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Hausbesuch: Hebamme Christine Lahav betreut Pia Weber und ihre Tochter Lisa.

Koordinierungsstelle für junge Mütter Frankfurt

Rat und Hilfe von der Hebamme am Telefon

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Eine neue Koordinierungsstelle soll in Frankfurt jungen Müttern helfen, die sonst ohne Nachsorge blieben. Besetzt werden soll sie mit einer Hebamme.

Wenn alles gut läuft, dann gibt es bald eine zentrale Anlaufstelle für Frauen, die keine Hebamme finden. Nach den Plänen der Stadtverwaltung soll im Januar eine Koordinierungsstelle eingerichtet werden, um dem Hebammenmangel in der Stadt zu begegnen. Denn laut Erhebungen der Babylotsen findet mehr als die Hälfte der Schwangeren in Frankfurt keine Hebamme, die sich nach der Geburt um das Neugeborene und die Mutter kümmert.

Dabei gibt es eigentlich einen gesetzlichen Anspruch auf eine solche Versorgung, bei der Hebammen Mutter und Kind zu Hause besuchen, das Kind wiegen, seine Entwicklung in den ersten Wochen mitverfolgen und schauen, ob sich die Mutter von den Strapazen der Geburt gut erholt. Weil aber trotz des Anspruchs die Versorgung in Frankfurt bei weitem nicht sichergestellt ist, will die Stadt nun ein Notangebot auf den Weg bringen.

Erster Schritt des Konzepts ist eine Koordinierungsstelle. Besetzt werden soll sie mit einer Hebamme. Deren Aufgabe: Sie soll junge Mütter, die anrufen, einerseits konkret telefonisch beraten und andererseits passende Hilfsangebote vermitteln, die es anderswo gibt.

Infrage kommen dabei laut Gabriele Dyckmans vom Gesundheitsamt Angebote des Netzwerks Frühe Hilfen, aber auch die Vermittlung in Hebammensprechstunden. Solche gibt es an verschiedenen Orten in der Stadt – im Gallusviertel etwa, in Sachsenhausen oder am Klinikum Höchst.

In einem zweiten Schritt soll die Hebamme laut Dyckmans in der Koordinierungsstelle auch Hausbesuche vermitteln. Unklar ist bislang jedoch, an welche Hebammen sie vermitteln kann.

Eine Liste über verfügbare Kapazitäten bei den stark belasteten und meist ausgebuchten Geburtshelferinnen gibt es nicht. Weder bei der Stadt noch beim Hebammenverband laufen diese Informationen zusammen. Mit möglichen Kooperationspartnern zu sprechen und ein Netzwerk aufzubauen, wird laut Dyckmans daher auch zu den Aufgaben der Hebamme in der Koordinierungsstelle gehören.

Finanziert werden soll die Koordinierungsstelle von zwei Seiten. 30 000 Euro stellt die Stadt bereit. Weitere 30 000 Euro kommen vom Klinikum Höchst, dem Nordwestkrankenhaus und dem Bürgerhospital. „In den Krankenhäusern ist ein großes Verständnis dafür da, wie wichtig es ist, dass die ambulanten Strukturen funktionieren“, sagt Gesundheitsdezernent Stefan Majer (Die Grünen). Längerfristig soll laut Majer zudem eine eigene Hebammenambulanz gegründet werden. Das sei aber aus organisatorischen Gründen zunächst zurückgestellt worden.

Kritik an den Plänen der Stadt kommt vom Hebammenverband. „Wir möchten nicht eine Großpraxis haben, die alles koordiniert“, sagt Sibille Reusch, Kreissprecherin des Hessischen Hebammenverbands in Frankfurt.

„Ich weiß nicht, wo sie die Hebammen herholen wollen, wenn es keine zentrale Liste gibt“, sagt Reusch. Das Konzept werde den Mangel nicht lösen. Es ziele darauf ab, Hebammen zu finden, die froh darüber seien, wenn andere für sie abrechneten und die Termine organisierten.

