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Film in Frankfurt: Obdachlose erzählen aus ihrem Leben

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Von: Florian Leclerc

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Bernd Reisig, mit Mikrofon, Cristina, rechts neben Reisig, und die Mach:innen von „So sieht unser Frankfurt aus!“ im Astor Kino. .M. Müller (2)
Bernd Reisig, mit Mikrofon, Cristina, rechts neben Reisig, und die Mach:innen von „So sieht unser Frankfurt aus!“ im Astor Kino. .M. Müller (2) © Monika Müller

Der Film „So sieht unser Frankfurt aus!“, gedreht von obdachlosen Menschen, gefördert von der Bernd-Reisig-Stiftung, hat Premiere in der Astor Film Lounge.

Das Astor Kino im Frankfurter Einkaufszentrum My Zeil zeigt in den kommenden Wochen den Obdachlosen-Film „So sieht unser Frankfurt aus!“, der von der Bernd-Reisig-Stiftung umgesetzt wurde. Premiere war am Freitagabend. Der Kurzfilm erzählt in etwa einer Dreiviertelstunde aus dem Leben von vier obdachlosen Menschen in Frankfurt. Das Besondere: Die Obdachlosen haben die Kamera geführt. Sie nehmen die Zuschauerin und den Zuschauer mit in ihren Alltag.

Es ist nicht die erste Produktion, die sich mit Obdachlosigkeit in Frankfurt beschäftigt. Spiegel TV begleitet seit mehreren Jahren für das Format „Hartes Deutschland“ Obdachlose und Drogenkonsument:innen in der Stadt. Dabei steht den Protagonistinnen und Protagonisten ein Filmteam zur Seite, das die Kamera führt und den Ereignissen eine dramaturgische Struktur verleiht. Die Menschen, die sich begleiten lassen, kommen durchs Nachfragen ins Erzählen. Über ihre Vorgeschichte, den Kampf mit der Sucht, die Angst vor nächtlichen Überfällen, den Mangel an Schlaf.

Nancy Faeser ist vor Ort

Im Kurzfilm „So sieht unser Frankfurt aus!“, der eigentlich aus vier Kurzfilmen besteht, die zusammengeschnitten wurden, erzählen die Obdachlosen Andreas, Sebastian, Pascal und Cristina aus ihrem Leben. Zu sehen sind im Wesentlichen Alltagsszenen. Sie können filtern, was sie zeigen und erzählen wollen, und was nicht.

Die Stiftung

Die Bernd-Reisig-Stiftung „helfen helfen“ gibt es seit 2012. Namensgeber und Gründer ist der frühere Musik- und FSV-Frankfurt-Manager Bernd Reisig. Die Stiftung veranstaltet jedes Jahr im Römer ein Weihnachtsgans-Essen für Obdachlose, bei dem Prominente die Bedürftigen bedienen, sowie ein Oster-Essen im Frühjahr. Während der Pandemie brachte die Stiftung Lebensmitteln und Getränke für Bedürftige ins Frankfurter Bahnhofsviertel.

Darüber hinaus finanziert die Stiftung unter anderem Rehabilitation nach Gesundheitsproblemen und setzt sich unter dem Motto „Gegen Homophobie in Katar“ für die Anerkennung der Rechte von LGBTQI*-Personen während der Fußball-Weltmeisterschaft im Winter 2022 ein. fle

Spendenkonto: Bernd-Reisig-Stiftung – helfen helfen, IBAN: DE 81 5005 0201 0200 6541 44, BIC: HELADEF 1822, Frankfurter Sparkasse.

Cristina ist bei der Filmpremiere zu Gast. Sie stammt aus Bukarest in Rumänien, sagt sie im Film. Darin zeigt sie einen Bretterverschlag mit Planen in einem Waldstück, der Platz für eine Küche und einen Schlafraum bietet. Die Grünfläche vor der Baracke dient ihr als Garten. Man sieht Cristina dabei zu, wie sie kocht. Sie habe keinen Strom, aber einen Gaskocher, sagt sie. Es gibt gebratene Hähnchenschenkel und Kartoffelpüree. „Wir kochen und essen draußen“, führt sie aus. Wer dieses „wir“ ist, wird im Film nicht aufgelöst.

Die Zuschauerin und der Zuschauer sehen Cristina dabei zu, wie sie morgens bei Dunkelheit durchs Nordend läuft und mit einer Taschenlampe in Mülleimer leuchtet. Nach ihrer Tour habe sie Mehrwegflaschen im Wert von zwei Euro gesammelt, sagt sie. Sie gebe ihr Geld für Nahrungsmittel, Gasflaschen und Zigaretten aus. Übrig bleibe nichts. Ihre Ausweispapiere seien abgelaufen. Was sie sich am meisten wünsche, sei ein eigenes Haus. Sie würde sagen, dass sie eigentlich glücklich sei, denn sie habe einen festen Platz zum Schlafen. Warum sie nach Deutschland kam, wird im Film nicht erzählt.

Bundesinnenministerin Nancy Faeser (Mi.) und Eintracht-Trainer Oliver Glasner (li.) waren auch bei der Filmpremiere.
Bundesinnenministerin Nancy Faeser (Mi.) und Eintracht-Trainer Oliver Glasner (li.) waren auch bei der Filmpremiere. © Monika Müller

Cristina bekommt am Abend der Filmpremiere von Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) einen hübschen Blumenstrauß überreicht. Blumen gibt es auch für das ganze Team, das an der Produktion beteiligt war. Faeser nennt Obdachlosigkeit die schlimmste Form der Armut und verweist auf ein Wohnungsbauprogramm, das ihre Kabinettskollegin Klara Geywitz (SPD), die Bundesministerin für Wohnen, auf den Weg bringen wolle. Ob das Cristina hilft, ist fraglich.

EU-Ausländer, die nicht bereits in Deutschland arbeiten oder gearbeitet haben, stehen in den ersten fünf Jahren laut Bundesregierung keine Sozialleistungen zu. Die Regelung wurde 2016 aktualisiert. Wer zur Arbeitssuche aus dem EU-Ausland nach Deutschland einreist, hat demnach keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld II. Es gibt ein Überbrückungsgeld für höchstens vier Wochen, um den unmittelbaren Bedarf für Essen, Unterkunft, Körperpflege und medizinische Versorgung zu decken. Danach können die Betroffenen ein Darlehen erhalten, das ihnen die Reise zurück in ihr Heimatland finanziert.

Die Astor Film Lounge will auf ihrer Website veröffentlichen, wann der Film die nächsten Male im Kino läuft: frankfurt.premiumkino.de

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