Der Buchtipp zum Weihnachtsfest

Von Fassbinder bis Netflix

  • schließen

Der „Verlag der Autoren“ bringt zum 50. Geburtstag eine kompakte deutsche Theater- und Literaturgeschichte heraus.

Es war eine revolutionäre Idee in einer Zeit des Umbruchs. Im Frühjahr 1969 gründeten Karlheinz Braun, Wolfgang Wiens und andere in Frankfurt am Main den ersten deutschen Verlag, der nur seinen Autorinnen und Autoren sowie den Beschäftigten gehören sollte – eben den Verlag der Autoren. Man bezog bangen Herzens einen Büroraum in der Villa Staufenstraße 46 im Westend. Was würde jetzt geschehen? Würde es überhaupt Stücke, Stoffe, Filme, Bücher geben, die sich vermarkten ließen?

Was dann geschah, in den folgenden fünf Jahrzehnten, lässt sich in einem wunderbaren Buch nachlesen. „Fundus“, herausgegeben von Wolfgang Schopf, dem Leiter des Literaturarchivs der Goethe-Universität, und Marion Victor, lange Zeit Lektorin im Verlag der Autoren.

Denn der Verlag konnte in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiern, er hat sein Portfolio erheblich erweitert. Längst entwickelt und veröffentlicht er nicht nur Theaterstücke, sondern auch Drehbücher und Hörspiele, produziert Bücher und betreibt eine eigene Literaturagentur.

„Fundus“ aber ist nicht weniger als eine kompakte Theater- und Literaturgeschichte der zurückliegenden fünf Jahrzehnte geworden. Marion Victor und Wolfgang Schopf lassen dabei nur Dokumente sprechen: Faksimiles, Fotos, Zitate, Textausschnitte, Briefwechsel. Eine unglaubliche Puzzlearbeit.

Die Leserin, der Leser, lässt sich durch die 300 Seiten des Buches treiben und kommt aus dem Staunen, Lachen, Kopfschütteln nicht heraus. So also war das! Da stößt man auf den frühen Rainer Werner Fassbinder, der sein Stück „Das Kaffeehaus“ nach Goldoni im Verlag veröffentlicht. Man folgt den Spuren von Peter Handke, der schon in den 60er Jahren in Frankfurt Theatergeschichte geschrieben hatte mit „Publikumsbeschimpfung“ und „ Kaspar“.

Die Literatur der Arbeitswelt in den 70er Jahren taucht auf. 1973 wird die Autorenstiftung Frankfurt gegründet. Über Jahrzehnte vergibt sie mehr als 65 Stipendien an junge Dramatiker. Der spätere Literaturnobelpreisträger Dario Fo veröffentlicht ebenso im Verlag wie Botho Strauß.

Das Buch dokumentiert aber auch, wie radikal sich die Medien im Laufe der Zeit gewandelt haben. Und mit ihnen die Ästhetik von Filmen und Theaterstücken. Am Ende der Chronik steht im Jahr 2019 ein Stoff für eine Netflix-Serie: „Dogs of Berlin“, über den Berliner Großstadt-Dschungel mit Clans und Drogenhandel.

Was ist geblieben von der ursprünglichen revolutionären Idee? Alles, sagt das Team vom Verlag, der heute im Herzen des Frankfurter Bahnhofsviertels seinen Sitz hat. Nach wie vor gehört das Unternehmen den Autorinnen und Autoren sowie seinen Beschäftigten.

Unabhängigkeit bleibe höchstes Gut des Unternehmens. In einer Zeit, in der sich immer mehr kleine Verlage aus ökonomischen Gründen unter das Dach eines großen Medienkonzerns begeben müssen – 2019 zuletzt das Frankfurter Original „weissbooks“ – ist das wichtiger denn je .

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare