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Turbulente Zeiten für Fahrradläden: Katrin Laksberg und ihr Lebenspartner Oliver Jörg in der Velopraxis.

Fahrrad-Boom

Es läuft wieder rund

  • Andreas Hartmann
    vonAndreas Hartmann
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Fahrradläden erleben gerade einen nie dagewesenen Ansturm – auch die Frankfurter Velopraxis. Verkäuferin Katrin Laksberg ist froh, wenn sie mal wieder durchatmen kann.

Noch immer werden die allermeisten Fahrräder hierzulande beim Fachmann gekauft – oder bei Fachfrauen wie Katrin Laksberg, die mit ihrem Geschäfts- und Lebenspartner Oliver Jörg in der Frankfurter Velopraxis arbeitet. Hinter den beiden liegen harte Monate – erst die Sorgen wegen der aufziehenden Corona-Pandemie, dann die Existenzängste wegen der wochenlangen Schließung, schließlich die Wochen, in denen Kunden, auch zahlreiche Neukunden, den gut sortierten kleinen Laden an der Dreieichstraße in Sachsenhausen stürmten.

Wohl alle Fahrradhändler und -werkstätten haben Ähnliches erlebt. „Der Mai war für die Branche der stärkste Monat aller Zeiten“, berichtet David Eisenberger vom ZIV, dem Dachverband der Fahrradproduzenten und -händler. „Der Druck ist immer noch groß.“ Offenbar gebe es einen enormen Nachholbedarf bei den Kunden, außerdem viele Neueinsteiger. „In dieser Zeit ist der Bürger dem öffentlichen Nahverkehr weggebrochen, weil er sich dort nicht mehr wohlgefühlt hat“, meint Eisenberger.

Fahrradland Deutschland

Rund 75,9 Millionen Fahrräder standen nach Angaben des Branchenverbands ZIV im Jahr 2019 in deutschen Garagen, Kellern, Hinterhöfen und auch Wohnzimmern, davon 5,4 Millionen E-Bikes – das bedeutet, bei einer Bevölkerungszahl von gut 83 Millionen kommt auf fast jeden Einwohner ein Fahrrad. Die Corona-Pandemie hat eine starke Nachfrage nach Zweirädern ausgelöst, Zahlen für dieses Jahr liegen aber noch nicht vor.

Im Fachhandel wurden im vergangenen Jahr laut Statistik des ZIV 68 Prozent aller neuer Räder gekauft, im Internet 24 Prozent und bei Supermärkten, Baumärkten oder Discountern acht Prozent. Auch hierfür liegen noch keine aktuellen Zahlen vor, der Anteil der Onlinekäufe dürfte aber auch in dieser Branche während der Corona-Zeit deutlich zugenommen haben. Besonders begehrt sind aktuell E-Bikes mit Hilfsantrieb.

Während des Shutdowns mussten Fahrradgeschäfte mehrere Wochen lang schließen, Fahrradwerkstätten galten aber als „systemrelevant“ und blieben geöffnet. Vor allem im Mai gab es nach Angaben des ZIV eine extrem starke Nachfrage nach neuen Rädern und Reparaturen – das können die Profis von der Velopraxis in der Dreieichstraße 48 in Frankfurt-Sachsenhausen bestätigen. aph

„Wir mussten alles herunterfahren, mitten in der Hochsaison im Frühjahr“, berichtet Katrin Laksberg, die aus Calbe an der Saale stammt und seit 1990 in Hessen lebt. „Da denkst du dann: Können wir das schaffen? So viel Ware bestellt, so viele Verpflichtungen offen und dein Leben muss ja weiterlaufen“, sagt die 52-Jährige. Erst im Februar hatte Oliver Jörg einen neuen Mitarbeiter eingestellt. Ein Schild an der Ladentheke informiert die Kunden, dass es mal ein bisschen lauter werden könnte, der neue Kollege hat das Tourette-Syndrom, eine angeborene Nervenstörung. „Viele sagen, es sei toll, dass der Ingo jetzt hier arbeitet, aber das sollte selbstverständlich sein, finde ich“, sagt Katrin Laksberg.

Die Fahrradwerkstatt durfte während des coronabedingten Lockdowns geöffnet bleiben, der Laden musste zumachen. „Es war aber schon sehr rührend, dass Kunden vorbeikamen und fragten, wie sie uns unterstützen könnten, mit Gutscheinkäufen oder so. Einer brachte uns sogar einen Kasten Bier“, erzählt Oliver Jörg. „Das sind so Momente, wo einem die Augen feucht werden“, meint seine Freundin.

Vor 13 Jahren hat der heute 49-Jährige die Velopraxis eröffnet, seit zehn Jahren kennen und lieben sie sich und fast genauso lange arbeitet die gelernte Synchronsprecherin mit – Schwerpunkt Beratung. Ihre Devise: „Was du selbst gut findest, kannst du auch empfehlen.“ Das müsse längst nicht das Teuerste sein, sondern zu den Kunden passen.

„Beratung ist unter Corona-Bedingungen gerade gar nicht so einfach“, berichtet sie. „Kinder haben manchmal Angst, wenn sie einen Fahrradhelm anprobieren sollen. Und wenn ich sie anlächle, dann sehen sie das gar nicht wegen der Maske.“ Katrin Laksberg kann wunderbar lachen und das tut sie gerne, selbst wenn es mal wieder so stressig wird wie in den vergangenen Wochen. „Manchmal ist das aber schon belastend, wenn du um 20.30 Uhr noch den Laden aufräumen musst und draußen genießen die frisch geduschten Leute ihren Feierabend“, meint sie – natürlich lachend.

Die Atmosphäre im Laden ist entspannt, meist duzen sich die Kunden mit Oliver und Katrin. Ein Terminbuch gibt es nicht. Manchmal schauen Nachbarn nur vorbei, um Hallo zu sagen. Gerade hat einer von ihnen den Internetauftritt der Velopraxis neu gestaltet. Sucht man den Laden im Internet, stößt man – neben vielen begeisterten Bewertungen – auch auf Gemecker. Das sei eben so, meinen beide. Das sei zwar nicht schön, aber schon in Ordnung. „Uns rufen regelmäßig Leute an, die uns anbieten, für 105 Euro pro Bewertung könnten sie das im Internet löschen. Aber das ist nicht unser Stil, der ist persönlich und ehrlich“, sagt Katrin Laksberg.

Ach ja, das Internet. Reparieren lassen kann man Fahrräder dort ja noch nicht, aber man kann sich natürlich stundenlang in einem Fachgeschäft umschauen, Räder, Zubehör oder Helme aufprobieren – und dann doch online bestellen. Auch Katrin Laksberg kann ein Lied davon singen. „Zwei Stunden Beratung und dann kaufen die Leute im Internet. Gerade hat mich jemand angerufen, der nach einer langen Beratung wieder nach Hause gegangen ist, dann den Helm im Internet angeblich viel billiger fand und nun handeln wollte“, erzählt sie kopfschüttelnd. „Dafür können wir das nicht mal einkaufen. Aber im Internet ist der Preis eben das einzige Kriterium.“

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