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Fechenheimer Wald vor der Rodung: Ruhe vor dem Sturm

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Von: Florian Leclerc

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Besetzer und Besetzerinnen errichten Baumhäuser. Die Autobahn GmbH will die Fläche für den Ausbau der A66 roden.
Besetzer und Besetzerinnen errichten Baumhäuser. Die Autobahn GmbH will die Fläche für den Ausbau der A66 roden. © Renate Hoyer

Menschen, die den Fechenheimer Wald in Frankfurt besetzt haben, bereiten sich auf die Räumung vor.

Klopf, klopf, ist jemand drin? Niemand öffnet die Tür zu dem Bauwagen nahe dem Parkhaus Borsigallee, in dem sich Menschen, die den Fechenheimer Wald besetzt halten, am Bollerofen wärmen können. Kartoffeln, die noch genießbar aussehen, und zwei erschlaffte Brokkoli liegen zum Mitnehmen in Boxen. Man hilft sich gegenseitig im Wald.

Raschel, raschel, an der Gewöhnlichen Waldrebe vorbei und über Laub und matschige Wege geht es vom Bauwagen aus in den Wald hinein. „Ohne Wald ist alles tot“, steht auf einem Plakat an der Waldgrenze, und „bitte nehmt euren Müll mit“. Holzkonstruktionen, die aussehen, als sollten sie Tipis werden, stehen am Weg. Zu sehen sind Baumhäuser, etwa ein Dutzend, Plattformen in Bäumen, Seile, die sich zwischen Bäumen spannen, eine Küche mit Spülstraße, eine Feuerstelle, Gruben und Barrikaden.

Rund ums Rodungsgebiet gibt es eine Sperrzone. Grafik FR, Quelle Autobahn-GmbH, Hessen Forst
Rund ums Rodungsgebiet gibt es eine Sperrzone. Grafik FR, Quelle Autobahn-GmbH, Hessen Forst © Grafik FR, Quelle Autobahn-GmbH, Hessen Forst

Eine junge Frau, die sich Carla nennt, kniet vor einem Plakat. „Riederwald entlasten, A66 wieder Wald werden lassen, Verkehrswende jetzt“, wird darauf stehen, wenn sie die Buchstaben in Malvenfarbe fertig gemalt hat. Carla lässt sich auf ein Gespräch ein, solange ihre Identität geschützt bleibt. Keine Nennung des Alters, keine Nennung des Klarnamens. Ein schwarzes Tuch verdeckt ihr Gesicht.

Angespannte Stimmung kurz vor der Räumung

Wie ist die Stimmung im Camp kurz vor der Räumung? Sie überlegt und sagt dann, die Stimmung sei angespannt. Schon seit November kündige die Autobahn-GmbH die Rodung an. Das beschäftige sie und wirke sich auf ihren Alltag aus. Sie habe auch die Räumung in Lützerath im Kopf. Und die Räumung im Dannenröder Forst. Dort waren unter anderem Aktivist:innen aus mehreren Metern Höhe gestürzt und hatten sich schwer verletzt. Carla macht sich Sorgen um ihre eigene Sicherheit. Sie habe Angst, dass die Polizei bei der Räumung rabiat vorgehe und Seile kappe, sagt sie. „Die Polizei ist unberechenbar.“

Was sie tun wolle, wenn die Polizei komme? Clara sagt, am sichersten fühle sie sich weit oben, in den Baumhäusern. Die Menschen im Camp gehen ihrer Einschätzung nach mit der bevorstehenden Räumung unterschiedlich um. Manche wollten sich ruhig verhalten und wegtragen lassen. Andere wollten in die Baumhäuser steigen, die angesichts der Höhe schwieriger zu räumen seien. Manche könnten über gespannte Seile wegklettern. Und dann gebe es noch den Highpod, den die Frankfurter Rundschau „Tripod“ genannt hat, also Dreigestell. Dabei ist es ein einzelner Baumstamm, der an einem Baum befestigt ist, verspannt mit Seilen an weiteren Bäumen. Etwa 40 Meter hoch ist die Konstruktion. Oben weht eine Regenbogenfahne. Direkt darunter kann man sich festseilen. „Der Ausblick an Silvester war ganz schön gut“, sagt Clara.