Lohnen kann sich das für Hebammen, die in Teilzeit arbeiten, weiß die zweite Vorsitzende des Hessischen Hebammenverbands, Susanne Otte-Seybold. Weil die Sätze für Hausbesuche mit 38 Euro pro Besuch sehr niedrig seien und Anfahrt und Organisation darin schon inbegriffen seien, lohne sich der Aufwand nur für Hebammen, die in Vollzeit arbeiteten.

Ins Visier nimmt das städtische Konzept auch Hebammen, die an Kliniken arbeiten, hier und da aber auch gerne Wochenbett-Betreuungen machen möchten. Auch für sie lohnt es sich in der Regel nicht, Termine selbst zu organisieren und abzurechnen. Viele scheuen sich aber vor den vielen Anrufen Schwangerer, die auf der Suche nach einer Nachsorge-Hebamme seien.

Besser gefällt Sibille Reusch das Wiesbadener Modell. In der Landeshauptstadt pflege die Frauenbeauftragte eine Liste der Hebammen. Eine Servicestelle koordiniert zudem Notfall-Hausbesuche und es gibt Notfall-Sprechstunden. Die Initiative ging dort von den Hebammen, dem Frauenbüro der Stadt und dem Frauengesundheitszentrum Sirona aus.

In Frankfurt sei der Verwaltungsaufwand sehr hoch, wenn für eine Ambulanz eigens ein Verein gegründet werden soll, so Reusch. Und sie sagt auch: „Wir möchten gerne mitgestalten, haben aber das Gefühl, dass wir übergangen werden.“

Tatsächlich waren Vertreterinnen des Verbands von Anfang an von der Stadt eingeladen, mitzureden. Allerdings gab es im Hebammenverband selbst unterschiedliche Positionen. Grund für die Skepsis ist auch die Sorge, dass eine ambulante Notfallversorgung der Anfang vom Ende der Hausbesuche sein könnte. Die aber sind aus Sicht von Hebammen und Müttern die unstreitig bessere Alternative. Schließlich kann es für Mütter kurz nach der Geburt und in der neuen Situation mit dem Nachwuchs teilweise eine enorme Belastung sein, wenn sie sich selbst auf den Weg machen müssen. Unterstützung bekommen Majer und Dyckmans vom Hebammenverband also nicht.

Hebammen-Sprecherin Reusch würde einen Vorschlag der Frankfurter FDP unterstützen, der sich am Wiesbadener Modell orientiert. Die Liberalen im Römer würden den Magistrat darüber hinaus gerne beauftragen, ein Informationsangebot im Internet über verfügbare Nachsorge-Hebammen und Themen rund um die Geburt zu erstellen und auf dem neuesten Stand zu halten. Zudem sieht die FDP die Stadt in der Pflicht, eine aktuelle Liste zu führen, in der alle Hebammen verzeichnet sind, die in Frankfurt freiberuflich arbeiten. Doch dafür fehlt ihr die Mehrheit. Zwar hat der Sozialausschuss den FDP-Vorschlag Anfang November mit großer Mehrheit befürwortet. Das Stadtparlament ist dem aber nicht gefolgt und hat den Vorschlag kurz darauf gleich wieder an den Ausschuss zurückverwiesen. Dort ist über das Thema bislang noch nicht wieder diskutiert worden. Vielleicht in der nächsten Sitzung am 24. Januar.

„Einzelne Hebammen sind dabei“, sagt Dyckmans zu den Plänen der Stadt. Und die Hoffnung sei, dass es mit der Zeit immer mehr würden.

„Die Notfallversorgung ist so gedacht, dass sie die vorhandenen Strukturen ergänzt“, betont Stadtrat Majer. Wichtig sei es ihm, auf die Unterversorgung zu reagieren und Frauen ein Angebot zu machen. „Wenn wir nachsteuern oder das Angebot ergänzen müssen, dann ändern wir die Dinge“, sagt er.

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