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Der Schal aus Wittenberg, den Rudolf Kriszeleit vor dem heimischen Buchregal trägt, stammt aus dem vorigen Jahr. 2021 wird es dann einen Kirchentagsschal aus Frankfurt geben.

Kirchentag

"30 Millionen Euro sind der Deckel"

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Rudolf Kriszeleit erklärt, warum ein Kirchentag sein Geld wert ist, es dort nicht nur Vegetarisches geben soll und welcher seiner Berufe für ihn der schönste von allen war.

Er war schon Staatsanwalt, Referent der FDP-Landtagsfraktion und Staatssekretär. An verantwortlicher Stelle war er dabei, als die evangelische Kirche in Hessen mit dem Sparen anfing, Der Jurist und Volkswirt gehört mehreren Stiftungsräten an, arbeitet heute wieder als Rechtsanwalt und ist bei alldem seiner Geburtsstadt Frankfurt treugeblieben. Nun soll er dafür sorgen, dass der ökumenische Kirchentag 2021 in Frankfurt zu einem Erfolg wird. Wir treffen ihn in seinem Wohnhaus im Stadtteil Kalbach, wo die Familie seit 30 Jahren zu Hause ist.

Herr Kriszeleit, Sie sind Jurist, was ja in der Familie liegt. War es für Sie logisch, in die Fußstapfen Ihres Vaters zu treten? Von Rebellion keine Spur?
In der Tat, Rebellion war nicht angesagt. Ich bin allerdings nicht sofort in die Fußstapfen meines Vaters getreten. Das ging auch gar nicht, denn ich war direkt nach dem Abitur für fünf Monate in einem Lungensanatorium im Schwarzwald, in Sankt Blasien. Ich gehörte zu jenen 24 Frankfurter Ziehenschülern, die 1973 von Lungen-Tbc betroffen waren. Danach hat mich erst einmal die Medizin besonders interessiert, ich habe auch ein paar Vorlesungen besucht. 

Arzt sind Sie aber dennoch nicht geworden.
Nein, so richtig gepackt hatte es mich dann doch nicht, und außerdem war meine Abiturnote für Medizin nicht gut genug. Für Politik hatte ich mich schon lange interessiert, und so bin ich doch zur Juristerei gekommen. Damals hat man allerdings von einer Juristenschwemme gesprochen, weshalb ich auf Anraten meines Vaters noch Volkswirtschaft studiert habe. Und das hat sich auch gelohnt. 

Wie war das für Sie, fünf Monate weg von zu Hause zu sein, mit einer so ernsten Erkrankung weitab von der Familie?
Ich war das erste Mal weg von zu Hause und war auch das erste Mal mit ganz anderen Menschen zusammen, älteren Menschen, Menschen ohne höhere Schulbildung, Handwerkern, sehr bodenständigen Leuten. Einer spielte Schlagzeug in einer Rockband, was mir sehr imponiert hat.

Was haben Sie aus dieser Zeit mitgenommen?
Immer noch ein großes Interesse an der Tuberkulose, die seit einigen Jahren ja wieder zunimmt. Und ich hatte viel Freude daran, mit so vielen sehr unterschiedlichen Menschen zusammen zu sein.

In Ihrer Biografie fällt auf, dass Sie sich fast ausschließlich in Frankfurt und dem näheren Umfeld bewegt haben. Jetzt gehören Sie doch der FDP an, und man hat so im Hinterkopf, dass diese Partei sehr für eine hohe Mobilität gerade junger Menschen eintritt, die Welt, gerade die Berufswelt, als ein globales Dorf beschreibt. Wieso sind Sie so bodenständig?
Beruflich stimmt das schon. Meine Frau und ich sind gebürtige Frankfurter, und wir haben auch immer darauf geachtet, dass unsere Autos ein F im Nummernschild tragen, auch in der Zeit, in der ich in Wiesbaden oder Darmstadt gearbeitet habe. Ich war aber auch unterwegs.

