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Einen Verlag hat Ilhami Korkmaz nicht für sein Buch gefunden.  

Frankfurt

Frankfurt: Sozialarbeiter möchte den Geflüchteten eine Stimme geben

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Ilhami Korkmaz hat ein Buch über die Bewohner der ehemaligen Unterkunft im Neckermann-Gebäude in Frankfurt-Fechenheim geschrieben. Es sind Geschichten der Verzweiflung.

Ilhami Korkmaz hat eine Mission. „Jeder Mensch hat eine Mission“, sagt er. Er möchte erzählen. Der 33-Jährige hat das Elend gesehen. Nicht mit den eigenen Augen. Mit den Ohren und ein bisschen mit seiner Vorstellungskraft. Korkmaz hat geflüchtete Menschen betreut. Ein Jahr lang hat der Sozialarbeiter in der Unterkunft im ehemaligen Neckermann-Hauptquartier in Fechenheim gearbeitet. „Mehr habe ich nicht tragen können“, sagt er.

Nicht die Arbeit ist ihm zur Last geworden, die Geschichten haben ihn erdrückt. Die Bewohner haben schnell die Scheu vor dem freundlichen Mann verloren, haben ihm vieles erzählt. Das hat ihn aufgewühlt, die einzelnen Schicksale, sie nagen an ihm. Schließlich hat Korkmaz alles aufgeschrieben. Vielleicht um Ballast abzuwerfen. In erster Linie aber, um andere Menschen auf das Leid der Geflüchteten aufmerksam zu machen. „Das müssen die Leute erfahren.“

Ein ganzes Buch ist daraus geworden. Der Titel: „Flüchtling sein“. „Geld möchte ich damit nicht verdienen“, sagt er und lacht. Er hat nicht einmal einen Verlag gefunden. Aber er lässt nicht locker, die Geschichten lassen nicht locker. Sein Bruder betreibt einen Dönerladen. Als der berichtet, Suhrkamp-Autor Andreas Maier gehe bei ihm ein und aus, lauert Korkmaz dem Literaten auf. Er lacht. Natürlich hat er Maiers gequälten Gesichtsausdruck damals bemerkt. Aber er überzeugt ihn, ein paar Seiten zu lesen. Maier habe ihn bestärkt, sagt Korkmaz.

Der Sozialarbeiter wäre auch ein recht überzeugender Literaturagent. Wenn er über sein Buch redet, bleibt er nicht lange still sitzen. Es beginnt harmlos, aus einem Fingerzeig werden Gesten. Dann fängt er an zu fuchteln, steht auf, läuft auf und ab, wie ein Flüchtling, der rastlos durch die Massenunterkunft irrt.

Der Schock beim ersten Treffen bei Neckermann ist groß, auf beiden Seiten. Korkmaz hatte sich das so schön ausgemalt. Wie er auf die Neuankömmlinge zuläuft, die Arme ausbreitet, sie herzlich willkommen heißt. Dann kommt der Bus. Korkmaz erstarrt. Gebückte, gebrochene Gestalten taumeln ihm entgegen. Sein Überschwang verfliegt. „Augenkontakt war nicht möglich“, sagt er. Einen dicken Kloß im Hals hat er.

Auch die Bewohner tun sich schwer mit ihrer neuen Unterkunft. Hände, die sich mit letzter Kraft an Zettel mit der Zimmernummer klammern, erschlaffen, sobald der Blick auf die Hochbetten in den wie Baracken anmutenden Großräumen für bis zu 100 Menschen fällt. Irgendwie arrangieren sie sich. Korkmaz und Kollegen richten eine Spielhalle ein, mit Spielzeug, Rollern, Fahrrädern. Die entwickelt sich zum Treffpunkt.

