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Nicht nur zu Ausflugszwecken sollten mehr Menschen vom Auto aufs Rad umsteigen, wünscht sich der ADFC.

ADFC

„Das Fahrrad muss elementares Rückgrat des Verkehrs werden“

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Der hessische ADFC-Landesvorsitzende Stefan Janke über die Herausforderung der Zukunft im Ballungsraum und auf dem Land.

Der ADFC feiert in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen. Gegründet wurde er von einem Transportunternehmer, der das Rad als Verkehrs- und Transportmittel fördern wollte. Mit aktuell rund 15 700 Mitgliedern wächst der hessische Landesverband im bundesweiten Vergleich überdurchschnittlich. Und er habe große Pläne, sagt Vorsitzender Stefan Janke.

Herr Janke, die Landesregierung hat in ihrem Koalitionsvertrag eine Kampagne zur gegenseiti-gen Rücksichtnahme vereinbart. Sind Sie dabei?
Natürlich machen wir mit. In Offenbach gibt es schon seit 2015 eine vom dortigen ADFC initiierte Kampagne zu mehr Rücksichtnahme. Sie heißt „Offenbach fährt fair“.

Wer soll auf wen mehr Rücksicht nehmen?
Wir machen keinen Unterschied zwischen den Verkehrsarten. Jeder muss Respekt vor dem anderen haben. Achtsam für sich sein, achtsam für die anderen.

Stefan Janke (51) aus Rodgau ist seit September 2013 Vorsitzender des ADFC Hessen.

Manche sagen, es werde immer schlimmer. Aber ist das Verhältnis Radfahrer–Autofahrer nicht besser geworden im Vergleich zu den 80er Jahren?
Es kommt drauf an. Es gibt viele Autofahrer, die auch Radfahrer sind und umgekehrt. Die wissen, wie das ist, von hinten angehupt oder zu knapp seitlich überholt zu werden, und machen das nicht. Wir haben auch viele andere, die meinen immer noch, dass die Straßen nur den Autos gehören. Verschärft wird das Ganze dadurch, dass die Autos auch immer größer werden und es so auf den Straßen immer enger wird.

Umgekehrt gibt es auch die berühmten Kampfradler.
Ja. Das sind alles Menschen und die reagieren menschlich. Ob sie im Auto sitzen oder auf dem Fahrradsattel. Oder zu Fuß gehen. Die Rücksichtlosen bleiben die Rücksichtlosen – und die bleiben im Gedächtnis.

Der ADFC will einen Radentscheid auf Hessenebene initiieren. Was ist der Unterschied zu den Initiativen in Frankfurt, Darmstadt oder Kassel?
Auf kommunaler Ebene kann ich Forderungen aufstellen, die in die Stadtregierung eingreifen. Auf Landesebene muss es ein Gesetz sein, so wie in Berlin.

Wären städtische Radentscheide dann hinfällig?
Nein, das ist nur der Rahmen. Grundsätzlich verfügt das Land ja über andere Kompetenzen als die Kommunen. Es kann zum Beispiel dafür sorgen, dass mehr Radwege an Landesstraßen gebaut werden oder es noch bessere Fördermöglichkeiten gibt.

Der ADFC hat sich vor drei Jahren mit dem Verein „Fuss“ zusammengetan. Was verbindet Sie mit den Fußgängern?
Der Platzmangel im Straßenverkehr. Wir waren es leid, gegeneinander ausgespielt zu werden aufgrund des Gedränges auf kombinierten oder nebeneinander laufenden Wegen. Wir sind keine Gegner, sondern brauchen einfach beide mehr Platz. Deswegen haben wir uns zusammengeschlossen.

Für den ADFC gehört auch die Regionaltangente West (RTW) zum Verkehrskonzept.

