimi umgestiegen. Nicht aus Artenschutz-, sondern aus Kostengründen.

Aale im Rhein ausgesetzt

In Asien aber lassen sich die Feinschmecker den Glasaal noch was kosten, und so ist in den vergangenen Jahren vor allem in Frankreich, Portugal und Spanien eine vitale Schwarzfischerszene entstanden, die in den Flussmündungen den goldwerten Fisch abschöpft. Denn dorthin treibt die Laichbrut aus der atlantischen Sargassosee südlich der Bahamas, aus der sämtliche europäischen Aale stammen. Dort - und nur dort - laichen die Aale, dort sterben sie auch. Der Golfstrom treibt den Laich Richtung Europa, der Geschlechtstrieb treibt die ausgewachsenen Aale dann zurück zur Sargassosee - wenn nicht das vorherige Verspeistwerden eine erfolgreiche Fortpflanzung verhindert.

Die Ausfuhr von Glasaalen aus der Europäischen Union ist verboten. Aber die Gewinnmargen beim Schmuggel sind enorm. Die Arbeit ist aber auch nicht leicht. Mehr als 20 Kilo wiegen die Koffer, in denen Kuriere die Fische in styroporgeschützten und eisgekühlten Wasserbeuteln durch halb Europa fahren, bis sie den gewünschten Flughafen erreichen. Der Frankfurter entwickelt sich bei den Schmugglern langsam zur Premiumdestination. Wenn der Zoll dort Schmuggelaale sichtet, setzt er sie im Rhein aus - Zielort: Sargasso.

Der Glasaal heißt übrigens so, weil er als Jungfisch noch durchsichtig ist. Dieses Stadium hat Linh D. lange hinter sich gelassen (50 Jahre). Und sein Fall ist auch etwas undurchsichtig. Das Gericht sieht es als nicht beweisbar an, dass D. tatsächlich gewusst habe, dass auf der Kegelbahn keine Pudel geworfen, sondern Aale gehortet würden. Und dass er vielleicht nicht ahnte, wem er da gegen Barzahlung seine Bude vermietet hatte. Das Urteil lautet daher nach kurzem Prozess: Freispruch. Der Einspruch, den Linh D. gegen einen Strafbefehl von 100 Tagessätzen à 120 Euro eingelegt hatte, hat sich also gelohnt. Die Tagessatzhöhe von 120 Euro verdeutlicht, dass sich der illegale Glasaalhandel lohnt. Linh D. verlässt das Amtsgericht frei wie ein Fisch im Wasser. Diesen Zustand teilt er mit den Mitgliedern der Aalmafia, bei denen die Beweislage eindeutiger war und die sämtlich verurteilt wurden - zu Bewährungsstrafen.

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