Die „Bild“-Zeitung ist bekanntermaßen keine Freundin der Klimaschützer und -schützerinnen.
Die „Bild“-Zeitung ist bekanntermaßen keine Freundin der Klimaschützer und -schützerinnen. © Renate Hoyer

Ein junger Mann kommt vorbei und bringt drei gebrauchte Handys mit. „Die können wir gut gebrauchen“, sagt sie. An zentraler Stelle im Camp, nahe der Feuerstelle und der Küche, zeigt ein älterer Mann, der sich „LindA“ nennt – „mit großem A“ – den „Freeshop“. Kleidung hängt an Bügeln, es gibt Handschuhe und weitere Dinge – alles kostenlos zum Mitnehmen.

Menschen, die sich mit der Waldbesetzung solidarisierten, hätten die Sachen vorbeigebracht, sagt „LindA“. Wer Bedarf habe, dürfe sich Sachen nehmen. Auch Menschen ohne festen Wohnsitz seien schon da gewesen, um ein Kleidungsstück oder andere Gebrauchsgegenstände mitzunehmen. „Schlafsäcke sind allerdings Mangelware.“ Also, falls jemand noch einen Schlafsack habe und nicht mehr brauche …

Gleichberechtigung soll im Camp gelebt werden

In einem Baumhaus pocht jemand mit einem Hammer auf Holz. In der Küche sitzen Menschen und unterhalten sich. Seit einem Jahr organisieren die Waldbesetzer:innen ihr Leben unter freiem Himmel. Auf einem Whiteboard haben sie eine „To-do-Liste“ geschrieben, damit auch Menschen, die neu dazukommen, die Aufgaben schnell verstehen: Wasser holen, spülen, das Abwasser zum Gulli tragen. Nahrungsmittel besorgen, kochen, Feuerholz hacken, Müll und Altglas wegbringen, die Küche aufräumen, herumliegendes Werkzeug wegräumen, Powerbanks aufladen. Fast wie bei den Pfadfindern oder in einer gut funktionierenden WG.

Das Camp ist ein Ort, an dem gesellschaftliche Gleichberechtigung gelebt werden soll. Rassismus, Sexismus, Homophobie, Transfeindlichkeit oder Faschismus hätten dort keinen Platz, ist auf einem Banner zu lesen, das als Leitbild verstanden werden kann.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.
Die Hoffnung stirbt zuletzt. © Renate Hoyer

Die Polizei ist im Wald allerdings nicht gerne gesehen. In einer Nachrichtengruppe teilen sich Menschen im Wald mit, wenn sie Polizisten in Zivil ausgemacht haben wollen. Die Polizei hält sich mit einigen Streifenwagen rund um den Wald auf. Unter anderem steht ein Streifenwagen vor der Zufahrt zu einer Logistikfläche nahe dem Parkhaus Borsigallee. Die Menschen im Wald nennen den Ort „Containerburg“.

Dort stehen Container auf Containern und bilden eine rechteckige Fläche, die nicht einsehbar ist. Auf den oberen Containern sind außerdem Bauzäune montiert. Flutlichtmasten stehen bereit. Hier, so mutmaßen die Waldbesetzer:innen, brächten die Autobahn-GmbH des Bundes und die hessische Landespolizei die Geräte unter, die zur Rodung beziehungsweise Räumung des Waldes nötig seien. Genaueres erfährt die Öffentlichkeit erst bei einem Mediengespräch am Mittwoch im Polizeipräsidium. Erst nach dem Gespräch wolle die Polizei den Wald räumen, sagte ein Polizeisprecher.

„LindA“ fragt sich, ob wirklich schon am Donnerstag geräumt wird. Dass sei kurz vor dem Wochenende, und am Wochenende sei die Polizei wegen Demonstrationen und Veranstaltungen stark beschäftigt. Wann auch immer die Räumung beginnt, er hoffe, dass die Frankfurter Polizei deeskalierend vorgehe, es keine Verletzten geben werde. „LindAs“ Stimmung kurz vor der Räumung? „Ich spüre die Ruhe vor dem Sturm.“

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