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Glücklich ist, wer noch ein Ticket bekommen hat.

Bieber Fieber

„Er ist so wunderwunderschön“

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Es gibt junge Leute, die überfallen Banken, nehmen Drogen oder vergiften Nachbars Dackel. Da ist es schön, dass manche ihre Verrücktheiten mit Justin Bieber ausleben. Wie verrückt, ist in Frankfurt gut zu beobachten.

Eins vorweg: Anderswo gibt es junge Leute, die überfallen Banken, nehmen Drogen, ziehen in den Dschihad, machen miese Enkeltricks mit hilflosen Rentnern oder vergiften Nachbars Dackel. Da können wir froh sein, dass wenigstens noch ein paar Teens und Twens ihre Verrücktheit mit etwas so Umweltverträglichem wie Justin Bieber ausleben. Na gut, sagen wir: ein paar Millionen.

In Frankfurt jedenfalls ist schon am Mittwochmittag unübersehbar, dass hier am Abend ein Konzert des Ex-Wunderkinds aus Kanada ansteht. Der Eingang zur Festhalle ist dicht gesäumt von Mädchen, ehemaligen Mädchen und Journalisten, die über die Mädchen berichten wollen. Wichtigste Frage: Es ist kalt, es sind noch acht Stunden bis zum Konzert – was, um alles in der Welt, macht ihr jetzt schon hier?

„Ich möchte ganz vorne stehen“, sagt Helena, ein zartes 15-jähriges Wesen, „ich möchte Justin ganz nah sehen“. Deshalb ist sie um 5 Uhr am Morgen vor der Halle angekommen und war eine der Ersten, die ihre Einlassbändchen erhielten. Dass Helena nah an der Bühne sein wird, steht ohnehin fest. Sie hat ein Ticket für den „Golden Circle“. Macht 210 Euro.

Viel Geld. Aber nicht so viel, wie Jenny (20) berappt. Ihre Eintrittskarte kostete 871 Euro – es ist das „I’ll-Show-You-Package“, benannt nach einem Song von Justin Bieber. Die Karte garantiert einen Platz vor der Bühne, frühzeitigen und exklusiven Zugang zur Halle, es gibt ein Paket mit Fanartikeln, ein Büfett, eigentlich hätte auch noch das sogenannte Meet & Greet dazugehört, auf Deutsch: Treffen & Grüßen, eine Begegnung mit dem Star. Meet & Greet wurde aber für die gesamte Tournee abgesagt.

Der Sänger teilte mit, er fühle sich nach den Fan-Begegnungen immer total erschöpft und „nahe an der Depression“. Wie man hört, ging ihm die Liebe der Fans körperlich zu weit.
Die Frankfurterin Jenny kann das verstehen. „Niemand will ständig begrapscht werden.“ Sie bekam etwas Geld zurück, weil das Treffen & Grüßen ausfällt. Trotzdem – mehr als 600 Euro für ein Konzert? „Ich bin Fan seit 2010“, sagt Jenny, „das ist mein erstes Konzert, das will ich nicht vergessen, deshalb gebe ich das Geld gern aus. Andere bezahlen ja noch mehr.“ Bitte? „Ja, 1800 Euro für das höhere Package.“ Das wäre kein Gruppen-Meet & Greet gewesen, sondern ein Einzeltreffengrüßen. Aber wie gesagt, abgeblasen.

Schade, sagt Adriana (17), ebenfalls aus Frankfurt. Aber andererseits: „Wir sind alle aus einem Grund hier, wir verstehen uns sooo gut – Justin sagt, wir sind alle eine Familie.“ Der Sänger habe es nicht darauf angelegt, ein Star zu werden, sagt Adriana: „Er wurde entdeckt. Er hatte Probleme, aber wir sind bei ihm geblieben.“ Jenny: „Er lässt uns nicht im Stich. Er ist für uns da, wir sind für ihn da.“

Bieber-Fans nennen sich Belieber

Das Einkaufscenter Skyline Plaza an der Festhalle füllt sich im Lauf des Nachmittags mit immer mehr jungen Leuten, die ganz offenkundig Belieber sind, also Bieber-Fans. Das Wort ist eine Kombination aus dem Namen des Sängers und dem englischen Wort für Gläubige, Believer.
Zu ihnen gehören jetzt auch die Eishockeyspieler der Frankfurter Löwen – Justin Bieber besuchte das die Cracks überraschend beim Training, schoß ein paar Tore und ließ sich sogar im Löwen-Trikot fotografieren. „Cooler Typ!“, postete der Verein auf Facebook.
Vor der Halle verkaufen zwei Nordsee-Mitarbeiterinnen Fischbrötchen. Wie läuft’s? „Bisher geht’s so“, sagt Christine Ruland. „Wir probieren das heute mal aus. Nachher kommen ja noch mehr Leute.“ Und später – auch zum Konzert? Nee, sagt die 28-Jährige. „Wir sind keine Fans.“

Ganz im Gegensatz zu Susi (15, Bieber-Lieblingslied: „As Long As You Love Me“) und Celina (14, Bieber-Lieblingslieder: alle). „Ich bin Fan seit 2008“, sagt Celina. In der Zeit habe sich Justin natürlich sehr verändert – sie selbst ja auch, sagt sie. „Ist ja klar.“ Aber an der Liebe zu seiner Musik hat sich nichts geändert. Was ist mit dem Kreischen? Bieber möchte ja nicht, dass die Fans die ganze Zeit kreischen.

