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André Karsten twittert für die Polizei Frankfurt.

Polizei Frankfurt

Maus statt Dienstwaffe

Frankfurt gehört zu den Städten, in denen die deutsche Polizei einen Schwerpunkt ihrer Social-Media-Kommunikation setzt.

Die Entscheidung für den Polizeiberuf war für André Karsten reine Vernunftsache. Als der Werbetexter, Rockmusiker und Germanist vor gut zehn Jahren mit seinem Berufsleben „nicht mehr hundertprozentig happy war“, notierte er nüchtern, „was ich will“. Die Liste mit seinen Wünschen ans Arbeitsleben zeigte er mehreren Freunden. Das Ergebnis der Gespräche über seinen Traumberuf war immer das gleiche: Polizei-Arbeit. „Das war eine reine Kopfentscheidung – und die beste Entscheidung meines Lebens“, erzählt der Oberkommissar. „Die Polizei ist so vielfältig wie das Leben.“ Der 38-jährige ehemalige Streifenpolizist gehört zu den Pionieren der Social-Media-Arbeit der deutschen Polizei.

„Frankfurt war eine der ersten Städte, die das groß aufgezogen haben“, sagt der Cyberkriminologe von der Fachhochschule der Polizei in Brandenburg, Thomas-Gabriel Rüdiger. Großstädte, vor allem Berlin, Frankfurt und München, seien inzwischen die Schwerpunkte der Social-Media-Accounts der Polizei in Deutschland.

„Wie in einem Start-up haben wir mit einem Laptop angefangen“, erinnert sich Karsten, der bei der Arbeit lieber Hoodie (Kapuzenpullover) und Baseballcap als Uniform trägt. Zu zweit ging es in einem Abstellraum los, zwischen alten Videokassetten, Gerümpel und Staub. Den Anfang machte im Januar 2014 Twitter. 2015 folgte Facebook, 2016 Instagram – und seit diesem Jahr ist das Social-Media-Team auf fünf Leute angewachsen. Rund 222 000 Follower haben sie auf Twitter, etwa 64 000 auf Facebook und mehr als 25 000 auf Instagram.

Bei den Protesten des antikapitalistischen Blockupy-Bündnisses 2013 hätten viele Demonstranten schon Social Media genutzt, beschreibt Karsten den Ausgangspunkt. Weil die Polizei auf die Tweets und Posts noch nicht schnell genug direkt reagieren konnte, sei es zu Verwirrungen und Missverständnissen gekommen. Ein Social-Media-Pilotprojekt beim Landeskriminalamt habe es zwar auch damals schon gegeben, der Kanal sei damals aber nur sporadisch für Fahndungen genutzt worden. Die Frankfurter hätten dann ganz vorsichtig bei den Fußballspielen der Eintracht die ersten Tweets abgesetzt.

Videos von Einsätzen

Inzwischen twittert und postet das Social-Media-Team nicht nur am laufenden Band, sondern produziert auch immer häufiger kurze Videos etwa von Einsätzen fürs Netz. Künftig soll es mehr Blicke hinter die Kulissen der Polizeiarbeit geben. Angedacht ist auch – wie die Münchener Polizei – die Ermittlungsarbeit der Fahnder in der TV-Sendung „Tatort“ zu kommentieren, wenn sie vom Hessischen Rundfunk kommt.

„Wir passen den Kurs immer mal wieder an“, berichtet Karsten. Diskussionen habe es beispielsweise über ungepixelte Fotos von Demonstranten gegeben. Weil eine Diskussion über Bildrechte auf den Kanälen nicht zielführend sei, würden bei Demos jetzt in der Regel keine Menschen mehr im Vorfeld gezeigt, sondern nur noch Orte oder Straßenschilder, sagt Karsten.

Umstritten seien in den sozialen Netzwerken auch Unfallanzeigen mit einem Kreuz. Dies habe zu einer sehr langen Diskussion von nicht-christlichen Glaubensrichtungen und Atheisten geführt, berichtet Karsten. Jetzt gibt es kein Kreuz mehr, nur noch einen schwarzen nüchternen Hintergrund.

Und die Sprache? „Uns wird ein eigener Stil nachgesagt. Das ist aber nicht unser Stil, das ist Frankfurt. Wir versuchen so zu sprechen, wie die Stadt ist“, sagt Karsten. So ein eigener Sound sei für die Flächenpräsidien der Polizei in Hessen viel schwieriger zu finden, weil sie mehrere unterschiedliche Städte und Kreise abdeckten.

Ein Social-Media-Konzept könne sprachlich auch nicht einfach auf andere Großstädte übertragen werden. In Berlin etwa sieze die Polizei ihre Follower im Internet. „In Frankfurt duzen wir im Plural und reden sonst drum herum, wie bei den Schwiegereltern in spe.“

„Der Großteil der Bürger findet das gut, dass wir menschlich erscheinen und näher gerückt sind“, stellt Karsten fest. Humor zeigt die Polizei vor allem in ihren Antworten. „Im richtigen Moment sind wir aber sehr sachlich.“

Die Antwortrate der Polizei auf Anfragen und Kommentare im Internet liege bei etwa 80 Prozent. Ein großer Teil der Frage beziehen sich auf Beobachtungen in der Stadt oder Polizeieinsätze – mit dem Tenor: „Was ist da los?“ Üble Beleidigungen und strafrechtliche Aufforderungen seien selten. „Die meisten halten sich an die Regeln“, sagt Karsten. „Es gibt aber sehr emotionale Themen.“ Als Beispiele nennt er die Herkunft von Tatverdächtigen, Unfälle sowie Straftaten mit Kindern. „Oder Tiere, denen etwas passiert ist.“

„Social Media hört nicht auf, es geht Tag und Nacht weiter“, beschreibt André Karsten eine der anstrengenden Seiten seines Jobs. Anders als im Streifendienst ende die Schicht nicht automatisch mit dem Ablegen der Uniform. „Man muss sich selbst den Riegel vorschieben.“ Einen Ausgleich findet Karsten dann nach wie vor in seiner Rockmusik.( dpa)

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