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Fecher in Frankfurt: Kampf um den „Highpod“

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Von: Florian Leclerc

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Höhenretter vom SEK lassen sich über ein Seil zum „Highpod“ herab“, ein Aktivist bereitet sich auf den Schwung übers Stahlseil zum nächsten Baum vor.
Höhenretter vom SEK lassen sich über ein Seil zum „Highpod“ herab“, ein Aktivist bereitet sich auf den Schwung übers Stahlseil zum nächsten Baum vor. © Renate Hoyer

Tag zwei der Räumung im Fecher: Über einen riesigen Kran lassen sich SEK-Kräfte auf eine 40 Meter hohe Konstruktion ab, um sie zu räumen.

Die spektakulären Szenen, über die am Donnerstag alle im Fechenheimer Wald sprechen, beginnen um 10.16 Uhr. Ein Kran, der am Vortag nahe dem Fechenheimer Wald positioniert wurde, hebt vier in Grün gekleidete Menschen aus dem Spezialeinsatzkommando (SEK) in die Höhe.

Um sich die Dimensionen vorzustellen: Der Kran hat einen Ausleger von 78 Metern. 96 Tonnen Gegengewicht sichern das Fahrzeug, das nahe der Autobahnauffahrt der A66 nach Hanau steht.

Die SEK-Kräfte aus dem Höheninterventionsteam der hessischen Polizei, mit Karabinern und Seilen ausgestattet, schweben untereinander hängend durch die Luft. Der Kran lässt einen von ihnen auf einem Baum ab, wo ein Stahlseil befestigt ist.

Es ist eines von vier Stahlseilen, welche die Highpodkonstruktion sichern. Dabei handelt es sich um einen Baumstamm, der auf einer Eiche mit Baumhaus befestigt ist. Oben weht eine Regenbogenfahne und eine Fahne der antifaschistischen Aktion in 40 Metern Höhe.

Der Mensch stürzt am Seil entlang

Drei Aktivistis – genderneutraler Plural – in blauen Overalls halten sich am Donnerstagmorgen im Baumhaus auf. Eine Person klettert hinaus. Läuft, am Stahlseil gesichert, ein paar Meter über die Traverse und hängt ein Banner auf: „Grüne in Frankfurt, Grüne in Hessen, Grüne in Berlin – und die Bäume fallen trotzdem. Heuchler.“ Das dürfte den parlamentarischen Beobachterinnen Katy Walther und Miriam Dahlke, die für die Grünen im hessischen Landtag anwesend sind, nicht gefallen.

Während die SEK-Leute schweben, ist einer der Aktivistis aus dem Baumhaus in etwa 20 Meter Höhe in Richtung Fahnen geklettert. In luftiger Höhe macht er sich an einem Stahlseil fest. Von unten nähert sich ein Hubwagen mit SEK und Bundespolizei. Von oben schweben die SEK-Menschen heran.

Was macht die Person oben an der Fahne? Sie lässt sich, mit Karabiner gesichert, an dem Stahlseil von dem Highpod zu einem Baum gleiten. Gleiten ist nicht das richtige Wort: Der Mensch stürzt am Seil entlang, kracht gegen Äste, taumelt und bleibt in einem Baum hängen, wo er sich festkrallt. Die Zuschauenden atmen durch. Puh. Zum Glück ist nichts passiert. Es sind diese Szenen, die im Gedächtnis bleiben werden: die durch die Luft schwebenden SEK-Leute, der Schwung übers Stahlseil.

Dabei begann der Morgen einigermaßen entspannt: Friedhelm Ardelt-Theeck vom Aktionsbündnis Unmenschliche Autobahn steht gegen 7 Uhr an der Mahnwache nahe der Haltestelle Kruppstraße. Er hält ein Banner, auf dem steht, dass der Anschluss der achtspurigen A66 an die vierspurige A661 „totaler Irrsinn“ sei.

Solche Polemik liegt ihm. Am Vortag sei er morgens vor und abends nach der Arbeit im Wald gewesen, heute habe er das wieder vor, sagt er. Aber so heftig wie die Proteste im Februar 1989, als der Sofortvollzug für die „Ostumgehung“ (A661) in Frankfurt erlassen wurde – da war er 29 Jahre alt –, seien die Proteste im Fecher bislang nicht. Jede Generation wird auf ihre Art politisiert.

