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Feyyaz Çetiner: Ungewollt im Fokus

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Von: Timur Tinç

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Feyyaz Çetiner hofft, dass irgendwann seine Taten im Vordergrund stehen und nicht das, was über ihn gesagt wird.
Feyyaz Çetiner hofft, dass irgendwann seine Taten im Vordergrund stehen und nicht das, was über ihn gesagt wird. © Monika Müller

Feyyaz Çetiner ist Mitglied der Frankfurter KAV und der Grünen. Kürzlich ist er in die Schlagzeilen wegen angeblicher Verbindungen zu den Grauen Wölfen geraten - wie schon vor zwölf Jahren.

Feyyaz Çetiner hat vor zwei Wochen eine Nachricht und ein Video von einem Freund zugeschickt bekommen. „Du hast es in den Bundestag geschafft. Ich wünsche dir weiterhin viele Erfolge“, lautete die mit mehreren lachenden Smileys versehene Botschaft. Im beigefügten Videoausschnitt greift der AfD-Bundestagsabgeordnete Martin Sichert in seiner Rede zum Völkermord an den Jesidinnen und Jesiden am 19. Januar die Partei die Grünen an. „Sie sind die Schlimmsten, weil sie in Frankfurt ein wichtiges Parteiamt an Feyyaz Çetiner gegeben haben, einen Kandidaten der MHP, der verlängerte politische Arm der rechtsradikalen Grauen Wölfe“, echauffiert sich Sichert.

Çetiner sitzt in seinem Büro in seiner Autowerkstatt und Tankstelle am Frankfurter Berg während er das Video abspielt. „Von wo, nach wo“, lautet eine türkische Redensart, die der 40-Jährige bemüht. Weder bekleidet er ein wichtiges Amt bei den Frankfurter Grünen, bei denen er seit Herbst 2021 Mitglied ist. Noch war er je Mitglied oder gar Kandidat der „Milliyetci Hareket Partisi“ (MHP), der nationalistischen-rechtsextremistischen Partei in der Türkei. „Die Politik in der Türkei interessiert mich nicht“, sagt Çetiner.

Feyyaz Çetiner ist in der Türkei geboren. Seit seinem zweiten Lebensjahr lebt er in Deutschland. Zunächst in Kelsterbach und seit 1995 im Frankfurter Stadtteil Griesheim. Er ist ausgebildeter KfZ-Sachverständiger, besitzt die Werkstatt und Tankstelle im Frankfurter Norden seit 2009.

Erstmals in die Schlagzeilen geriet Çetiner im Jahr 2011. Er war bei der Wahl zur Kommunalen Ausländerinnen- und Ausländervertretung (KAV) in Frankfurt im November 2010 als Spitzenkandidat für die Liste „Multikulturelles Hilfsbereites Publikum“ (MHP) angetreten und hatte einen Sitz errungen. Eine offensichtliche Anspielung auf die Partei in der Türkei, die derzeit mit der AKP vom türkischen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan koaliert. „Es war ein Fehler, mich dieser Liste anzuschließen“, sagt Çetiner. Er habe die Wirkung seinerzeit unterschätzt. Auf der Liste standen damals mehrere offene Sympathisant:innen der MHP. Noch heute sitzt einer davon im Präsidium der KAV. Das scheint aber niemanden zu stören.

Im Jahr 2011 waren die Grauen Wölfe in Frankfurt besonderes Gesprächsthema. Die Föderation der Türkisch-Demokratischen Idealistenvereine in Deutschland, die Auslandsorganisation der MHP, hatte im Jahr 2011 ihre Pläne offengelegt, ins Gewerbegebiet Griesheim zu ziehen. Die „Ülkücü-Bewegung“, übersetzt „Idealisten-Bewegung“, wird vom Verfassungsschutz beobachtet. Mittlerweile sitzen sie in Enkheim. In den sozialen Netzwerken sind alle Aktivitäten einsehbar. Ohnehin machen Anhänger:innen der MHP nie einen Hehl aus ihrer Gesinnung und bekennen sich offen dazu, indem sie den Wolfsgruß zeigen oder vor entsprechenden Fahnen stehen.

