Sabine Lauer freut sich über die Unterstützung. 
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Sabine Lauer freut sich über die Unterstützung. 

Frankfurt-Fechenheim

Die letzte Chance genutzt

  • Sophie Vorgrimler
    vonSophie Vorgrimler
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Gewerbeverein beschäftigt eine ehemalige Langzeitarbeitlose. „Ein Glücksgriff“, sagt Geschäftsleiterin Sabine Lauer.

Der Gewerbeverein hat begrenzte Mittel, sagt Sabine Lauer, Geschäftsleiterin und Vorstandsmitglied des Fechenheimer Gewerbevereins. „Er wäre nicht in der Lage den vollen Lohn zu zahlen.“ „Das Aufgabenspektrum ist breit, langweilig wird mir hier nie“, sagt ihre Mitarbeiterin, die sich in der Presse-Öffentlichkeit lieber Alexandra G. nennt.

Unter Fechenheimer Gewerbetreibenden ist die Mittfünfzigerin aber nicht anonym. Seit vergangenem April arbeitet die ehemalige „Langzeitarbeitslose“ im Rahmen des Teilhabechancengesetzes für den Verein – und hat wichtige Aufgaben übernommen. „Endlich wird mein Engagement wieder wertgeschätzt“, freut sich G. bei einem Treffen im Büro des Vereins. „Wir haben einen Qualitätsmitarbeiter gesucht und einen Glückstreffer gelandet“, sagt Sabine Lauer.

Das Bild der „Langzeitarbeitslosen“ prangern beide an. „Alle gehen davon aus, die Leute sind faul und wollen nichts machen“, kennen sie die Vorurteile. Die Vita von Alexandra G. liest sich anders: Auf eine Ausbildung zur Schriftsetzerin folgt ein abgeschlossenes Studium in Wirtschaftsingenieurswesen und Grafik, später lässt sie sich zur Mediengestalterin weiterbilden. Nach vielen Jahren Arbeitserfahrung fand sie keinen neuen Job. Oft hieß es, man sei ein junges, dynamisches Team, sie sei zu alt und passe nicht rein. „Und wenn man eine Zeit raus aus dem Beruf ist, werten die Arbeitgeber das auch.“

In ihrer Zeit als Arbeitslose engagierte Alexandra G. sich ehrenamtlich im sozialen Bereich, auch in der Hoffnung, dass dort ein Job im Büro für sie frei werden könnte. Sie ließ sich am Computer, in Business-Englisch und Projektmanagement weiterbilden – und verschickte immer wieder erfolglos Bewerbungen. Ein häufiger Grund für die Absagen: Überqualifizierung. „Das ist natürlich frustrierend und macht auch was mit einem“, sagt sie.

Die 2019 eingeführten „Förderzuschüsse für Betriebe bei der Einstellung von Langzeitarbeitslosen“ sollen den Teufelskreis beenden. Jede Firma und jeder Verein könne, wenn die Voraussetzungen erfüllt sind, das Angebot in Anspruch nehmen, sagt Lauer. Einmal in der Woche ziehen Arbeitnehmer und Arbeitgeber bei einem geleiteten Coaching Bilanz.

Der Fechenheimer Gewerbeverein hat sich für die Förderung nach Paragraf „16i SBG II“ entschieden. Das heißt, der Arbeitnehmer ist mindestens sechs Jahre nicht erwerbstätig gewesen, dafür übernimmt das Jobcenter in den ersten beiden Jahren das gesamte Gehalt, dann stufenweise jährlich zehn Prozent weniger. Die Vereinbarung läuft über fünf Jahre. „In dieser Zeit kann man sich auch gut darum kümmern, wie die Stelle weiter finanziert werden kann“, sagt Lauer.

Seit vergangenem April pendelt Alexandra G. jeweils rund eine Stunde von Dornbusch nach Fechenheim und hat sich mittlerweile gut eingearbeitet. „Sie übernimmt verantwortungsvolle administrative Aufgaben. Dadurch gewinnt der Vorstand viel Raum für Stadtteilmarketing und persönliche Präsenz bei Veranstaltungen der Stadt und der Wirtschaftsförderung“, sagt Lauer. Nach einer Schulung zur neuen Datenschutzverordnung sei G. sogar die interne Expertin dafür.

Eine der wichtigsten Veranstaltungen, die der Gewerbeverein in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis der Vereine jedes Jahr auf die Beine stellt, ist der Weihnachtsmarkt. Das heißt: Fördermittel suchen, Werbung machen, Aufbau organisieren. Auch da war Alexandra G. involviert.

„Ich habe viel über Vereinsstrukturen gelernt, auch in Buchhaltung kannte ich mich vorher nicht aus. Ich habe mich einbringen können und viel mitgenommen“, resümiert die Arbeitnehmerin. „Auch der Stadtteil hat an Kraft gewonnen. Ich kann jedem Arbeitgeber nur raten, habt den Mut dazu, einem Langzeitarbeitslosen eine Chance zu geben“, sagt Sabine Lauer.

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