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Gespräch über Lux: Ruth C. Oswalt, Moderatorin Claudia Sautter, Filmemacher Arendt.

Deportation

Film der Erinnerung aus Frankfurt

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Lux Oswalt war ein fröhlicher Junge aus Frankfurt. Er wurde deportiert und ermordet. Nun hat der Frankfurter Filmemacher Heiko Arendt ihm einen Film gewidmet.

Drei schreckliche Tage lang wartete Ernst Ludwig Oswalt, der 19 Jahre alt war, im Juni 1942 darauf, dass er aus seiner Wohnung in der Bettinastraße im Westend abgeholt würde. Am Tag, bevor er deportiert und in den Tod geschickt wurde, schrieb „Lux“ einen herzzerreißenden Brief mit der Überschrift „Meinen Freunden zum Abschied“.

So heißt auch der 80-minütige Dokumentarfilm des Frankfurter Filmemachers Heiko Arendt über Ernst Ludwig Oswalt, genannt „Lux“, der am Sonntag im Filmmuseum erstmals gezeigt wurde. Die Zeit des Nationalsozialismus erscheine oft lange her, sagte Arendt. „Aber der Lux könnte jetzt hier vor uns sitzen als 96-Jähriger.“

Der Film erzählt das viel zu kurze Leben des Frankfurter Verlegersohns in ganz ruhigen Bildern anhand von Interviews und von Briefen, die der Jugendliche an seinen zwei Jahre älteren Bruder schrieb, der zum Studium in die Schweiz gegangen war und dort überlebte. In seinem Abschiedsbrief formulierte Lux Oswalt: „Ich weiß nicht, was vor mir liegt, vielleicht ist das gut so.“ Dieser Satz erinnert heute als Gedenkinschrift an der Großmarkthalle an die Deportationen. Der Zug, in den Lux Oswalt dort gepfercht wurde, nachdem er 50 Reichsmark für den Transport bezahlt hatte, brachte Hunderte Menschen mit jüdischen Wurzeln in die Vernichtungslager Sobibor und Majdanek. Niemand aus dem Transport überlebte, wie die Leiterin des Jüdischen Museums, Mirjam Wenzel, berichtet. In welchem der Lager der 19-Jährige ermordet wurde, ist unbekannt.

Arendts Film lässt auch das ursprünglich glückliche Leben der Frankfurter Familie erahnen, vor allem durch Bilder des strahlenden blonden Lockenkopfs Lux, der gerne Theater spielte und in der evangelischen Petersgemeinde Jugendgruppen leitete. Die Familie hatte jüdische Vorfahren, war aber zum Christentum konvertiert.

„Mein Standpunkt ist immer, aber auch immer fröhlich und lebenslustig“, schrieb Lux in einem Brief an seinen Bruder Heiri, der eigentlich Wilhelm Heinrich hieß, nach Zürich. Doch bereits 1936 hatte Vater Wilhelm Ernst Oswalt seinen Verlag „Rütten & Loening“, den Verlag des „Struwwelpeter“, zwangsweise verkaufen müssen. Der Verleger wurde kurz nach der Deportation von Lux selbst im Konzentrationslager Sachsenhausen umgebracht.

Schülerinnen und Schüler der Musterschule haben sich mit der Familiengeschichte auseinandergesetzt, denn Heiri und Lux waren dort zur Schule gegangen. In dem Film stellt eine heutige Musterschulklasse ein Foto mit Lux aus den 30er Jahren nach. Der Junge, der auf dem Platz von Lux in der ersten Reihe sitzt, steckt sich einen Judenstern an und tritt aus der Gruppe heraus. Es ist eine bedrückende Szene, die Arendt ganz asketisch ohne dramatischen Text oder Musik inszeniert.

Mit der Filmvorführung gedachte die Stadt Frankfurt der Massendeportationen, die am 19. Oktober 1941 begonnen hatten. Stadträtin Elke Sautner (SPD) sprach vom „schändlichsten Verbrechen der Ortsgeschichte überhaupt“.

Heiris Tochter Ruth C. Oswalt, die Nichte von Lux, hatte die Briefe vor zehn Jahren im Nachlass ihres Vaters entdeckt. Sie zog eine besorgte Parallele zur heutigen Zeit. „Ich hätte nicht gedacht, dass in Deutschland der Antisemitismus noch so virulent ist“, sagte sie. Oswalt befürchtet, dass ein „großes Vergessen“ der Nazi-Verbrechen dazu beitrage. Hiergegen hat Heiko Arendt seinen Film der Erinnerung gesetzt.

Deportationen von Frankfurt

Am 19. Oktober 1941 gab es die erste Massendeportation der als jüdisch verfolgten Frankfurterinnen und Frankfurter, die sich an der Großmarkthalle sammeln mussten. Die Menschen wurden durch das eingesetzte Personal gedemütigt, körperlich misshandelt und letzter Habseligkeiten beraubt, bevor sie in die Züge Richtung Vernichtungslager gesetzt wurden. Von den 1100 Menschen im ersten Zug haben nach Angaben des Jüdischen Museums nur drei überlebt. 

Ernst Ludwig Oswalt, genannt „Lux“, wurde am 11. Juni 1942 deportiert. Es war die sechste Sammeldeportation von Frankfurt. 

Seit 2017 begeht die Stadt Frankfurt den 19. Oktober als Gedenktag. Ein Jahr zuvor hatten die Initiative Stolpersteine Frankfurt und Monica Kingreen vom Fritz-Bauer-Institut das Gedenken noch privat organisiert.  

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