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Besucher vor den historischen Fotos, die den Vernichtungskrieg der Wehrmacht zwischen 1941 und 1944 dokumentieren sollen.

Wehrmachtsausstellung

"Paulskirche war der richtige Ort"

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20 Jahre danach: Frankfurt diskutiert den Kampf um die Wehrmachtsausstellung 1997. Es war ein nicht unumstrittener Bruch mit der Legende von der "sauberen" Wehrmacht.

So viele Emotionen, so viel Kontroverse, auch noch nach fast 20 Jahren. Die Menschen sitzen dichtgedrängt im Chagall-Saal des Schauspiels, während auf dem Podium ein spannendes Kapitel der Frankfurter Nachkriegsgeschichte noch einmal aufgeblättert wird: Der Kampf um die Wehrmachtsausstellung in der Paulskirche im Jahre 1997.

„Ein Schlag in die Magengrube“ sei diese Frankfurter Schau damals gewesen, erinnert sich der seinerzeitige Chef des FAZ-Feuilletons, Ulrich Raulff, heute Direktor des Deutschen Literaturarchivs in Marbach. Die Wehrmachtsausstellung dokumentierte die Verbrechen der deutschen Armee zwischen 1941 und 1944, ihre Beteiligung am systematischen Morden jüdischer Bürger, aber auch vieler anderer Menschen in den eroberten Gebieten.

„Diese Ausstellung hat die Tür zum 21. Jahrhundert aufgestoßen“, resümiert Raulff. Vor allem durch „den Gebrauch der Bilder“, der exemplarisch die Macht des Gezeigten demonstrierte. „Leichenberge, Erhängte, von Landsern aufgenommen“: Das hatte es so zuvor noch nicht gegeben in der Bundesrepublik, das war ein Tabubruch. Ein Bruch mit der Legende von der „sauberen“ Wehrmacht, die nicht beteiligt gewesen sei am blutigen Tun der SS und anderer Schergen.

Und der Literaturwissenschaftler Hanno Loewy blendet noch einmal zurück auf die heftige Kontroverse, die damals in Frankfurt aufbrach. „Machtkämpfe in der Frankfurter CDU“, deren rechter Flügel, schon damals repräsentiert von Erika Steinbach, „die Ehre der Soldaten“ beleidigt sah. Als die Ausstellung am 13. April 1997 eröffnet wurde, blieb Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) fern.

Ignatz Bubis, Vorsitzender des Zentralrates der Juden in Deutschland, sprach in der Paulskirche zur Eröffnung, ebenso der damalige hessische Ministerpräsident Hans Eichel (SPD) und Kulturdezernentin Linda Reisch (SPD). Die Menschen stürmen die Ausstellung, kommen von weither, um sie zu sehen. Bereits in der ersten Woche sind es 18.000 Personen, in sechs Wochen dann mehr als 100.000. Die Stadt entschließt sich am 27. April 1997, die Paulskirche täglich von 10 bis 21 Uhr geöffnet zu halten.

Loewy, der Gründungs-Direktor des Fritz-Bauer-Instituts in Frankfurt, macht deutlich, welcher Schock die Dokumentation für das bis dahin vorherrschende Geschichtsbild war. „Eine Melange von Untergangsfantasien und Heldengeschichten“ habe die Wehrmacht verklärt, immer sei angebliche Tragik mit im Spiel gewesen. Täter seien in Opfer verwandelt worden.

Das bleibende Verdienst der Ausstellung sieht Loewy darin, dieses Verhältnis richtiggestellt zu haben. Der 75-jährige Hannes Heer, damals Organisator der Schau, lobt noch heute „die Zivilität dieser Stadt Frankfurt“. In München sei der Protest wesentlich stärker gewesen, habe der CSU-Politiker Peter Gauweiler „den Mob mobilisiert“. Unter Beifall kommentiert Heer: „Die bayerische Politik ist immer noch vorzivilisatorisch und vordemokratisch.“

Reisch erinnert sich, dass die Ausstellung ursprünglich für das Karmeliterkloster vorgesehen gewesen sei, dass aber durch eine andere Schau blockiert gewesen sei: „Ein glücklicher Zufall.“ Eine breite Mehrheit habe für die Paulskirche als Ort plädiert, weil sie eben mit der ersten Nationalversammlung von 1848 die Quelle der Demokratie gewesen sei. „Wir waren alle der Meinung: Die Paulskirche ist der Ort!“

Doch das Bild der Geschlossenheit im Chagall-Saal bekommt bald Risse. Als Ruth Wagner (FDP), damals Vize-Präsidentin des Hessischen Landtags, urteilt: „Die Bilder in der Paulskirche hätten in einen Kontext gestellt werden müssen“, erntet sie erregte Zwischenrufe aus dem Publikum. „In jedem Haushalt, in dem es Überlebende des Holocausts gab, war diese Erinnerung präsent, mussten wir die tägliche Milch der Frühe trinken“, sagt ein älterer Mann bitter.

Er bezieht sich auf die „Todesfuge“ des Dichters Paul Celan über den Holocaust, in der es heißt: „Schwarze Milch der Frühe, wir trinken dich nachts, wir trinken dich morgen und mittags, wir trinken dich abends, wir trinken und trinken.“
Wagners Worte seien „nicht hinnehmbar“, sagt der Mann.

Als Linda Reisch behauptet, „wissenschaftlich“ sei die wahre Rolle der Wehrmacht schon vor der Ausstellung „längst klar“ gewesen, erntet sie wütenden Widerspruch von Hannes Heer. „Das ist eine Legende, Frau Reisch!“ Die offizielle Darstellung des Militärgeschichtlichen Forschungsinstituts der Bundeswehr habe dem Holocaust „nur sechs Seiten“ gewidmet: „Die deutschen Soldaten waren vorher Opfer!“ Beifall im Publikum.

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