Drei Ermittlungsverfahren, 18 Ordnungswidrigkeitsverfahren

„Ruhig“ sei die Nacht gewesen, „ohne Störungen“, sagt eine Polizeisprecherin am Morgen. Drei Ermittlungsverfahren und 18 Ordnungswidrigkeitsverfahren habe die Polizei am Vortag eingeleitet. Die Person, die am Mittwoch ein Baumhaus nahe der A66 besetzt gehalten habe, habe sich am Abend davongemacht.

Damit sei sie auch einer finanziellen Forderung entkommen. „Die Polizei stellt den Einsatz der Arbeitskräfte in Rechnung“, so die Sprecherin. „Aber: keine Identität, keine Rechnung.“ Allein die Mietkosten für den Kran können mehrere Hundert Euro pro Stunde betragen. Den Kran, die Hebebühne und weiteres Equipment, die für die Räumung nötig seien, habe die Autobahn-GmbH besorgt, sagt ein Sprecher. Die Polizei habe den Bedarf angemeldet.

Seit dem Vorabend hat die Autobahn-GmbH effizient gearbeitet. Wo am Dienstag nahe der A66 noch ein Waldstück war, ist die Fläche plan. Teile der nördlichen und der südlichen Baustraße sind geschottert. Einsatzfahrzeuge wie eine Raupe und eine Walze, ein Rückezug zum Verrücken und Dumper für Sperrmüll sind unterwegs. Sperrmüll, so bezeichnen Polizei und Autobahn-GmbH die Reste der Baumhäuser, die am Donnerstag aus dem Wald entfernt werden. Im Lauf des Tages werden weitere Baumhäuser geräumt und zu Boden gebracht.

Kosten für Autobahn-Ausbau werden steigen

Ortswechsel sind am Donnerstag für Beobachtende möglich – wenn man in Kauf nimmt, möglicherweise eine Stunde lang nicht mehr zurückzukommen. Darauf weist ein Polizeisprecher hin, als nahe dem Parkhaus Borsigallee Baumhäuser fallen, während gleichzeitig der Highpod geräumt wird.

Der Ortswechsel kommt später. Da tun Fällkräne, die die Frankfurter Rundschau am Vortag noch Harvester genannt hat, ihre rasante Arbeit. Der Fällkran packt einen Baum in der Mitte, sägt ihn in Sekunden durch und legt die obere Hälfte ab. Der unteren Baumhälfte ergeht es genauso. Ein hundert Jahre alter Baum: Weg ist er. Es ist so viel leichter, etwas zu zerstören als zu erschaffen.

„Ihr seid nicht allein, ihr seid nicht allein“, schallt durch den Wald, als Aktivistis von Bäumen geholt und weggetragen werden - auch der Mensch, der sich von Baum zu Baum schwang. Die Kampagne „Fecher bleibt“ teilte mit, die Polizei habe am Vortag eine Traverse durchgeschnitten, in der eine Person gesichert gewesen sei. Äste seien auf eine Traverse gestürzt, auf der eine Person kletterte.

Die Autobahn-GmbH zeigte sich zufrieden vom Einsatzverlauf. Bis zum Sommer, so die Sprecherin, würden die Kosten für den Ausbau der A66 evaluiert. 477 Millionen Euro wurden bislang angegeben. Der Baupreisindex habe sich seitdem nach oben entwickelt; Preise etwa für Stahl seien gestiegen. Aktivistis mutmaßen, es könnten eine Milliarde Euro werden – für 2,2 Kilometer Autobahn, die Hälfte davon im Tunnel.

Am Abend zieht die Polizei ihre Bilanz: Der zweite Einsatztag sei insgesamt friedlich und ohne Verletzte verlaufen. Mehr als die Hälfte der Baumhäuser und Strukturen seien im Laufe des Tages geräumt, Personen sicher zu Boden gebracht worden. Sieben Personen kamen vorübergehend in Gewahrsam; fünf wurden vorläufig festgenommen, unter anderem wegen Hausfriedensbruchs, Widerstands und fehlender Personalien. Zwei bis drei Personen dürften demnach noch in Baumhäusern verblieben sein.

Die zeitweisen Verkehrssperrungen werden noch weiter andauern, die A66 bleibt streckenweise gesperrt. An diesem Freitag soll der riesige Kran abgebaut und die Fahrbahn der Borsigallee gereinigt werden. Im Lauf des Sonntags, davon geht die Autobahn-GmbH aus, soll die Strecke wieder für den Verkehr freigegeben werden. (mit ill)

Eine Landtagsabgeordnete der Grünen beobachtet den Einsatz.
Eine Landtagsabgeordnete der Grünen beobachtet den Einsatz. © Renate Hoyer

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