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Heiko Nickel hat den Radentscheid Frankfurt mit initiiert.

Radentscheid Frankfurt

Kämpfer für die Verkehrswende

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Heiko Nickel hat den Radentscheid Frankfurt mit initiiert.

Auf seinem Crossrad mit dem sportlichen Triathlonlenker kommt Heiko Nickel gerade aus dem städtischen Radfahrbüro. Während der Magistrat bis zuletzt um eine Formulierung gerungen hat, wie mit dem Radentscheid umzugehen sei, laufen die Absprachen auf Verwaltungsebene längst. „Ich habe eine Prioritätenliste vorgestellt, wo genau 15 Kilometer Radwege pro Jahr gebaut werden könnten“, sagt Heiko Nickel, Mitinitiator des Radentscheids. Für Samstag ist eine Informationsveranstaltung geplant.

Heiko Nickel ist ein Tausendsassa im Kampf für die Verkehrswende. In Seckbach, wo der zweifache Familienvater wohnt, macht er mit bei der Aktionsgemeinschaft für die Verkehrsberuhigung der Wilhelmshöher Straße. Mit der lokalen Greenpeace-Gruppe züchtet er Bienen. Im Hauptberuf ist er politischer Geschäftsführer des alternativen Verkehrsclubs Deutschland (VCD) in Hessen und arbeitete zuvor in Verkehrsunternehmen und Agenturen. Studiert hat er Geografie und Biologie an der Goethe-Universität Frankfurt und sich danach zum Entwickler von Apps weiterbilden lassen.

Auf die Frage, warum Mobilität sein Lebensthema geworden sei, erzählt Heiko Nickel eine Anekdote. Sein Großvater habe ihm das Radfahren beigebracht, auf einem Kinderrad am Main. Damals habe der Großvater gesagt: „Heiko, es gibt viele große Erfindungen, aber alle haben einen gewissen Nachteil. Das Rad ist die einzige große Erfindung, die keinen Nachteil hat.“ Das habe er sich bis heute gemerkt.

Heiko Nickel ist 49 Jahre alt und hat weißes Haar. Trotzdem wirkt der schlanke Mann, der schnell spricht und schnell gestikuliert, jugendlich frisch. Mit schwungvollen Handbewegungen untermalt er seine Argumente. „In Frankfurt ist die Verkehrswende überfällig“, sagt er.

Seit einem Jahr macht  Nickel beim Radentscheid mit

Hier geboren, fahre er seit rund 45 Jahren Rad in der Stadt. Er kenne die problematischen Stellen wie am Hauptbahnhof nur zu genau. In der Regel schwimme er sicher im Verkehr mit. Sein Crossrad hat Reflektoren, LED-Leuchten und Scheibenbremsen.

Seit einem Jahr macht Heiko Nickel beim Radentscheid mit. Der hat mehr als 40 000 Unterschriften von Frankfurter Bürgern gesammelt, um den Radwegebau voranzutreiben. „Ich selbst fahre verhältnismäßig sicher. Beim Radentscheid musste ich erst lernen, dass ich das nicht für mich tue, sondern für Menschen jeden Alters, von acht bis 88 Jahren, die auch sicher in der Stadt unterwegs sein sollten“, sagt er.

Ein Erweckungserlebnis habe er in Kopenhagen gehabt. An die Frankfurter Verhältnisse gewohnt, sei er mit dem Rad an der Ampel vorgefahren, um zu schauen, ob und wo der Radweg weitergehe. Die anderen Radfahrer hätten verwundert geschaut. Natürlich ging der Radweg auf der anderen Straßenseite weiter. Damals habe er gemerkt: Es geht auch besser.

Bereichert habe ihn eine weitere Erfahrung aus der italienischen Hauptstadt Rom; die hat er vor und nach der City-Maut kennengelernt. Vor der City-Maut habe es Befürchtungen gegeben, die Wirtschaft werde leiden; doch danach hätten die Handwerker auf der Fahrt zum Kunden nicht mehr im notorischen Stau gestanden. Die City-Maut habe Rom, aber auch Städten wie London, Mailand, Oslo, „mehr Wirtschaftskraft und Lebensqualität“ beschert. Als Privatmann fordere er die City-Maut auch in Frankfurt.

Schon Drohungen im Netz

Doch mit solchen Forderungen hat er schon negative Erfahrungen gemacht. Manche Autofahrer hätten ihn in sozialen Netzwerken beschimpft und bedroht, erzählt er. Das habe ihn veranlasst, seine Privatsphäre stärker zu schützen und etwa Familienfotos aus dem Netz zu löschen. „Dabei bin ich kein Autohasser, ich besitze selbst ein Auto, das für manche Strecken besser geeignet ist als andere Verkehrsmittel.“ Aber eben nicht für alle Strecken.

Gerade in einer Großstadt sei es unsinnig, zwei Tonnen Stahl in Bewegung zu setzen, um nur einen Menschen zum Bäcker zu befördern. Das gehe zu Fuß oder mit dem Rad, ganz ohne Parkplatzsuche, schneller. Das Autofahren verbieten wolle er niemandem. Nur müsste es auf das nötige Maß beschränkt werden. Dafür fordert er eine kontinuierliche Verbesserung des öffentlichen Nahverkehrs, eine Ausweitung der Parkraumbewirtschaftung, eine Reduktion von Autospuren zugunsten der anderen Verkehrsträger - und die City-Maut in Frankfurt in Höhe von etwa fünf Euro am Tag. „Das wäre der stärkste Anreiz, das Auto stehen zu lassen.“

Auf die Verhandlungen mit Verkehrsdezernent Klaus Oesterling über den Radentscheid freue er sich schon. „Wir wollen eine richtig gute Planung präsentieren, die unsere Verkehrsplaner entwickelt haben, und damit überzeugen.“ Für die erste Forderung des Radentscheids, 15 Kilometer Radwege im Jahr zu bauen, seien zehn Hauptstraßen mit Priorität betrachtet worden; außerdem gebe es Vorschläge für Nebenstraßen sowie für fünf Fahrradtrassen, also Radschnellwege durch die Stadt.

„Der Magistrat kann unsere Forderungen übernehmen oder ein äquivalentes Programm auflegen“, sagt er. Wichtiger als der Bürgerentscheid, also eine Volksabstimmung, sei, dass der Radwegebau vorankomme. Dafür müsse man bereit sein, die Spielregeln zu ändern, die den Autoverkehr bislang bevorzugt hätten.

Über die Verkehrswende diskutiert er nicht nur mit dem zuständigen Stadtrat, sondern auch mit seinem Vater, Werner Nickel, der in der FDP in Dietzenbach aktiv ist. Sein Vater komme aus der Autofahrergeneration, für die in der Wirtschaftswunderzeit der Erwerb des eigenen Autos das Größte gewesen sei. „Wenn ich ihn von der Verkehrswende überzeuge, dann habe ich es geschafft“, sagt er.

Dann steigt Heiko Nickel auf sein weißes Crossrad und flitzt im Wiegetritt davon.

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