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Michael Weinbrenner (l.) und Thomas Zinn arbeiten an einer Bank für einen Oldtimer und an einem Motorradsitz.

Fechenheim

Fechenheim: Die Sattlerei Weinbrenner

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Die Sattlerei Weinbrenner stellt schon lange keine Sattel oder Zugeschirr mehr her, heute polstert sie vor allem die Sitze von Autos am neuen Standort im Cassella-Park.

Der Name trügt: Die Sattlerei Weinbrenner stellt schon lange keine Sattel und Zuggeschirr für Kühe und Pferde mehr her. Über die Jahrzehnte hat sich das Berufsbild stark gewandelt – mit Fortbewegungs- und Transport-Möglichkeiten hat es dennoch zu tun. „Schon mein Vater hat kontinuierlich auf motorisierte Fahrzeuge umgestellt“, erzählt Geschäftsführer Michael Weinbrenner, der das Familienunternehmen in dritter Generation leitet. „Die Nachfrage nach Zuggeschirr wurde immer geringer, die nach gepolsterter Innenausstattung von Autos dementsprechend mehr. Heute sind wir auf Oldtimer spezialisiert.“

Seit 1927 besteht das Traditionsunternehmen bereits, zunächst mit Sitz im Ostend, seit vergangenem Oktober nun im Gewerbepark Cassella im Fechenheimer Industriegebiet. „Der Standort ist perfekt“, findet Weinbrenner. Die Klassikstadt, Verfechter von Automobil-Kultur und Magnet für Oldtimer-Liebhaber, auf der gegenüberliegenden Straßenseite, mehrere Autohersteller mit Werkstätten und Showrooms um die Ecke. Mit dem neuen Standort wollen er und Thomas Zinn, der als Gesellschafter neu im Boot ist, den Kundenstamm erweitern.

Auf alte Zeiten verweisen im neuen 900 Quadratmeter großen Areal nur noch das Schild „F Weinbrenner Sattlerei“ und sogenannte Nährosse – zum zwischen die Knie klemmen oder die komfortable Version zum Sitzen. „Da hat man das Leder eingespannt und mit zwei Nadeln vernäht“, erklärt Weinbrenner, der selbst nur „Schreibtisch-Täter“ sei. In der „gläsernen Werkstatt“ habe er „fünf Produktive“ angestellt, zwei davon sind Sattler-, einer Karosseriemeister.

Für die große Glasfront habe man sich bewusst entschieden. „Ihre Oldtimer sind für viele ein emotionale Angelegenheit“, sagt er. „Wenn die Besitzer sie in fremde Hände geben, behalten sie gerne im Blick, was da gewerkelt wird. Und natürlich ist auch ein technisches Interesse da.“ Dass eine der Nähmaschinen eigentlich eine Schärfmaschine ist, sieht man nicht auf den ersten Blick. Sie dünnt Leder an den Rändern aus, damit die Übergänge beim Vernähen eben bleiben.

Gearbeitet wird aber nicht nur an Oldtimern, Autos, Flugzeugen und Schiffen. „Gerade haben wir ein Auto da, da hat der Besitzer ein Handicap und braucht eine auf ihn angepassten Sitz“, zeigt Weinbrenner. „Es geht auch viel um Ergonomie“, fügt Zinn an. Spezielle Zahnarzt-Liegen oder Arbeitsplätze für Personen, die viele Stunden am Tag die gleiche Position inne haben, im Büro oder als Lastwagen-Fahrer. Vermehrt möchte man sich der Innenausstattung zuwenden. „Es geht auch immer mehr um die Optik“, weiß Zinn. „Viele lieben die andere Zeit und Geschwindigkeit, die man sich mit etwas Handgemachtem aus natürlichen Materialien ins Haus holt“, sagt Richard Glaser, Karosseriemeister.

Im Büro und in der Werkstatt lagern Regalwände voller Lederrollen, unterschiedlichster Farben, Haptik, Patina und Prägungen. Verarbeitet wird Rind- und Kunstleder, sowie Stoffe und Polstermaterial aller Art. Deshalb müssten die passenden Materialien für jeden Auftrag extra bei Großhändlern in Hamburg oder Holland bestellt werden.

Nach Fritz, Oskar und Michael Weinbrenner wird kein Nachfolger aus der Familie folgen, seine Kinder hätten sich anderweitig orientiert, sagt der Inhaber. „Kein Problem, wenn sie glücklich sind“, findet er. Schon ein Problem sei aber, dass der handwerkliche Nachwuchs ausbleibt, er bilde nämlich auch aus. „Leider bekomme ich weder für Praktika, noch für Ausbildungen Bewerber.“ Dabei sei Sattler kein aussterbender Beruf, nur das Anwendungsfeld habe sich geändert. Ob eine veränderte Berufsbezeichnung hilft, mehr Anglizismen und weniger Erinnerungen an ein vergangenes Jahrhundert?

Die Sattlerei Weinbrennerhat seit Oktober 2018 ihren Sitz im Gewerbepark Cassella, Cassella Straße 30-32. Mehr Infos: www.weinbrenner-frankfurt.de

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