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Fassbinder - das Genie, das provozierte

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Seltener gemeinsamer Auftritt: Fassbinder rechts neben Hoffmann.
Seltener gemeinsamer Auftritt: Fassbinder rechts neben Hoffmann. © Barbara Klemm

„Fragen über diese ganze theaterpolitische Scheiße beantwortest aber du“: So sah die Arbeitsteilung zwischen Rainer Werner Fassbinder und dem damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann aus, als vor 40 Jahren die Ära des Filmregisseurs am TAT begann. Hoffmann über Fassbinders Frankfurter Zeit - und den Kardinalfehler, der das Projekt scheitern ließ.

Die Ära von Filmregisseur Rainer Werner Fassbinder am Theater am Turm (TAT) in Frankfurt begann 1974 und dauerte acht Monate. Vorausgegangen war die Einführung des Mitbestimmungs-Modells an den Städtischen Bühnen. Der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) erinnert sich im Gespräch mit FR-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert.

Herr Hoffmann, Sie sind bei der Mitbestimmung von den wesentlichen Theaterkritikern unterstützt worden.

Ja, von Günther Rühle in der FAZ, von Peter Iden in der FR oder Henning Rischbieter in Theater Heute. Die haben unser Projekt gerettet. So konnte ich immer darauf verweisen, wie sehr uns das Feuilleton unterstützt. Heute schaue ich positiv auf die Mitbestimmung zurück. Nach diesen acht Jahren konnte kein Generalintendant mehr alleine alles bestimmen. Selbst Rainer Werner Fassbinder hat im Theater am Turm die Mitbestimmung unterschriftlich akzeptiert. Als aber die Schauspielerin Heide Simon bei einer Abstimmung gewagt hatte, ihm zu widersprechen, hat Fassbinder auf der Besetzungsliste seines nächsten Films am Schwarzen Brett ihren Namen rot durchgestrichen. Seit dieser Strafexpedition hat niemand mehr zu widersprechen gewagt.

Wie war der Kontakt zu Fassbinder zustande gekommen?
Fassbinder hatte in München Finanzschwierigkeiten mit seinem Antitheater und suchte ein neues Spielfeld für sein Ensemble. Da habe ich ihn angerufen und ihm die Leitung des Theaters am Turm angeboten. „Gut, komm morgen Abend ins Zero.“ Als ich ihn fragte, wo in München denn das Zero zu finden sei, klärte er mich auf: „Das ist nicht in München, das ist eine bekannte Schwulenkneipe in Berlin. Kennt hier jeder Taxifahrer.“ Also auf nach Berlin. Als ich dort dem Taxidriver sagte: „Ins Zero“, sagte der: „Ach, in die Schwulenkneipe?“

Und dort ...
... hockte das gesamte Ensemble mit Margit Carstensen, Irm Hermann usw. an einem großen runden Tisch. Wir waren uns am Ende schließlich einig, jeder bekommt 3000 Mark im Monat. Und an Fassbinder gewandt schlug ich ihm ein Extragespräch über dessen Gage vor. Da haben alle protestiert: 3000 Mark, das gilt auch für Rainer.

Fassbinder brachte viele seiner Stars mit . . .
... Margit Carstensen, Irm Hermann, Brigitte Mira, Karlheinz Böhm, Volker Spengler – bis auf Hanna Schygulla waren alle Stars dabei. Was ich nicht bedacht hatte: Deren meiste hatten die hehre Bühnensprache nicht gelernt. Das nicht bedacht zu haben, muss ich mir heute als Kardinalfehler für das Scheitern ankreiden. Manche seiner Crew versagten vor der neuen Aufgabe, Klassikertexte bühnenreif über die Rampe zu bringen. So ist Fassbinder gleich mit dem ersten Stück eingebrochen, mit „Germinal“, einer Dramatisierung des gleichnamigen Romans von Emile Zola.

„Sie verstehen vielleicht was vom V..., aber wenig vom Theater“

Wie war die Reaktion in der Öffentlichkeit auf Fassbinder?

In Frankfurt ist es ja üblich, dass wer ein neues Theater übernimmt, über seine Absichten öffentlich Rede und Antwort geben muss. Fassbinder: „Fragen über diese ganze theaterpolitische Scheiße beantwortest aber du.“ Unter diesem Diktum musste ich ihn bei allen öffentlichen Diskussionen begleiten. Und als sich im Volksbildungsheim eine Journalistin als Theaterkennerin gerierte, riss Fassbinder der Geduldsfaden: „Sie verstehen vielleicht was vom V..., aber wenig vom Theater.“ Da war die Hölle los. Ich hab mich ins Sibyllinische geflüchtet und gemeint, für Fassbinder gelte halt der Genievorbehalt.