Jetzt kommen die Elektrotretroller hinzu.
Im Prinzip sind die nicht schlecht. Aber in der Konsequenz muss der Autoverkehr etwas abgeben, um auch dieser Verkehrsart ihren Platz einzuräumen. Wir müssen ja schon mit Skatern leben, die mit ihren breiten Ausfallschritten auf kombinierten Geh- und Radwegen fahren. Die haben alle ihre Berechtigung. Das ist immer noch besser als Auto fahren. Aber Platz muss für alle ausreichend vorhanden sein, damit es keinen Knatsch gibt.

Die Radschnellwege sind ein weiteres ADFC-Thema. Wie lässt sich die Umsetzung beschleunigen?
Jede Gemeinde hat eigene Ideen, wie es durch ihre Gemarkung gehen soll. Bei der Radschnellverbindung Frankfurt–Darmstadt ist es der Regionalpark Südwest GmbH gelungen, die Gemeinden und weitere Behörden auf eine Linie zu bringen. Seitdem deren Geschäftsführer Manfred Ockel, der Bürgermeister der Stadt Kelsterbach, das in der Hand hat, geht es echt schnell. Man braucht geeignete Macher. Bestenfalls mehrere Personen wie ihn, die das dann hessenweit machen können – am besten im Auftrag des Landes.

Wie bewertet der ADFC den Koalitionsvertrag?
Für den Radverkehr ist es der beste, den es je in Hessen gab. Aber für die darin erwähnte Verkehrswende ist er noch zu dünn. Das auszuführen, würde den Rahmen des Interviews sprengen. In jedem Fall bräuchte es für eine wahrnehmbare Verkehrswende sehr gravierende Veränderungen. Darum auch der angestrebte Radentscheid auf Hessenebene.

Radler und Fußgänger haben im Verkehr eines gemeinsam: Sie brauchen mehr Platz.

Ein Anlass für die Gründung des ADFC vor 40 Jahren war, Alternativen zum motorisierten Warentransport zu fördern, der die Städte verstopft. Doch bis heute sind Lastenräder noch etwas Exotisches.
Aber dank der E-Motorisierung sind sie sehr stark im Kommen. Durch die Tretunterstützung werden Lastenräder erst wirklich komfortabel und auch gerne genutzt. Früher war es eine Last mit dem Rad, heute ist es Spaß mit dem Lastenrad.

Schauen wir 40 Jahre nach vorne. Wo steht der ADFC? Gibt es ihn überhaupt noch?
Wenn der Klimawandel so weitergeht, können wir vielleicht Schwimmverein werden. (lacht) Nein, im Ernst: Es muss schon in zehn, fünfzehn Jahren ganz anders aussehen. Sonst haben wir hier in Mitteleuropa afrikanische Verhältnisse. Es wäre schön, wenn wir spätestens in zehn Jahren deutlich bessere Verhältnisse und damit auch lebenswertere Städte haben. Das Rhein-Main-Gebiet wird ja weiter wachsen mit den ganzen Problemen. Das Fahrrad muss hier im dicht besiedelten Raum elementares Rückgrat des Verkehrs werden. Der ÖPNV mit seinen Kapazitätsengpässen kann es alleine so schnell nicht schaffen, die Region mobil zu halten.

Interview: Jutta Rippegather

Mobilitätsentscheid

Die Landesversammlung hat den Vorstand des ADFC Hessen vor einem Monat ermächtigt, eine Initiative oder ein Bündnis für einen hessischen Radentscheid beziehungsweise Mobilitätsentscheid zu schaffen und zu unterstützen. Konkrete Inhalte und ein Zeitplan sollen mit dem VCD Hessen, den Radentscheiden Darmstadt, Frankfurt und Kassel sowie weiteren Partnern erarbeitet werden.

Das Ziel ist die Förderung des Umweltverbunds (zu Fuß, Fahrrad, öffentlicher Personenverkehr), und zwar in allen Landesteilen und allen Kommunen, unabhängig von ihrer Größe.