Çetiner hat das nie getan. Er habe seinerzeit schon alle Annäherungsversuche der Grauen Wölfe unterbunden, erklärt er. In seiner Zeit als KAV-Mitglied von 2011 bis 2015 fiel Çetiner nie auf und zog sich dann auch erst einmal aus der Politik zurück. Seit 2021 ist er wieder KAV-Mitglied. Diesmal trat er für die Liste „Frankfurt for Future“ an. Auf seiner Facebook-Seite hat er sich im gleichen Jahr noch einmal öffentlich von den Grauen Wölfen distanziert. Er hat auch bei seinem Parteieintritt dem Grünen-Vorstand von seiner Vergangenheit erzählt. „Die waren nicht überrascht, dass es zum Thema gemacht wurde“, sagt Çetiner.

Auslöser war eine Pressemitteilung des Kurdischen Gesellschaftszentrums Frankfurt im Januar, wo es um die Ausladung eines Mitglieds vom Neujahrsempfang der Grünen ging. In dieser Mitteilung griff der Verein die Grünen dafür an, dass sie einen Grauen Wolf in ihren Reihen hätten: Feyyaz Çetiner. Das dieser zum Vorsitzenden der „Arbeitsgruppe Freund:innen des Jüdischen Lebens des Grünen Kreisverbands Frankfurt gemacht wurde, finden wir äußerst verstörend“, hieß es darin. Kurz darauf sprang auch die Antifa Frankfurt auf den Zug auf.

„Es ist nicht so, dass ich zum Vorsitzenden dieser AG ernannt wurde. Ich habe sie im letzten Sommer gegründet“, erzählt Çetiner. Durch die Abwahlkampagne und die OB-Wahl sei noch kein richtiges Leben reingekommen, aber das soll sich demnächst ändern. Im Gegensatz zu 2011 war er diesmal nicht auf sich alleine gestellt, sondern bekam Unterstützung von den Vorstandssprecher:innen der Grünen Julia Frank und Götz von Stumpfeldt, die in einer Presseerklärung alle Vorwürfe zurückwiesen. „Es gibt immer öfter Menschen, die ihre Jugendsünden entschieden hinter sich lassen und versuchen, mit ihrem Hintergrundwissen den Kampf gegen Rassismus, Faschismus und Antisemitismus zu unterstützen. So haben wir auch Feyyaz Çetiner kennengelernt“, teilten sie mit.

Auch bei der Kreismitgliederversammlung vor einer Woche, wo die Direktkandidat:innen der Frankfurter Grünen für den Landtag aufgestellt wurden, hat Çetiner von allen Seiten aufbauende und unterstützende Worte erhalten. Das hat ihn bestärkt, die richtige Entscheidung bei der Wahl seiner Partei getroffen zu haben. „Ich möchte mich für alle Menschen in diesem Land engagieren“, sagt er. Auch für die, die nach Deutschland fliehen.

Im Eingangsbereich der Tankstelle stapeln sich Kartons mit abgelaufenen Verbandskästen, Kerzen und Windeln für Erwachsene, die Çetiner für die Hilfsinitiative „Frankfurt for Ukraine“ sammelt. Eine Spendendose steht an der Kasse. Auch ein Rollator wurde abgegeben. Die Verbandskastenaktion hatte Çetiner noch vor Beginn des russischen Angriffskriegs in der Ukraine begonnen und zunächst an das Rote Kreuz gespendet. Mittlerweile gehen die Materialien über die Initiative direkt in die Ukraine, wo sie dringend benötigt werden.

Für ukrainische Geflüchtete hat er ein Seminar gegeben, worauf sie in Deutschland beim Besitz eines Fahrzeugs achten müssen. Immer wieder kommen Ukrainer:innen mit ihren Autos zu ihm in die Werkstatt. Er checkt diese kostenlos und erlässt ihnen auch den Preis für die grüne Umweltplakette. Er hat mitgeholfen, ein Osteressen im Depot Sachsenhausen für Ukrainer:innen sowie ein orthodoxes Weihnachtsfest im Historischen Museum zu organisieren. „Ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben. Egal welcher Nationalität oder Religion die Menschen angehören“, sagt er.

Çetiner hofft, dass die Anschuldigungen gegen ihn irgendwann ein Ende haben, und findet es schade, dass die Vorwürfe von einst ihn wieder in die Schlagzeilen und sogar in den Bundestag gebracht haben. „Sie haben damals nichts Schlechtes von mir gesehen und werden es jetzt auch nicht sehen“, erklärt er „Die Leute, die mich kennen, wissen, wie ich bin.“

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