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Finanzexpertin: „Ein Mann ist keine Altersvorsorge“

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Von: Judith Köneke

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Gabriele Radl sagt schon in der Schule sollten Mädchen zum Thema Finanzen aufgeklärt werden.
Gabriele Radl sagt schon in der Schule sollten Mädchen zum Thema Finanzen aufgeklärt werden. Foto: Sarah Kastner © Sarah Kastner

Die Frankfurter Finanzexpertin Gabriele Radl erklärt, warum Frauen in Geldsachen hinterherhängen und gibt Tipps zum Sparen.

Ein Großteil der Frauen verdient weniger als Männer, hat weniger Vermögen und weniger Rente. Trotzdem kümmern sich viele nicht um ihr Geld. Expertin Gabriele Radl berät in ihrem Frankfurter Unternehmen, der Finanz- & Invest-Services GmbH (FIS), gemeinsam mit vier Kolleginnen vorwiegend Frauen, wie sie ihr Geld anlegen und vorsorgen können und sie appelliert an alle, möglichst früh damit zu beginnen.

Frau Radl, was raten Sie Frauen, ab wann sollten sie anfangen zu sparen oder etwas für ihre Altersvorsorge tun?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die Rentenkassen leer sind und von der gesetzlichen Rente nicht mehr allzu viel zu erwarten ist. Und für die meisten auch gar nicht reicht. Darum versuchen wir bereits, junge Frauen zu motivieren, monatlich eine bestimmte Summe in eine Altersvorsorge oder einen Investmentfondssparplan anzulegen. Das geht schon mit kleinen Beträgen wie 25 Euro im Monat. Wichtig ist, einfach anzufangen.

Für viele Junge ist Altersvorsorge ja noch ganz weit weg…

Das stimmt, aber es geht auch um das Thema Risikoabsicherung. Rund jede:r Vierte wird mittlerweile wegen psychischer Probleme berufsunfähig. Das nimmt zu. Je jünger die Kundinnen sind, desto empfehlenswerter ist es, Fonds mit einem hohen Aktienanteil zu wählen. Junge Leute haben ja einen langen Zeitraum vor sich. So können Schwankungen gut ausgeglichen werden.

Und wann ist es zu spät?

Es ist selten zu früh und nie zu spät. Auch ältere Frauen können noch vorsorgen, dann mit einem niedrigeren Anteil an Aktien. Empfehlenswert ist natürlich immer, wenn die Frau Finanzberaterinnen an der Seite hat wie uns.

Ist es wirklich so, dass sich die Mehrzahl der Frauen weniger als Männer um Finanzen und Altersvorsorge kümmern?

Viele Frauen wagen sich nicht an das Thema heran. Für einige ist es unangenehm und sie beschäftigen sich nicht gerne damit. Wir bekommen zudem öfter die Rückmeldung, dass sie die Materie nicht verstehen. Darum fordern wir in unseren Beratungen die Frauen aktiv auf, sich nicht zu scheuen, Fragen zu stellen. Generell sollten sie sich sagen, ich möchte unabhängig sein und mich selbst um meine Finanzen kümmern. Alles andere kommt nach und nach. Denn die Erfahrung zeigt, wenn ich die Lebensgeschichten meiner Kundinnen höre: Ein Mann ist keine Altersvorsorge. Das kann ich nur jeder Frau mit auf den Weg geben.

Beschäftigen sich denn junge Frauen mehr mit Geldthemen?

Ich sehe eher, dass das Gegenteil der Fall ist. Dass gerade junge Frauen sich nicht damit auseinandersetzen und das nicht als wichtig erachten. Viele verlassen sich auf ihren Partner. Sobald das erste Kind da ist, nehmen sie Elternzeit, nicht selten auch drei Jahre. Und das helle Erwachen kommt erst bei einer Trennung. Auch in einer Partnerschaft hilft es, wenn jeder für sich selbst etwas auf die Seite legt. Immer mehr junge Frauen streben zudem an, nicht voll zu arbeiten, wenn sie ihre Ausbildung oder ihr Studium beendet haben, auch ohne Kind, wegen der sogenannten Work-Life-Balance. Aber das ist die falsche Strategie, sie sollten schon an später denken.

Gibt es in den Schulen heutzutage mehr Aufklärung über das Thema Finanzen?

Nein, junge Leute wissen zu wenig darüber. Das ist das Problem. In der Schule sollte schon die Basis gelegt werden, um die Schüler:innen zu sensibilisieren. Darum hat der Verband der FinanzFachFrauen eine Initiative ins Leben gerufen, gemeinsam mit dem jährlichen Girls Day. Meine Kollegin in Stuttgart besucht mit den Mädchen Firmen mit Berufen, die untypisch sind für Frauen. Sie geht auch an die Börse und erklärt, wie diese und der Aktienmarkt funktioniert, um die Angst vor dem Kapitalmarkt zu nehmen. Wir als Firma bilden zudem aus, bieten Praktikumsplätze an und versuchen in Form von Schulungen oder Seminaren das Thema näherzubringen. Aber die Schulen, Hochschulen und Universitäten sind ebenfalls gefordert.

