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Ein tätowiertes "Gesicht im Gesicht" trägt Jasmin Helemann auf der Tattoo-Convention zur Schau.

Tattoo Convention

Die Tattoo Convention ist eine gute Möglichkeit, um sich zu präsentieren

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Manche reisen von weither an, um sich von Künstlern ihrer Wahl Motive stechen zu lassen.

Mit zwei Delfinen, die ein Herz formen, hat alles angefangen. Auf dem Rücken hat sich Melinda Böhm ihre erste Tätowierung stechen lassen, die die Verbundenheit zu ihrer Schwester symbolisieren soll. „Schon nach dem Rücken habe ich gesagt, ich will nicht mehr, und vier Jahre später sitze ich wieder hier“, sagt die 28-Jährige und lacht. Bei der 27. Tattoo Convention lässt sich die Frau aus Okriftel die Blumen-Tätowierungen, die zwischenzeitlich auf ihrem rechten Bein entstanden sind, erweitern.

Links und rechts von ihr sitzen und liegen weitere Kunden, die sich von insgesamt rund 650 Tätowierern aus der ganzen Welt neue Motive an allen möglichen Körperstellen stechen lassen. Die gesamte Halle 5 auf dem Messegelände ist am Wochenende für die Hautartisten reserviert. Mit bis zu 10 000 Besuchern rechnen die Veranstalter an den drei Messetagen. Daneben gibt es ein Showprogramm mit Livemusik und Modenschauen von Tattoo Models.

Auch ein Boxring ist aufgebaut. Musikfetzen von Rap bis Rock aus der Dose dröhnen am Samstagmittag durch die Gänge. Dazwischen ist das leise Surren der Nadeln zu hören, die Farbe unter die Haut transportieren.

Viele haben einen Termin mit ihrem Lieblingstätowierer vereinbart

Viele der Besucher nutzen die Chance und haben im Vorhinein einen Termin mit ihrem Lieblingstätowierer vereinbart. So wie Melinda Böhm. Sie lässt sich auf der Messe die Pfingstrosen und Kirschblüten, die vom Oberschenkel bis zum Spann ihres Fußes reichen, von Miha Sakuto aus Nürnberg verlängern. Warum nur bei ihm? „Weil ich ihn kenne und weiß, was dabei herauskommt“, sagt Böhm. Der Künstler habe eine eigene Handschrift, was Farben und Schattierungen betreffe: „Mir persönlich gefällt es nicht, wenn man verschiedene Stile vermischt.“

Den Versuch habe sie schon einmal unternommen. Das Ergebnis, eine dunkle Lilie auf ihrem Fuß, soll Sakuto deshalb aufhübschen. „Das sieht kacke aus“, sagt der Mann mit Glatze und Vollbart sowie Karohemd und Totenkopf-Schürze in trockenem Tonfall. Währenddessen hält er Farbfläschchen an das Bein der Kundin, um zu schauen, ob sie mit dem bereits Tätowierten harmonieren. Mit anderen Farben und anderem Hintergrund will der 45-Jährige der Lilie eine schönere Optik verleihen. Als der gebürtige Russe auf dem Fuß sticht, kneift Böhm die Lippen zusammen und schaut weg: eine besonders schmerzempfindliche Stelle. „Es brennt, es zieht, man möchte den Fuß am liebsten wegziehen“, sagt sie und fügt hinzu, dass es nicht einfach sei, die Schmerzen auszuhalten, das aber eben dazugehöre.

Einige Stände weiter sitzt Patrick Reuss und lässt sich in den linken seiner muskulösen Oberarme stechen. Auf beiden Armen und Brust trägt er schon eine Uhr, eine Billardkugel, ein Porträt seiner Frau, Geburtsdaten seiner Kinder und einen Löwen. Die meisten davon hat Corina Krumpfert gestochen.

Ein Rücken-Tattoo präsentiert dieser Mann.

„Mit der Zeit baut man eine Beziehung auf und weiß, welche Vorlagen man nicht mehr zeigen muss“, sagt die Tätowiererin. An einer der letzten freien Stellen hat sie einen Turnschuh und einen Fußball vorgezeichnet und beginnt sie in Schwarz zu stechen. Anhand einer ausgedruckten Vorlage aus dem Internet hat sie den Schuh kreiert. Als Tätowiererin müsse man „ganz offen für die Wünsche der Kunden sein und sich in sie reinversetzen“ können, sagt die 47-Jährige. Das sei neben Zeichentalent mit das Wichtigste für den Beruf, der noch keiner Zugangsregelung unterliegt. „Theoretisch kann jeder loslegen, der sich Tinte und Nadel kauft“, sagt Krumpfert. Derzeit würden von Politikern aber Zugangsvoraussetzungen diskutiert, was die Hanauerin begrüßt.

Mit ihren beiden Kolleginnen zählt sie zu den wenigen Tätowiererinnen auf der Messe. Jedoch strebten immer mehr Frauen in den Beruf, sagt Krumpfert. Seit 28 Jahren tätowiere sie, und die Nachfrage gehe „stetig bergauf“. Gleichzeitig habe sich auch die Zahl der Tätowierer „verzwanzigfacht“. Deshalb rechnet Krumpfert damit, dass sich die Kunden künftig auf die wachsende Zahl der Studios aufteilten.

Eine gute Möglichkeit ist die Tattoo Convention also, um sich zu präsentieren. Der Nürnberger Tätowierer Sakuto sagt, die Messe nutze ihm, um Werbung für sich zu machen. Ansonsten sei es auf der Schau „anstrengend, viele Leute und alles unsauber“, fügt er mürrisch hinzu, während er das Bein seiner Kundin mit Desinfektionsmittel einreibt. Für Melinda Böhm sei der Weg nach Frankfurt kürzer als nach Franken – ein guter Grund, den Termin in der Nähe zu vereinbaren. Patrick Reuss hätte in Krumpferts Studio fünf Monate auf einen Termin warten müssen. Deshalb haben sie sich auf der Messe verabredet. Drei Stunden müsse er stillsitzen, berichtet Krumpfert. Dabei verzieht der Mann keine Miene. „Es tut schon weh“, gesteht der 39-Jährige und ergänzt: „Wie Sonnenbrand.“

Der Trend geht zu kleinen Tattoos

Anne Bouhrali und Lukas Lodzik aus Friedberg schlendern erst einmal nur an den zahlreichen Ständen vorüber. Sie sei schon zweimal bei der Messe gewesen und habe sich jedes Mal tätowieren lassen, berichtet Bouhrali. Die 21-Jährige sagt: „Es geht schneller, man braucht keine Termine, und es ist billiger.“ Eine Rose am Unterarm etwa habe 100 Euro gekostet, genauso viel wie ein Schriftzug über der Hüfte. Daneben zeigt sie auch eine besondere – mit weißer Tinte gestochene – Schlange auf dem Unterarm.

Ihr Kumpel sagt: „Ich überlege schon seit ich 17 bin, was ich mir stechen lasse.“ Eine Baseballkappe trägt der 22-Jährige falsch herum auf dem Kopf. Er sammele Kappen, deshalb könne er sich ein solches Motiv vorstellen oder etwas Tierisches: „Hirschgeweih, Dachs oder Eule“ würde er gerne auf seiner Wade sehen, weil er nachtaktiv sei. „Der Trend geht zu kleinen Tattoos als Souvenir“, sagt Tätowiererin Krumpfert. Neben Terminen mit Kunden halte sie sich auf der Messe auch immer Zeit frei. Besuchern will sie ermöglichen, sich bei ihr auch spontan ein Mitbringsel stechen zu lassen.

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