Bei Bedarf stehen dem Vorstand zur Basisfinanzierung maximal 25 000 Euro zur Verfügung. Das Geld soll vornehmlich für Kampagnen in den Jahren 2020 und 2021 genutzt werden sowie für das Verfassen eines Gesetzentwurfs, für Rechtsberatung und Vernetzungsarbeit.

Konkret wird es erst, wenn es ein Ausführungsgesetz für die 2018 beschlossene Verfassungsänderung gibt, die Volksbegehren oder Volksentscheide erleichtert. Erst danach kann die juristisch saubere Formulierung für ein Mobilitätsgesetz erarbeitet werden, für das dann Unterschriften gesammelt werden, heißt es in dem Antrag. 

Im Wortlaut: Aus dem Koalitionsvertrag

Knapp eine Seite des Koalitionsvertrags der schwarz-grünen Landesregierung widmet sich dem Rad- und Fußverkehr. Wir dokumentieren Auszüge:

Wir wollen unsere Anstrengungen zur Schaffung zusammenhängender Radwegenetze sowie zum Ausbau von Radschnellwegen auf Grundlage eines Masterplans „Radnetz Hessen“ weiterführen und die erfolgreiche Arbeit der AG Nahmobilität fortsetzen. Als Basis jeder Mobilität ist der Fußverkehr Bestandteil der Hessischen Nahmobilitätsstrategie. Ihn wollen wir weiter fördern.

Bis 2025 werden wir die Mittel für den Radwegeausbau an Landesstraßen signifikant auf zehn Prozent des Landesstraßenbauetats, das bedeutet 17 Millionen Euro, zusätzlich zu den Straßenbaumitteln steigern und die

Wer sein Rad liebt – gibt ihm einen Namen. Dieses heiße Ferdi, sagt die Besitzerin.

Zuständigkeit für Radwege bei Hessen Mobil besser integrieren.

Insgesamt werden wir Hessen Mobil im Bereich der Nahmobilität stärken. Darüber hinaus wollen wir eine Verbesserung sowie Beschleunigung der kreisübergreifenden Planung von Radwegen erreichen und dazu deren Aufnahme in das Hessische Straßengesetz prüfen. Geprüft werden zudem die Potenziale, nicht reaktivierbare Schienenstrecken je nach örtlichen Gegebenheiten für Radwege in Abstimmung mit den Kommunen zu nutzen.

Wir wollen eine Offensive für Radabstellanlagen an Bahnhöfen starten und als Land mit gutem Beispiel vorangehen, indem wir an landeseigenen Liegenschaften ein 1000-Fahrradständer-Programm aufsetzen. Auch Fahrradparkhäuser wollen wir als sichere und effiziente Abstellmöglichkeit für Fahrräder fördern.

Wir werden weiterhin Radprojekte wie zum Beispiel Bike & Business, Pedelec-Tests, Einkaufen mit dem Rad, Wegweisung, fahrradfreundliche Arbeitgeber unterstützen beziehungsweise ausbauen.

Wir wollen Musterlösungen für Radverbindungen einschließlich des Standards der ERA (Empfehlungen für Radverkehrsanlagen), Raddirektverbindungen und Radschnellverbindungen sowie Musterlösungen für Fußverkehrsanlagen einschließlich des Standards der EFA (Empfehlungen für Fußverkehrsanlagen für Bundes- und Landesstraßen) einführen und sie den Kommunen zur Umsetzung empfehlen.

Die von uns gegründete Arbeitsgemeinschaft Nahmobilität (AGNH) hat sich erfolgreich etabliert und sich ein hohes Maß an Anerkennung erarbeitet. Daher werden wir sie weiter stärken und ausbauen. Wir sehen außerdem Handlungsbedarf im Bereich der gegenseitigen Rücksichtnahme der verschiedenen Verkehrsteilnehmer. Aus diesem Grund wollen wir eine landesweite Kampagne für mehr Rücksicht im Verkehr aufsetzen (Auto-Rad-Fuß).

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