Zur Person

Gabriele Radl (55) hat 2009 ihr Unternehmen, die Finanz- & Invest-Services GmbH (FIS) gegründet. Zuvor leitete sie einige Jahre ein Finanzdienstleistungsunternehmen für Frauen. Die Industriekauffrau und Betriebswirtschaftlerin war außerdem in zahlreichen leitenden Finanzpositionen in der Industrie tätig, auch international.

FIS ist Mitglied des Vereins der FinanzFachFrauen (FFF), ein Zusammenschluss von Expertinnen aus der Versicherungs- und Finanzdienstleistungsbranche, deren Schwerpunkt in der Beratung von Frauen liegt.

Andere Beratungsfirmen des Verbands Finanzfachfrauen in Frankfurt:

ESK Cityfinanz GmbH, Telefon 24 75 125 31, esk-cityfinanz.de

Carmen Stephan Finanzmentoring, Telefon: 26 91 41 03, www.finanzmentoring.de

D&M Frankfurter Finanzexpertinnen GmbH, Telefon: 70 66 04, frauen-und-geld.de jkö

Gender-Pay-Gap, unbezahlte Sorgearbeit und Rentenlücke, sind das die Gründe, warum Frauen weniger Vermögen haben?

Die Biografien von Frauen sind viel mehr von Brüchen gekennzeichnet. Sie arbeiten tendenziell weniger wegen Mutterschutz und Kindererziehung. So liegt der Stundenlohn von Männern im Schnitt 18 Prozent höher. Frauen arbeiten zudem sowieso schon in Berufen, die schlechter bezahlt sind, oft im sozialen Bereich, im Dienstleistungssektor. All das äußert sich später in der Rente.

Angeblich sind Frauen außerdem zögerlicher, wenn es darum geht, nach einer Gehaltserhöhung zu fragen. Bekommen Sie das auch in Ihrem Beruf mit?

Frauen verhandeln meist schlechter und sind zurückhaltender, das stellen wir auch fest. Wir versuchen auch hier zu motivieren, ich sage immer: „Ein braves Kind fragt nicht und kriegt nichts.“ Man sollte seine Forderungen aktiv kommunizieren, freiwillig machen es die Chefs und Chefinnen nicht.

Haben Sie noch Tipps zum Sparen?

Zuerst sollte man sich sein Einkommen und seine Ausgaben anschauen. Dabei ist es hilfreich – auch wenn es ein wenig altmodisch klingt – ein Haushaltsbuch zu führen. So kann man sich einen Überblick verschaffen und ein Gefühl für die eigenen Finanzen bekommen. Von dem Betrag, der übrig bleibt nach allen Abgaben, sollte man einen Teil zurücklegen. Ich empfehle regelmäßiges monatliches Sparen, das diszipliniert. Ein Teil verschwindet automatisch vom Konto, etwa in einen Investmentsparplan. Selbst wenn man nicht viel hat, sollte man überlegen, auf was man verzichten kann. Brauche ich diese ganze Kosmetika oder jeden Tag den Kaffee to go? Manchmal kommt da mehr bei heraus, als man denkt.

Viele scheuen vielleicht auch das Risiko und lassen ihr Geld deshalb auf dem Konto..

Aktuell bringt das nichts, denn aufgrund der hohen Inflation von fast zehn Prozent macht man einen Verlust. Das bedeutet etwa, dass von hundert Euro real nach einem Jahr nur noch 90 Euro übrig sind. Gut ist natürlich immer, einen kleinen Puffer für eine ungeplante Ausgabe auf dem Konto zu haben, das empfehlen wir. Und gerade in Zeiten wie diesen, in denen die Kapitalmärkte schwanken, kann man auch davon profitieren. Beim Sparen über einen längeren Zeitraum gleichen sich Volatilitäten zudem wieder aus.

Und wo lege ich an?

Das wichtigste Prinzip der Geldanlage ist streuen. Also nicht alles auf ein Pferd setzen, sondern so gut wie möglich verteilen: auf verschiedene Anlageklassen und Bereiche, auf unterschiedliche Währungsräume. Wichtig ist außerdem, Ruhe zu bewahren und nicht in einer Panik alles aufzulösen oder zu verkaufen; das ist der größte Fehler. Denn die Vergangenheit hat gezeigt, jede Krise geht mal vorüber und bietet auch Chancen. Heute gibt es darüber hinaus viele Möglichkeiten, um flexibel zu sparen, bei denen man auch mal aussetzen kann, wenn es nicht geht.

Wenn Frauen dann investieren, gibt es Unterschiede zu Männern?

Frauen sind weniger risikobereit, denn sie befinden sich oft in einer Sandwichposition, in der sie sich auch um die Kinder und Familie kümmern und vielleicht schon um die Eltern. Männer haben eher eine Zockermentalität. Aber – das haben Depot-Auswertungen von Banken gezeigt - im Schnitt schneiden die Depots der Frauen von der Rendite her besser ab. Frauen sind stetiger und dadurch auch erfolgreicher, nicht auf den ersten Blick, aber langfristig.

Interview: Judith Köneke

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