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Jürgen Schlund blickt auf die alten Becken der Schwemmkläranlage in Niederrad. Er arbeitete einst in der neuen Kläranlage und führt nun Gruppen durch das Industriedenkmal.  

Geschichte

Führung durch Schwemmkläranlage in Frankfurt gewinnen

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In Niederrad führen ehemalige Mitarbeiter durch die älteste Schwemmkläranlage Kontinentaleuropas, die heute ein Industriedenkmal ist.

Vom Gestank ist heute keine Spur mehr – kleine Kaulquappen, Algen und andere Pflanzen haben sich die Becken und Kanäle der stillgelegten Kläranlage Niederrad erobert. Es ist kühl und idyllisch in dem Industriedenkmal. Vor der beeindruckenden Kulisse der ältesten mechanischen Klärbeckenanlage Kontinentaleuropas wurden Fernsehfilme gedreht, regelmäßig bieten ehemalige Mitarbeiter Führungen an. Die sechsjährige Charlotta schwärmt vom „Regenbogenwasser und den kleinen Fischchen“ in der stillgelegten Anlage. Und auch wenn es hier nicht mehr stinkt, in der Geschichte der Kläranlage ist der Gestank allgegenwärtig.

„Es stinken die Straßen nach Mist, es stinken die Hinterhöfe nach Urin. Aus den Schlachthöfen stinkt das geronnene Blut. Der zersetzenden Aktivität der Bakterien sind im 18. Jahrhundert noch keine Grenzen gesetzt. Und so gibt es keine menschliche Tätigkeit, die nicht von Gestank begleitet ist“ – die Führung und der Infofilm zur historischen Kläranlage Niederrad beginnen passenderweise mit Zitaten aus Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“.

Verheerende Cholera- und Typhus-Epidemien

In den europäischen Städten des 18. Jahrhunderts herrschten katastrophale hygienische Bedingungen: Die oberirdische Entsorgung von Abwasser durch offene Gräben mitten durch die Straßen bewirkte mehrere verheerende Cholera- und Typhus-Epidemien mit Tausenden Toten. Auch in Frankfurt waren die Zustände unhaltbar. Die Bevölkerung wuchs stetig, 1854 kamen die ersten Forderungen nach einer geordneten Entwässerung auf. 1867 wurde dann ein unterirdisches Kanalnetz gebaut, das teilweise noch heute genutzt wird und die gesundheitliche Situation verbesserte sich. Doch an den Stellen, an denen das Wasser in den Main geleitet wurde, und in den Städten, an denen das stinkende Wasser flussabwärts vorbei strömte, war der Gestank noch immer unerträglich. Deswegen wurde ab 1882 in Niederrad die erste mechanische Klärbeckenanlage auf dem europäischen Kontinent gebaut, die das Abwasser reinigen sollte, bevor es in den Main geleitet wurde.

Blick von außen auf das Industriedenkmal.

„Die Reinigung wurde von den Mitarbeitern per Hand ausgeführt, die Leute haben hier teilweise geschlafen für die Nachtschichten“, sagt Eberhard Christ, der früher selbst im Klärwerk Niederrad arbeitete und nun im Ruhestand durch die beiden Anlagen führt. Fotos an den Wänden des inzwischen unter Denkmalschutz stehenden Industriebaus bestätigen die unvorstellbaren Arbeitsbedingungen: Arbeiter stehen im ungereinigten Abwasser. Nur durch undichte, kniehohe Lederstiefel geschützt, leeren sie den Sandfang, reinigen die Rechenanlage und putzen die Kanäle.

„Das gab die besten Tomaten“

Die Schwemmkläranlage hatte vier unterirdische Becken mit jeweils 82 Metern Länge. Dort wurden die Feststoffe vom Flüssigen getrennt. Sogenannte Spültüren und Spülschlitten wirbelten das Wasser schwallartig auf und schwemmten Ablagerungen weg. Im chemischen Teil der Anlage sorgten schwefelsaure Tonerde und Kalk dafür, dass der Schmutz auf den Boden der Becken sank. Das gereinigte Wasser über den abgesunkenen Feststoffe wurde nun in den Main gespült. Zurück blieb ein stinkender Schlamm, der von Bauern zum Düngen abgeholt wurde: „Das gab die besten Tomaten“, sagt Christ. Teilweise wurde der Schlamm auch mit Hausmüll vermischt und verbrannt.

Keine Schnecke, aber ein altes Rohr.

Die Anlage in Niederrad war für eine Bevölkerung von 140 000 Menschen bemessen, doch dem schnellen Wachstum Frankfurts und den höheren Ansprüchen an Hygiene und Arbeitsbedingungen wurde sie nicht mehr gerecht. Ab 1902 wurde die Anlage erweitert und modernisiert, nun für das Abwasser von 300 000 Menschen. So blieb sie bis 1960 in Betrieb. Dann wurden neue Forderungen nach dem Schutz der Gewässer laut, für die die mechanische Reinigung des Abwassers nicht ausreichte. Ein grundlegender Um- und Neubau war in Niederrad notwendig, die alte Kläranlage wurde zum Industriedenkmal.

Lernen, was nicht in die Toilette gehört

Die Führungen und Erklärungen der Kläranlage durch ehemalige Mitarbeiter könnten „ein Bewusstsein für die Arbeit hinter der Toilette vermitteln“, sagt Susanne Schmid, die die städtische Abteilung Abwasserbehandlung leitet. „Dass solche vermeintlichen Kleinigkeiten die Lebensqualität enorm erhöhen und wie sich das Abwassersystem entwickelt hat“ – das seien wichtige Erkenntnisse für Besucherinnen und Besucher. Auch gerade um zu lernen, „was eben nicht in die Toilette und ins Abwasser gehört“, beispielsweise Medikamente und Mikroplastik aus Kosmetikprodukten.

Nach der Führung durch die alte Kläranlage geht es auch an den Becken des Neubaus vorbei. Der ehemalige Mitarbeiter Eberhard Christ hat die Kinder bereits wohlwollend vorbereitet: „Ach das riecht nur etwas, wie bei deiner Toilette heute morgen.“ Die sechsjährige Schülerin Lisa hat dennoch die stillgelegte historische Anlage zu ihrem Favoriten gekürt: „Hier stinkt es wenigstens nicht.“

Verlosung

Die FR verlost eine Führung durch die historische Schwemmkläranlage in Niederrad für 3 mal 2 Personen am Donnerstag, 8. August, von 15 bis 17.30 Uhr.

Wer gewinnen möchte , registriert sich bis Montag, 5. August, 10 Uhr online unter https://fr.de/gewinnspiel mit dem Losungswort „Kläranlage“.

Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Nur die glücklichen Gewinnerinnen und Gewinner werden informiert.

Weitere Informationen zu der Schwemmkläranlage in Niederrad finden Sie unter http://www.krfrm.de/ krfrm/interaktive-karte/klaerwerk-niederrad-historische-anlage.

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