Kerstin Görling hatte vor der Eröffnung ihres Ladens in Frankfurt Fashion Management in Düsseldorf studiert.
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Kerstin Görling hatte vor der Eröffnung ihres Ladens in Frankfurt Fashion Management in Düsseldorf studiert.

Modestadt Frankfurt

„Die Fashion Week nach Frankfurt zu holen ist ein mutiger Schritt“

  • Kathrin Rosendorff
    vonKathrin Rosendorff
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Kerstin Görling, Gründerin der Damen-Boutique Hayashi. erklärt im Interview, was die Fashion Week in Frankfurt für die hiesige Modewelt bedeutet. Der Start unserer Serie „Modestadt Frankfurt“.

Kerstin Görling gehört in Frankfurt die Damenboutique Hayashi gegenüber der Börse. Die 39-Jährige kauft Marken wie Red Valentino und Isabel Marant in Paris und Mailand ein. Was die Frankfurt Fashion Week nun im nächsten Jahr für sie bedeutet und ob Frankfurt Modestadt kann, erzählt sie im Interview.

Als Sie hörten, dass ein Teil der Fashion Week von Berlin nach Frankfurt zieht, was war Ihre erste Reaktion? Hand aufs Herz: Dachten Sie nicht: „Das muss ein Aprilscherz sein“?

Ich war tatsächlich wahnsinnig überrascht. Und ich habe dann erst mehrmals gecheckt, ob das wirklich wahr ist. Aber als sich das bestätigt hat, war ich natürlich hocherfreut.

Warum hocherfreut?

Weil meine Träume wahr werden, dass Mode in Frankfurt eine Wichtigkeit bekommt. Das war bis dato nicht unbedingt so.

Sie sind hier aufgewachsen. Hat Frankfurt das Potenzial, eine Modestadt zu werden?

Es ist natürlich so, dass Frankfurt nicht von heute auf morgen ein Pariser Stadtbild bekommen wird. Das liegt aber nicht an Frankfurt. Generell ist Mode in Deutschland einfach kein Kulturgut, wie dies in Italien oder Frankreich der Fall ist. Aber wir versuchen, daran zu arbeiten. Es ist auf jeden Fall in den letzten Jahren besser geworden durchs Internet und insbesondere Instagram. Dadurch ist es einfacher geworden, Trends zu transportieren. Und Frankfurt ist eine wichtige Messestadt, und die kann auf jeden Fall eine Messe lukrativ und infrastrukturell gut umsetzen. Es gibt immer zwei Seiten der Medaille. Also einmal, dass man modisch anspruchsvoll sein muss, und auf der anderen Seite ist Mode ein Businesszweig. Es muss auch Umsatz gemacht werden, sonst kann keiner überleben. Dafür ist Frankfurt ideal. Deshalb habe ich auch meinen Laden in Frankfurt eröffnet. Die Fashion Week nach Frankfurt zu holen ist ein mutiger Schritt. Man muss das jetzt einfach ausprobieren. Berlin war schon lange dran, und jetzt kommt Frankfurt.

Sie selbst sind auch in einem Arbeitskreis, der sich mit der Fashion Week befasst, nicht?

Organisatorisch wollen wir dazu beitragen, dass nicht nur die Messe schön wird, sondern auch in der Stadt selbst ein passendes Umfeld geschaffen wird. Im Arbeitskreis sitzen nicht nur Modeleute und Designer, sondern auch Menschen aus Museen und andere Kreative der Stadt. Es ist unsere Chance zu zeigen, dass Frankfurt auch sehr kreativ und international ist. Wir können aus einem Repertoire schöpfen, das nicht zwingend immer nur Mode ist, sondern auch beispielsweise Kunst und Musik. Es gibt viele Pläne, sofern Corona mitspielt. Noch kann ich die konkreten Pläne aber leider nicht verraten.

Glauben Sie, dass mehr Designer und Modeläden nach Frankfurt ziehen werden?

Ich glaube eher, dass Modeagenturen, die bislang ihre Showrooms in München oder Düsseldorf haben, zumindest für die Zeit der Messe Räume hier anmieten werden. Aber Frankfurt ist sehr teuer, was die Mieten angeht, und hat bis dato nicht so viele zentrale Räumlichkeiten, die geeignet wären. Vor ein paar Jahren gab es die Skatemesse im alten Polizeipräsidium. Solche Sachen sind natürlich in Berlin einfacher zu bekommen. In der Beziehung muss hier auf jeden Fall noch etwas passieren …

Hat Frankfurt eine Modeszene?

Frankfurt Fashion Week

Mitte Juni wurde bekannt, dass eine Messe, die sonst während der Berlin Fashion Week stattgefunden hatte, nach Frankfurt umziehen wird.

Vom 6. bis 8. Juli 2021 soll die erste Frankfurt Fashion Week stattfinden, die ab dann zweimal im Jahr ausgerichtet wird. Auch die Berlin Fashion Week wird weiterhin saisonal organisiert.

