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Das Fest der Lügen

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Von: Hannah Weiner

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Wieso verhalten wir uns an den Weihnachtsfeiertagen so, wie wir es tun? Masterstudenten haben sich mit Klischees und Ritualen in der Adventszeit beschäftigt. Jetzt liegen erste Forschungsergebnisse vor.

Wir lügen überdurchschnittlich viel. Wir bestätigen konservative Rollenbilder. Wir streiten über Geschenke, das Essen und Rituale. Was an Weihnachten in unseren Wohnzimmern vor sich geht, klingt so gar nicht nach Besinnlichkeit. Zumindest nicht laut den Ergebnissen einer Lehrforschungsgruppe der Frankfurter Goethe-Universität, die das Christfest aus soziologischer Seite betrachtet hat.

Die Ausgangsfrage der von 15 Studenten und Professor Christian Stegbauer betriebenen „Weihnachtssoziologie“ war: Wieso verhalten wir uns an den Feiertagen so, wie wir es tun? Die Studierenden erforschten über zwei Semester, wie etwa nach veralteten Geschlechterrollen Geschenktipps gegeben werden und wieso das Fest der Liebe zum ausgehandelten „Deal“ wird.

Dafür führten sie Interviews und werteten Internet-Daten aus. Die Soziologiestudenten fanden dabei unter anderem heraus, dass der Hauptgrund das Fest zu feiern, nicht etwa die Geburt Jesu ist, sondern die der eigenen Kinder.

Doch zunächst widmeten sie sich dem ganz Gegenständlichen, nämlich den Geschenktipps: Schon wieder eine Pulle für Papa und eine Massage für Mama? Die 24-jährigen Studenten Mareike Seipel und Daniel Marciniak beschäftigten sich mit 2000 Vorschlägen, die im Internet verzweifelten Ratsuchenden gegeben werden. Dafür durchforsteten sie Foren nach Tipps für Mutter und Vater und erkannten, wie dadurch traditionelle Rollenbilder konstruiert werden.

„Wir konnten viel über die Stereotypen herausfinden“, erklärt Marciniak. „Der Aktionsbereich für den Vater ist demnach größer. Man rät zu Werkzeug, etwas für’s Auto oder Alkohol.“ Die Mutter werde als häuslicher gesehen. Geschenke zielten auf Entspannung, den Haushalt oder das gemeinsame Verbringen von Zeit ab.

„Die Klischees wurden bestätigt“, findet auch Kommilitonin Mareike Seipel. Ihre Erklärung: Da die Ratgeber nicht wüssten, für wen genau die Geschenke seien, bedienten sie sich der klassischen Rollenbilder. Gelernt haben die zwei Studenten eines durch ihre Untersuchungen: „Man kann keine guten Tipps geben, wenn man die zu beschenkende Person nicht kennt.“

Doch schon bevor es zum Austausch der Präsente kommt, gibt es viel zu klären: Nudelsalat oder Braten, Lichterkette oder Kerzen, Kirch- oder Spaziergang. Unter dem Thema „Weihnachten aushandeln“ betrachteten Studenten um Valeska Ober-Jung (26), wie junge Erwachsene, die erstmals zusammen feiern, ein neues gemeinsames Fest kreieren und wer dabei am längeren Hebel sitzt. Dazu befragte die Forschungsgruppe Familien mit kleinen Kindern. ´

„Interessant war, dass die Interviews mit Müttern viel länger dauerten als die mit Vätern“, berichtet die Studentin. Das zeige, dass die Frauen sich mehr mit Weihnachten befassten und meist die Macht darüber hätten. Ober-Jung selbst bezeichnet sich als „verrückt nach Weihnachten“ und ist deswegen in ihrer Altersklasse eher eine Ausnahme.

Mehr Kinder, mehr Bräuche

Denn, so fand eine andere Gruppe heraus, es mangelt den meisten jungen Erwachsenen an Begeisterung für das Besinnliche. „Stirbt Weihnachten aus?“, heißt eine weitere Untersuchung. Christoph Heckwolf und seine Kommilitonen beschäftigten sich mit der Bedeutung vorweihnachtlicher Rituale für die Beziehungen zu Familie, Freunden und Kollegen. Sie erkannten dabei, dass der „Trigger“, also das was Erinnerungen an alte Erfahrungen weckt und somit Lust auf Weihnachten macht, oft erst der eigene Nachwuchs ist. „Je mehr Kinder, desto mehr Bräuche“, erklärt Heckwolf.

Spannend findet Heckwolf, dass das Interesse am Fest der Liebe „lebenszyklusabhängig“ sei. „In unserem Alter und als alleinstehend spielt das kaum eine Rolle“, sagt der 27-Jährige, der sich auch selbst „als typischer Nutznießer“ bezeichnet. Man fahre am 24. Dezember zu den Eltern und sei dann bis zum zweiten Feiertag verpflichtet. Trotzdem gehe nun mal kein Weg daran vorbei. „Noch schwieriger wäre es, ihnen zu erklären, dass ich nicht komme.“

Auch abgesehen davon häufen sich in den Familien zur Weihnachtszeit die Unehrlichkeiten neben den Geschenken unterm Baum. „Es ist neben Beerdigungen der Tag, an dem am meisten gelogen wird“, erklärt Professor Christian Stegbauer. Grund dafür ist die versteckte Enttäuschung über falsche Geschenke. Um das zu umgehen, sollte man sich durch Wunschlisten absichern, über was das Familienmitglied sich freut.

Die Studenten haben durch das Projekt „Weihnachtssoziologie“ viel gelernt. „Wir alle müssen Kompromisse eingehen“, findet Valeska Ober-Jung. Es funktioniere nicht, wenn jeder an Weihnachten sein eigenes Ding mache, man müsse viel kommunizieren und aushandeln. Alle Jahre wieder ein neuer Deal.

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