Wie ging es weiter?

Nach weiteren Flops hat sich Fassbinder mit einem Dramaturgen in warme südamerikanische Gefilde abgesetzt, von wo er bunte Ansichtskarten ans Ensemble schickte, einige auch an mich. Mit dieser Provokation wollte er erreichen, dass ihm die Stadt den Laufpass gibt, um so eine Abfindung herauszuschlagen. Das Ensemble hatte in den Lokalblättern nur noch Verrisse bekommen, obwohl die „Bude“ immer noch voll neugieriger Fans geblieben war.

Es gab dann noch einmal einen Versöhnungsversuch.

Dafür bat ich ihn diesmal zu mir in die Wohnung, „aber bitte ohne wieder gleich zehn Zeugen als Verstärkung“. Im Rothschildpalais musste er ohne Lift 88 Stufen hoch. Ich hörte, wie er sich im Treppenhaus unterhielt und dachte, er bringt doch wieder die üblichen Verdächtigen mit. Es war aber „nur“ Ingrid Caven und das war mein Glück, denn sie war eine Zeugin zu meiner Gunst.

Sie hatten ein Druckmittel.

Ich war damals Mitglied der Vergabekommission der Filmförderungsanstalt und wir hatten Fassbinder gerade erhebliche Zuschüsse für zwei neue Filmprojekte bewilligt: „Soll und Haben“ und „Ich will doch nur, dass ihr mich liebt“. Ich wusste: Fassbinder wird in den nächsten Tagen dafür Urlaub beantragen, um die beiden Filme machen zu können. Diesen Urlaub habe ich ihm dann verweigert, woraufhin er fristlos gleich auch für das gesamte Ensemble gekündigt hat. Für die Stadt endete das Frankfurter Zwischenspiel plus minus null.

In Frankfurt als Dilettant und Faschist beschimpft

Wie haben Sie Fassbinder persönlich empfunden?

Ich bin ihm immer mit großem Respekt begegnet. Als Filmkritiker und Professor für Filmästhetik an der Universität Marburg habe ich Hymnen auf ihn verfasst. Jahre später folgte dann die bundesweite Diskussion über das Fassbinder-Theaterdrama „Der Müll, die Stadt und der Tod“ mit zwei Sondersitzungen im Stadtparlament. Als er dort als Dilettant und Faschist beschimpft wurde, habe ich seine einzigartige Filmkunst vehement verteidigt und ihn unter lauthalsigem Protest als Genie gerühmt.

Das war 1986, als das Schauspiel mit Intendant Günther Rühle das Stück aufführen wollte. Der Protest der Jüdischen Gemeinde, die es für antisemitisch hielt, hatte die Premiere aber schließlich durch die Besetzung der Kammerspielbühne verhindert.

Rühle mochte den Zensurvorwurf nicht auf der Stadt Frankfurt sitzen lassen, der durch die Alte Oper entstanden war, als das Stück auf Druck des Aufsichtsrates wieder abgesetzt wurde. Im Stück gibt es die unsägliche Figur des sogenannten reichen Juden, der, wie es hieß, eine Synthese aus zwei stadtbekannten Immobilienkaufleuten war. Ich bin in allen End-Proben dabei gewesen und konnte aus eigener Kenntnis behaupten: Es war keine antisemitische Inszenierung. Die Kritik der Jüdischen Gemeinde basierte auf der Textanalyse statt auf der Analyse des Regiekonzepts von Dietrich Hilsdorf.

Sollte man Rainer Werner Fassbinders Stück in der heutigen Zeit aufführen?

Weil das Stück schwach ist, besteht dazu keine Veranlassung. Das Stück war übrigens lange vor dem Eklat in Frankfurt schon von Daniel Schmid verfilmt worden. Mit den gleichen inkriminierten Sätzen ist der Film in israelischen Kinos wochenlang unbeanstandet auf die Menschheit losgelassen worden. Damals hatte die Knesset als Quantité négligeable den Film ignoriert, das Frankfurter Theater aber wurde sogar in einer Sondersitzung in Jerusalem dem Antisemitismusvorwurf ausgesetzt. Ist Theater also doch „gefährlicher“ als das Massenmedium Film?

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