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Der stolze Hausherr: Michael Guntersdorf, Geschäftsführer der städtischen Dom-Römer-GmbH, auf dem Hühnermarkt.

Frankfurts neue Altstadt

"Es ist sicher etwas elitärer geworden"

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Der Bauzaun fällt, die neue Altstadt wird begehbar. Dann kann sich jeder sein eigenes Bild von dem mehr als 200 Millionen Euro teuren Prestigeobjekt machen. Ein Gespräch mit dem Verantwortlichen Michael Guntersdorf.

Herr Guntersdorf, als Sie im Jahre 2009 verantwortlich wurden für die neue Frankfurter Altstadt, war das ja noch gar kein richtiges Projekt. Wie würden Sie die Anfänge aus heutiger Sicht einordnen?
Es war damals ein Traum. Aber natürlich auch eine Idee, aber mehr eine fixe Idee. Aber dadurch, dass alle eng zusammengearbeitet haben, entstand relativ schnell aus einer fixen Idee ein wirkliches Projekt.         

Die Zahl der rekonstruierten Altstadthäuser ist immer weiter gewachsen. Ergibt das Sinn?
Ja, durchaus. Wie der Hühnermarkt ja zeigt, war es gut, Rekonstruktionen und nachempfundene Gebäude zu mischen. So ist ein gutes Ensemble entstanden. Es vermittelt sehr schön, wie die Altstadt vor dem Zweiten Weltkrieg aussah.

Es hat früh einen Gestaltungsbeirat unter dem Vorsitz des renommierten Frankfurter Architekten Christoph Mäckler gegeben. Was hat dieses Gremium bewirkt?
Der Gestaltungsbeirat hatte für uns als Dom-Römer-GmbH wichtige Funktionen. Zum einen hat er uns den Rücken freigehalten, wenn es darum ging, ein bestimmtes gestalterisches Niveau durchzusetzen. Da konnten wir uns immer auf die Architekten und Fachleute des Beirats verlassen. Seine Durchsetzungsfähigkeit bei der Politik war wesentlich größer als unsere. Zum Zweiten konnten wir mit dem Beirat besser diskutieren als mit den Laien aus der Politik.

Sie selbst sind Architekt und hatten von Anfang an ein Bild von der Altstadt vor Augen.
Das ist richtig. Mir ging es nicht darum, eine Architekturausstellung zu schaffen, sondern ich wollte einen funktionierenden Stadtteil. Allerdings konnte ich als Architekt auch nicht mit allem einverstanden sein, was da so an Ideen kam.

Zum Beispiel?
Wir diskutieren zum Beispiel noch intensiv, was wir mit dem westlichen U-Bahn-Ausgang machen. Also dem großen Ein- und Ausgang auf der Römerbergseite.

Welches Problem sehen Sie da?
Hier fehlt noch ein Stück Altstadt. Es muss noch ein Stadtraum gestaltet werden. Es braucht noch einen baulichen Querriegel, der von Süden nach Norden führt und der gleichsam den Zugang zum Krönungsweg freigibt und fasst, auf dem man dann durch die Altstadt gehen kann.

Sie haben immer wieder Wert darauf gelegt, dass die neue Altstadt ein Wohnviertel für die Frankfurterinnen und Frankfurter wird und nicht in erster Linie eine Touristenattraktion.
Das stimmt. Mir geht es um Stadtreparatur. Diese Stadtreparatur dient in erster Linie den Menschen, die hier leben. Und in zweiter und dritter Linie kommen die Touristen.

Ich melde da mal Zweifel an. Die städtische Tourismus-GmbH plant, zwei Millionen Touristen im Jahr durch die Altstadt zu schleusen. Wie kann das Quartier dann noch als Wohnviertel funktionieren?
Es ist natürlich die Aufgabe der Tourismus- und Congress-GmbH, den Standortfaktor Tourismus zu stärken. Die Stadt Frankfurt steht da schließlich im internationalen Wettbewerb, auch wirtschaftlich. Das heißt: Die Altstadt ist auch ein weicher Standortfaktor, der zum Beispiel Menschen anlocken kann, die jetzt noch in London arbeiten.

Die Tourismus-GmbH wirbt sogar in China mit der Altstadt. Entsteht da nicht vor allem ein Disneyland für Touristen, wie der frühere Planungsdezernent Martin Wentz mal gesagt hat?
Das sind für mich Empfindlichkeiten eines Berufsstandes. Wenn man viele dünne Bretter bohrt, wird kein dickes daraus. Ich werde im November im Deutschen Architekturmuseum in einem Vortrag meine fachliche Sicht als Architekt darlegen.

Zuvor gibt es Ende September das große Eröffnungsfest für die Altstadt. Dessen Kosten von 1,5 Millionen Euro werden zum Beispiel von FDP und Linken im Römer kritisiert.
Mir ist es wichtig, dass wir da nichts Abgehobenes machen, das mit Frankfurt nichts zu tun hat. Es sollen keine beliebigen Leute auftreten, die kurz anreisen, Geld verdienen und dann wieder abfahren. Wir wollen Frankfurter Institutionen aufbieten wie zum Beispiel den Cäcilienchor oder die Domkonzerte. Wir müssen aufpassen, dass das Ganze nicht zum ZDF-Fernsehgarten mutiert.

Zeichnen Sie nicht ein Bild von der Altstadt, das es in Wahrheit nie gab? Die historische Altstadt war immer das Schmuddelviertel Frankfurts mit den Metzgerschirnen, von denen aus das Blut in den Main floss ...
... das war im 17. Jahrhundert.

Aber die Altstadt war schwierig von den Wohnverhältnissen her, enge Gassen, schlecht belichtete Wohnungen oder?
Das ist auch so ein schiefes Bild. Der Krönungsweg zwischen Dom und Römer wurde von den Frankfurtern immer akzeptiert. Auch für den Samstagsausflug der bürgerlichen Familie. Es gab sicherlich einige Teile der Altstadt, die sozial schwierig waren. Einige Gassen waren unhygienisch. Es gab aber auch fünf Meter hohe Erdgeschosse wie etwa in der Goldenen Waage.

Aber kehrt die neue Altstadt nicht zu städtebaulichen Maßstäben zurück, die wir längst überwunden glaubten: enge Gassen, kleine Plätze?
Das tun wir. Aber das ist mir lieber als der sozialistische Wohnungsbau des 20. Jahrhunderts.

Was meinen Sie damit?
Wohnungsblocks in Zeilenbauweise, wie Sie in den 50er und 60er Jahren von der Nassauischen Heimstätte oder der Neuen Heimat gebaut worden sind. In der Altstadt haben wir das genaue Gegenteil gemacht. Dadurch ist es sicher etwas elitärer geworden. Aber wir können in der Stadtmitte heute aufgrund der Bodenpreise keinen sozialen Wohnungsbau mehr machen.

Es sind in der Altstadt teure Eigentumswohnungen entstanden, die sich nur wenige Menschen leisten können.
Das gilt generell für Eigentumswohnungen in nachgefragten Großstädten wie Frankfurt. Wenn Sie preiswertes Eigentum suchen, müssen Sie nach Mittelbayern oder Mecklenburg-Vorpommern gehen. Wo die Nachfrage hoch ist, sind die Preise hoch.

2005 gab es einen städtebaulichen Wettbewerb für das Gelände der heutigen Altstadt, den der Architekt Jürgen Engel mit modernen Gebäuden gewann. Die Politik setzte sich darüber hinweg. Aber es wäre möglich gewesen, zwischen Dom und Römer mit moderner Architektur Zeichen zu setzen.
Aber die moderne Architektur enttäuscht. Sie bietet keine Urbanität. So etwas ist in der Innenstadt nicht erlaubt. Das ist unsittlich. Das negative Beispiel ist für mich das Europaviertel.

Warum löst moderne Architektur nicht die positiven Emotionen aus, die es bei der Altstadt gibt?
In den wenigsten bürgerlichen Wohnstuben finden sie kubistische Bilder. Der moderne Städtebau hat versagt. Bei der Altstadt haben wir ein kleines Zeitfenster genutzt. Eine längere Diskussion hätte das Projekt kaputt gemacht.

Interview: Claus-Jürgen Göpfert

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