Wohin ging die Reise?
Nach Studium und Diplom bin ich sechseinhalb Monate mit dem Rucksack durch die Welt gereist, als das noch nicht unbedingt üblich war. Israel, wo ich im Kibbuz mitgearbeitet habe, morgens um 4 Uhr zur Zwiebelernte raus, Ostafrika, Südafrika, schließlich habe ich mich wie verabredet mit einem guten Freund am 30. Dezember 1979 um 12 Uhr an der Hauptpost in Buenos Aires getroffen. 

Das hat geklappt?
Ja. Wir sind dann bis nach Feuerland gefahren und wieder zurück. Während des juristischen Referendariats habe ich für sechs Monate bei der deutsch-indonesischen Handelskammer in Jakarta gearbeitet. Mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit war ich noch an EU-Aufbauprojekten in Osteuropa beteiligt, zum Beispiel neun Wochen in Estland. Ich war aber immer wieder froh, nach Frankfurt zurückzukommen.

Muss man reisen, um die Welt zu verstehen?
Wir haben unsere Kinder unterstützt, wenn sie in die Welt hinauswollten. Aber es wäre arrogant zu behaupten, anders könne man die Welt nicht verstehen.

Sie waren mehrmals in Israel. Warum?
Mich faszinierte die Geschichte dieses damals jungen, dynamischen, optimistischen Landes, seitdem mich ein Pfarrer im Religionsunterricht in der Oberstufe für die Verbrechen des Dritten Reiches sensibilisiert hatte. 

Wie sehen Sie heutige Entwicklungen, dass Antisemitismus anscheinend wieder zunimmt oder zumindest wieder offener artikuliert wird?
Verheerend. Aber ich beobachte seit vielen Jahren, dass es antisemitische Haltungen in Deutschland gibt. Das war nie weg. Seit 40 Jahren gehöre ich der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit an und finde es unerträglich, wenn über die Einzigartigkeit dieses Völkermordes, der Ermordung der Juden, hinweggegangen wird. Unsere zivilisatorische Decke ist tatsächlich sehr dünn.

Kommen wir zu Ihrer beruflichen Laufbahn. Sie waren Staatsanwalt, Referent der FDP im hessischen Landtag, Staatssekretär im Justizministerium, Geschäftsführer der Investitionsbank, Finanzreferent der evangelischen Kirche und anderes mehr. Es scheint, Sie bleiben nie lange. 
Ich bin kein unsteter Mensch. Ich bin und bleibe Frankfurter, lebe seit 37 Jahren mit derselben Frau zusammen. Mich haben aber immer die neuen Herausforderungen gereizt, mir kam dabei meine doppelte Ausbildung zugute. Und ich bin extrem neugierig. Deshalb war auch Staatsanwalt der schönste Beruf, da durfte ich unbegrenzt neugierig sein. 

Als Finanzreferent der Kirche haben Sie mit dem Sparen begonnen. Wie war das?
Es war jedenfalls neu und unbekannt. Sparen in der reichen Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau war bis dahin nicht notwendig gewesen. Dann brachen die Kirchensteuern ein. Gleichzeitig gilt in der Kirche der Grundsatz, dass keine Schulden gemacht werden. Also mussten die Kosten runter, auch beim Personal. Man sollte beispielsweise nicht mehr automatisch Pfarrer werden können, wenn man Theologie studiert hatte. 
 
Die Zahl der Kirchenmitglieder sinkt, auch heute muss noch weiter gespart werden. Kirche verliert an Bedeutung. Macht Ihnen das als engagiertem Christen Sorgen?
Als ich mich 1995 der EKHN vorstellte, hieß es auch schon, dass Kirche an Bedeutung verliere. Gruppierungen wie die christlichen Kirchen aber sind ganz zentral für die Gemeinschaft. Das heißt nicht, dass alle gläubig sein müssten. Aber es müssen Haltungen und Werte vorgelebt werden, die für alle beispielhaft sein könnten. Die Kirche hat heute weniger Mitglieder, aber ihre Positionen zu gesellschaftlichen Fragen haben an Bedeutung eher gewonnen. 

