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Die letzten Stunden am Schreibtisch.

Abschied nach 31 Jahren

FAZ-Redakteur Riebsamen: Beharrlicher Kämpfer

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FAZ-Redakteur Hans Riebsamen, der sich gegen Antisemitismus und für das kulturelle Leben engagiert hat, geht in den Ruhestand.

Von seinem Schreibtisch im fünften Stock des Verlagsgebäudes geht der Blick weit über die Dächer des Gallus. Hans Riebsamen hat schon mächtig aufgeräumt in seinem Büro, die Bücherregale sind fast leer. Nur viele Dankesbriefe von Leserinnen und Lesern hängen noch an der Wand und natürlich prächtig gestaltete Eintrittskarten für den Zirkus in ganz Europa. Denn der ist eine der Leidenschaften des „FAZ“-Redakteurs, der nun nach 31 Jahren in den Ruhestand geht.

Der Mann aus der kleinen Stadt Pfullendorf in Schwaben hat in dieser Zeit den Lokal- und Regionalteil mitgeprägt. Er hat journalistisch Zeichen weit über Frankfurt hinaus gesetzt: durch seinen unermüdlichen Kampf gegen Antisemitismus in der Gegenwart, aber auch gegen das Vergessen der nationalsozialistischen Verbrechen in der Vergangenheit. Viele Zeitzeugen interviewte er. Deutschland müsse endlich „seine Juden ordentlich behandeln“, heißt sein Plädoyer. Doch dieses Ziel, so resümiert er im Gespräch, sei bis heute nicht erreicht. Im Gegenteil: In der Bevölkerung existierten „immer noch Vorbehalte gegenüber Juden und antisemitische Stereotype“.

Das Erstarken des Antisemitismus in jüngerer Zeit registriert er „sehr enttäuscht“. Das ist eine typische Formulierung für den Träger des Hessischen Journalistenpreises, der nach außen hin stets beherrscht und zurückhaltend auftritt, kein Schwätzer und Schwaller ist. Und genauso schreibt er auch, mit einer dezenten Eleganz. Aber man sollte sich nicht täuschen: Unter der Oberfläche schlummern große Beharrlichkeit und Entschlossenheit.

Mit diesen Eigenschaften hat der Redakteur schon so manche Pressekonferenz aufgemischt, mit einem für ihn typischen Satz wie „Aber das geht doch nicht“ oder einer scheinbar harmlosen Frage.

Riebsamen nennt sich selbst einen „großen Museumsmenschen“. Und in der Tat verdanken ihm die Museen in Frankfurt viel, namentlich das Jüdische und das Historische, deren Neubauten er durch viele engagierte Artikel mit beförderte. Aber auch die Architekturgeschichte gehört zu seinen Interessen.

Und dann muss natürlich vom Zirkus und vom Varieté die Rede sein. Den „Tigerpalast“ in Frankfurt betreute der Redakteur von Anfang an, und zu den Artisten reist er überall hin, nach Monte Carlo natürlich zum großen Festival, aber auch nach Budapest und Paris. „Ich bin der einzige ernsthafte Zirkus-Journalist in Deutschland“, sagt er und meint es diesmal ohne die übliche sanfte Selbstironie. Gerade erhielt er den Saltarino-Preis der Gesellschaft der Circusfreunde.

Die Entwicklung des Journalismus und der Zeitungen sieht der bald 66-Jährige mit Wehmut. Niemand besitze bisher ein Konzept, um den Niedergang des Qualitätsjournalismus aufzuhalten. „Die Auflagen sinken überall, es ist ein Überlebenskampf geworden.“ Während bei jungen Menschen die Lesefähigkeit nachlasse, versuchten die Zeitungen, „populistischer zu werden“. Der Redakteur sieht das „mit großem Bedauern“.

Einer wie Hans Riebsamen geht natürlich nicht ganz, er will als Autor für die „FAZ“ weiterarbeiten. Darauf dürfen wir uns freuen.

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