Seit 13 Jahren habe ich meinen Laden, und seitdem gibt es wenig neue Konkurrenz, die nachgekommen ist. Das liegt in Frankfurt eben daran, dass die Kosten sehr hoch sind und die Marge der Mode sehr begrenzt ist. Die Luxuslabelläden auf der Goethestraße richten sich mehr an den Geschmack der Touristen, nicht an ein Frankfurter Publikum. Das ist schade. Die kleineren, lokalen Designer gibt es, aber es ist heutzutage sehr schwer, ohne großes Budget bekannt zu werden. Die großen Marken investieren Millionenbeträge, um bei Google gefunden zu werden.

Inwieweit hat die Corona-Pandemie eigentlich die Modewelt gestoppt?

Die letzte Messe, auf der ich war, war Anfang März in Paris. Im Moment sind alle Messen abgesagt. Alle meine Einkäufe mache ich komplett in virtuellen Showrooms. Da kann man alles mit 360-Grad-Ansicht sehen, die Models drehen sich, es gibt Clips, in denen die Designer erzählen. Die Marken haben viel Arbeit und Geld reingesteckt, um das Gefühl im Showroom nahezubringen. Es fehlt aber die wichtigste Sache: die Haptik, also die Möglichkeit, die Stoffe anzufassen. Es wird aber, sobald es wieder möglich ist, zur Öffnung der normalen Showrooms kommen. In Paris beginnt es langsam, dass Showrooms geöffnet werden.

Es gibt also eine neue Winterkollektion, und wir müssen nicht die von 2019 tragen?

Keine Sorge, die gibt es. Aber die Modewelt verändert sich gerade sehr. Denn viele bekannte Designerinnen und Designer wie Isabel Marant und Dries van Noten, aber auch Modeläden setzen sich aktuell dafür ein, dass die Mode etwas langsamer wird. Also die Kollektionen passend zur Jahreszeit in den Läden hängen. Momentan ist es so, dass bereits im Mai die Winterkollektion ausgeliefert wird. Ich habe jetzt schon Daunenmäntel im Laden hängen. Das ist verrückt. Es geht darum, einen normaleren Rhythmus für Kunden, Designer und Händler zu erreichen, und dadurch würde die Ware auch wieder mehr wertgeschätzt werden. Die Designer hätten weniger Druck, denn ein Designprozess braucht Zeit.

Wie haben Sie die Corona-Krise persönlich gemeistert?

Mein Team und ich haben uns viel einfallen lassen. Wir haben über Social Media während des Lockdowns Liveshopping angeboten. Die Kundinnen konnten interagieren, indem sie Kommentare schrieben wie: „Probier mal das Kleid, das da hängt.“ Das hat super funktioniert in der Zeit, als alle noch zu Hause saßen. Da hatten wir tollen Umsatz, also gemessen an der Situation. Seitdem die Läden wieder auf sind, ist es aber teilweise schwieriger. Für uns ist es schwer, mit Masken unseren Kundinnen Emotionen rüberzubringen. Und den Kundinnen macht es auch keinen Spaß, mit Maske zu bummeln. Es fehlen im Stadtbild zudem die, die noch im Homeoffice sitzen. Also Kundinnen, die sonst in der Mittagspause was einkaufen, aber auch die Touristen. Deshalb ist die Innenstadt noch nicht die, die sie sonst ist. Und die Leute sind auch vorsichtiger mit dem Geldausgeben, weil sie nicht wissen, wie es mit der Corona-Krise weitergeht.

Gerade auf der Zeil stehen aber auffällig viele junge Leute fast täglich Schlange vor Läden. Und sie stehen sogar in der Goethestraße bei Louis Vuitton an.

Das liegt nun daran, dass Louis Vuitton sehr begrenzt Leute reinlässt. Louis Vuitton hat pro Kunde einen Verkäufer, deshalb bilden sich hier Schlangen. Ich habe auch das Gefühl, dass viele junge Leute momentan beim Schlangestehen einfach Zeit vertrödeln wollen. Es gibt auch sonst wenig anderes zu tun. (lacht)

Sind die neuen Kollektionen lässiger angesichts des Homeoffice-Trends, dass die Leute kaum ihre Jogginghose mehr verlassen?

Auf jeden Fall wird es ein bisschen schlichter. Die Mode ist ja immer ein Spiegel der Gesellschaft. Bei meinen Ladeneinkäufen fürs nächste Frühjahr kaufe ich nicht das ganz extreme Partykleid mit Pailletten ein, sondern eher ein alltäglicheres Sommerkleid. Das heißt nicht, dass die Mode langweiliger wird. Eher wird sie nicht ganz so abgedreht. Die neuen Kollektionen werden cooler und entspannter.

Interview: Kathrin Rosendorff

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