Wo sehen Sie Ihre Kirche besonders vorbildlich unterwegs?
Schon in den 90er Jahren haben wir diskutiert, ob man ethische Grundsätze beim Anlegen von Geld beachten sollte. Heute ist die EKHN führend in der Frage ethischer und nachhaltiger Grundsätze bei der Geldanlage. Da war die Kirche Wegbereiter. Ein anderer Punkt: Ich war zwar nicht begeistert, dass Pfarrer im Hüttendorf predigten, da ich für den Ausbau des Flughafens und nicht gegen die Startbahn-West war. Aber dass so etwas möglich war, dass darüber gestritten werden konnte, finde ich gut und richtig. 

Im Jahr 2021 soll in Frankfurt der dann dritte ökumenische Kirchentag stattfinden. Sie sind jetzt zusammen mit ihrem katholischen Partner Bernd Heidenreich zum Vorsitzenden des Vereins gewählt worden, der den Kirchentag organisieren und durchführen soll. Welche Aufgaben kommen da auf Sie zu?
Wir müssen etwa dafür sorgen, dass Räumlichkeiten der Messe rechtzeitig reserviert werden. Das war das Allererste, was wir getan haben.

Das Messegelände steht also zur Verfügung?
Da haben wir schon vor vier Jahren angefragt und einen möglichen Termin für den Kirchentag benannt. Also lange, bevor die endgültige Entscheidung für Frankfurt überhaupt getroffen war. Zurzeit laufen die Gespräche mit den Kirchen, der Stadt und dem Land Hessen wegen der Finanzierung. Wir kümmern uns darum, dass genug Menschen an der organisatorischen Vorbereitung mitwirken, schließlich werden allein dafür 120 Personen gebraucht. 

Der ökumenische Kirchentag in München hat 26 Millionen Euro gekostet. Kommen Sie damit aus?
Intern haben wir gesagt, wir sind für einen 30-Millionen-Haushalt verantwortlich. Das ist der Deckel. 

Was ist das Teuerste am Kirchentag?
Das sind die Mieten für die Hallen, die Hallenstände, Brandschutz, Abfallwirtschaft. Wir wollen ein grüner Kirchentag sein, auf Einweggeschirr möglichst verzichten, nachhaltige Materialien einsetzen, solche Dinge. Biologisches Essen aus der Region, aber vom Zwangsvegetarischen für alle, so etwas typisch Protestantischem, sind wir weggekommen. Es wird also auch Fleisch geben. 

Etwa die Hälfte des Geldes kommt ja durch die Teilnehmerbeiträge wieder rein. Aber warum brauchen diese zwei reichen Kirchen noch Geld vom Land und der Stadt Frankfurt?
Wir als EKHN würden zusammen mit den Bistümern Mainz und Limburg einen Kirchentag auch schultern können, wir geben etwa acht bis zehn Millionen Euro aus. Aber er würde sicher kleiner werden, denken Sie nur an den Abschlussgottesdienst im Waldstadion. So etwas wäre vielleicht nicht möglich ohne Zuschussgeber. Außerdem hat so ein Kirchentag 150 000 bis 200 000 Besucher. Das ist für eine Stadt wie Frankfurt auch wirtschaftlich von Interesse. Da kommt wieder rein, was als Zuschuss gezahlt wird.

Braucht man überhaupt einen so großen Event, mit Waldstadion und dem gesamten Messegelände? Verdeckt das nicht die kirchlichen Inhalte?
Der Kirchentag ist eine tolle Chance, in einer großen Gruppe zusammen zu sein, christliche Gemeinschaft zu erleben. Man erkennt sich gegenseitig am Kirchentagsschal, ist in der Öffentlichkeit erkennbar. Wir wollen als große Gruppe in die Öffentlichkeit treten, zur Kenntnis genommen werden. Und wenn man viele Menschen auf die Beine bringt, interessieren sich auch wichtige Menschen wie Gewerkschaftsführer, Wirtschaftsvertreter, Vertreter von zivilgesellschaftlichen Organisationen oder Politiker dafür, kommen gerne zu einer Veranstaltung und diskutieren mit uns. 

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