In Manchester brach er das Konzert ab, weil er nicht zu Wort kam. „Er hat recht“, sagt Susi. „Die sollen mitsingen und nicht die ganze Zeit kreischen.“ Dann werden Susi und Celina also nicht kreischen? „Am Anfang vielleicht schon“, sagen sie und kichern.

Jenny ist seit 9 Uhr da, im Freien vor der Festhalle. „Mit Freunden und Beliebern chillen.“ Isabelle kam deutlich früher und hat viel zu tun. Der Mensch mit Dreitagebart, Leggings und Kanada-Fahne schiebt ein vollgepacktes Wägelchen, spricht mit sehr hoher Kehlkopfstimme und fällt beinahe allen um den Hals. „Isabelle verschenkt heißen Tee, Getränke und Süßigkeiten an die Leute, die hier in der Kälte stehen“, sagt ein Mädchen.

Niemand macht sich über Isabelle lustig. Die Szene ist überwältigend in ihrer Ernsthaftigkeit im Angesicht des Absurden. Ein Bild von Zusammenhalt und Toleranz, eine starke und trotzige Demonstration auch gegen die Security-Leute, die Isabelle nicht auf das abgezäunte Gelände vor der Festhalle lassen wollen – obwohl Isabelle eine Karte hat wie die anderen auch. Warum die Aussperrung? „Kann ich nicht sagen“, sagt die Ordnerin am Tor. Es ist Isabelles sechstes Justin-Bieber-Konzert in diesem Jahr. Nirgends sonst sei es ein Problem gewesen, mittags mit dem Wägelchen vor die Halle zu fahren, nur in Frankfurt, sagt Isabelle.

„Das Gekreische kann man ausblenden“

„Das Gekreische kann man ausblenden“, finden Steffy (27) aus Dinslaken und Katja (17) aus Ulm. Sie kennen sich aus der Facebook-Fangruppe und holen sich gerade eine ordentliche Erkältung. „Egal.“ Steffy, die Frisörin, hat ein Justin-Tattoo im Nacken und wird sich demnächst auch noch sein Porträt auf den Arm stechen lassen. Alles begann Steffy zufolge damit, dass die Fans in ihren Salon kamen und alle die Bieber-Frisur haben wollten. „Dann hab ich mich damit beschäftigt“, sagt Steffy, „und jetzt bin ich besessen. Ich bin krank, aber ich steh dazu. Die Leute kennen mich so.“

Katja hat sich morgens mit ihrem Freund zerstritten. Wegen Justin. „Er hat gesagt, ich soll mal erwachsen sein.“ Wollte sie nicht. Drei Bieber-Konzerte hat sie schon gesehen – dieses Jahr. Nach Frankfurt ist ihre Mama mitgekommen. Katja hört auch Helene Fischer und Santiano, „alles außer Rock“, aber am liebsten Justin Bieber.

„Er weint auch auf der Bühne, weil er so emotional ist, weil er seine Familie vermisst und weil er seine Fans so lieb findet“, sagt Steffy. „Er ist so wunderwunderschön, seine Stimme, seine Art, es gibt nichts Schöneres.“ Aber er ist doch vorbestraft. Zu schnell gefahren, Drogen, Alkohol. 2014 warf er mit Bio-Eiern. Steffy: „Bisschen Bad Boy ist gut.“ Nächstes Jahr will sie vielleicht zum Bieber-Konzert nach Südamerika fliegen.

Bobbi möchte der FR auch ein Interview geben. Warum? „Karten“, sagt er. „Schwarzmarkt.“ Der 29-Jährige hat Tickets für 130 Euro gekauft und bietet sie jetzt an für 200 bis 800. „Wer zu spät kommt, muss halt mehr bezahlen“, sagt er. Später will er dann selbst ins Konzert gehen. „Wegen der schönen Mädchen.“

„I know you love me“, singen die schönen Mädchen im Chor, um sich warmzuhalten. Dominik (20) ist jetzt auch angekommen, einer der männlichen Belieber, die dramatisch in der Unterzahl sind. Er sei Fan geworden, als er den ersten Bieber-Film „Never say never“ sah, sagt Dominik. „Ich mag die Art, wie sich alles entwickelt hat“, erzählt er. „Die Musik ist noch besser geworden über die Jahre. Am Anfang war das nur für Mädchen, jetzt ist es cool.“

Seine Kumpels Noah (21) und Benedikt (16) warten mit Dominik, bis er hineindarf. Sie werden das Konzert nicht sehen, sie sind nur mitgekommen, um den Kumpel zu begleiten – aus der Nähe von Regensburg, mehr als 300 Kilometer. Noch so ein Fall von umwerfendem Zusammenhalt.

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