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Der Wiesbadener Graffiti-Künstler Steffen Winkler nimmt am Leunabunker Maß.

Frankfurt-Höchst

Farbe vor dem Grau

Sieben Graffiti-Künstler sollen die Fassade des Leunabunkers verschönern.

Von Jochen Pioch

Bunker baut man, um sich darin zu verstecken, um sich zu schützen vor dem Außen. Wie das von dort aussieht, ist dann eher zweitrangig. Und so lässt sich auch der Klotz namens Leunabunker in Höchst nur schwerlich im Stadtbild ignorieren. Außerdem blättert seine schmutzige Farbe ab, zeigt sich das alte Betongrau darunter. Das soll sich jetzt aber ändern, und zwar unter konzentriertem Einsatz von Spraydosen.

Eine Gruppe von Graffitikünstlern wird das Ungetüm an der Leunastraße in den nächsten Wochen mit Wandmalereien versehen und so Farben verstecken. Die Feder führt dabei Helge Steinmann, der unter seinem Künstlernamen „Bomber“ in Höchst gut bekannt ist. Mit sechs etablierten Sprayerkollegen aus ganz Europa hat er sich überlegt, wie man dem grauen Zeugnis der Historie eine neue Farbgestalt geben kann.

Der Bau, der während der NS-Herrschaft für die Mitarbeiter der Farbwerke Hoechst entstand, ist seit 1975 ein Zentrum für Bands, die in mittlerweile 47 Proberäumen spielen können. Deshalb steht das Bildprogramm unter dem Dachthema Musik. Innerhalb eines Musters, das den ganzen Bau überziehen soll, wird es mehrere Bildfelder geben, die jedem Künstler Platz für ein eigenes Graffito geben. Die Bemalung ist aber nicht minutiös vorgeplant, betont Steinmann: „Teilweise gibt es Vorüberlegungen, teilweise arbeiten wir spontan, aus dem Moment heraus.“

Alles dank Mandie

Hauptberuflich sind die Künstler als Designer oder Illustratoren unterwegs, Aufträge für Projekte dieser Größe gibt es nicht jeden Tag. Mit 1600 Quadratmetern ist es für alle sieben das größte Vorhaben, an dem sie je beteiligt waren. „Was das Ganze spannend macht ist, dass jeder seinen eigenen Stil mitbringt, sich aber auf die anderen einstellen muss“, sagt der Stuttgarter Steffen Winkler.

Finanziert wird die Sanierung der Außenwand und die künstlerische Gestaltung von der Stadt, in die Wege geleitet hat es allerdings das EU-Projekt „Mandie“, das sich um die Zusammenarbeit in Vorort-Nachbarschaften kümmert. „Stadtplaner interessieren sich für Innenstädte und tote Einkaufsgegenden auf der grünen Wiese“, meint Oliver Leicht, Architekt und Mitarbeiter bei „Mandie“. In früheren Jahren gehörte er selbst zu denen, die den Kulturbunker beschallen. „Irgendwann ist in diesen Mauern mein Schlagzeug verschwunden und ich werde es wohl auch nicht mehr wiederfinden“, sagt er und lacht.

Leicht sieht seine Aufgabe darin, die Subkulturen in die Verschönerung des Stadtteils einzubinden. „Viele Gebäude haben geschlossene Flächen, aber das menschliche Auge will Farbe, Gestaltung, Botschaft.“ Graffiti sei die natürliche Reaktion darauf, auch wenn es als illegale Kunst begonnen habe: „Die meisten Sprayer haben damit angefangen, die Unterseiten von Brücken zu gestalten: Weil die einfach hässlich sind. Aber hier am Bunker wird es kein Vandalismus sein, sondern künstlerisch hochwertige Fassadengestaltung – aus der Spraydose.“

Für Helge Steinmann ist der Bunker-Auftrag schon Routine. „Jede vermeintliche Subkultur wird irgendwann kommerzialisiert. Und mich stört es nicht, ich verdiene mein Geld damit.“

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