Der sogenannte Kinderplanet lockt die Mütter an, später auch Väter. Die Erwachsenen lernen Fahrrad fahren. Korkmaz lacht. Einer, ein gestandenes Mannsbild, traut sich nicht. Der Sozialarbeiter muss ihn überreden. „In fünf Tagen hat er Radeln gelernt“, sagt Korkmaz stolz. Er hat Kontakt gehalten. Sein ehemaliger Schützling radelt heute jeden Tag zum Deutschkurs. Auch seine Geschichte steht im Buch.

Korkmaz begleitet seine Protagonisten auf der Flucht. Wir treffen verzweifelte Syrer, Iraker, Afghanen. Etwa Hassan, der seine Angst vor den Kindern verbergen möchte. Wegen einer Ausgangssperre sitzen alle zu Hause fest. Draußen fallen Bomben. Auch sein Sohn, der achtjährige Firat, sorgt sich. Nicht wegen der Soldaten vor der Tür, sondern weil er einem Freund fünf Murmeln geliehen hat. Wie soll er die jetzt zurückbekommen, es ist doch Ausgangssperre? Sein älterer Bruder tröstet ihn. Er werde sie für ihn zurückgewinnen, verspricht er.

„Viele haben alles verloren“, sagt Korkmaz. Ihr Haus, ihre Wohnung, ihre Gärten. „Es sind Orte, an denen niemand mehr sein Kind Umut nennen möchte“, sagt Korkmaz. Umut, Hoffnung, gibt es dort nicht mehr. Die Menschen wissen, sagt Korkmaz, dass ihre Flucht in den Tod führen kann. „Sie alle kennen die Bilder der Boote auf dem Mittelmeer.“ Trotzdem machen sie sich auf den Weg. „Zu Hause gibt es keinen normalen Regen mehr“, sagt Korkmaz. „Die Tropfen sind rot gefärbt.“

Sozialarbeiter Korkmaz hat nach der Arbeit geschrieben, nachdem die beiden kleinen Söhne zu Bett gegangen sind. Manchmal hätte er die ganze Nacht arbeiten können, sagt er. Er schreibt auf Türkisch, eine Bekannte übersetzt. Die Namen hat er geändert und ein bisschen die Geschichten weitererzählt. Er könne sich gut in die Menschen hineinversetzen, sagt er. Und Migrant ist er obendrein. Aufgewachsen in Urfa, im Süden der Türkei oder, je nach Sichtweise, im Norden Kurdistans.

„Bei uns ist das Leben einfach“, sagt Korkmaz und seufzt. Seinen ersten Kinofilm hat er mit 20 Jahren gesehen. Der junge Mann studiert Wirtschaft. Aber ohne Beziehungen gibt es keine Jobs. Mehr Chancen verspricht das Studium „Betreuung und psychosoziale Beratung“. Tatsächlich findet er eine Stelle als Schulsozialarbeiter in Mardin, in der Grenzregion zu Syrien.

Es sind harte Zeiten, die Menschen haben andere Sorgen, als die Talente ihrer Kinder zu fördern. Einer Mutter sagt Korkmaz: „Dein Kind kann wunderbar malen.“ Sie antwortet: „Aber kann er Geld verdienen? So, dass es zum Überleben reicht?“

„Die Leute wollen dort nicht bleiben, sie versuchen, ein besseres Leben zu finden“, sagt Korkmaz. Auch ihn treibt es fort, seine Frau ist Frankfurterin, sie ist mit ihm nach Mardi gezogen. Nun ziehen sie an den Main. „Frankfurt ist unsere Stadt“, sagt Korkmaz, die Familie bewohnt eine kleine Wohnung im Europaviertel, gemütlich ist es dort.

Korkmaz ist inzwischen in einer Kita am Frankfurter Berg beschäftigt. Irgendwann wird er vielleicht wieder mit geflüchteten Menschen arbeiten. Aber erst möchte er sein Deutsch verbessern. Und ein bisschen Abstand gewinnen von den Geschichten aus der Flucht.

Das Buch

„Flüchtling sein“ ist zu erwerben beim Online-Verlag epubli. Kontakt zum Autor: ilhami-korkmaz636(at)hotmail.com.

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