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Barbara Klein und Isabelle Brantl wollen soziale Medien bei der Vermisstensuche nutzen.

Vermisstensuche

Entführte Kinder per App finden

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Wenn ein Kind verschwindet, zählen unter Umständen Stunden oder Minuten, um Schlimmeres zu verhindern. Die App "ChildRescue" will Informationen zu vermissten Kindern und Jugendlichen weitergeben.

Die ersten Stunden nach dem Verschwinden eines Kindes sind die entscheidenden“, sagt Barbara Klein. Sie ist Professorin am Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Frankfurt University of Applied Sciences. Und zurzeit arbeitet sie daran, als Teil des internationalen Forschungsprojekts „ChildRescue“, eine App und zudem eine Internet-Plattform zu entwickeln, mit der man verschwundene Kinder so schnell wie möglich lokalisieren kann. „Denn je länger die Kinder alleine unterwegs sind, desto höher ist die Gefahr, dass sie Opfer eines Verbrechens werden“, so Klein. 

Es geht dabei nicht nur um kleine Kinder, sondern eben auch um Jugendliche bis 18 Jahre. „Bei vermissten jungen Frauen ist die Gefahr groß, dass sie gezwungen werden, in die Prostitution zu gehen“, sagt die Kriminologin Isabelle Brantl, die die Professorin bei diesem Projekt unterstützt. Auch die Gefahren, dass die vermissten Jungen und Mädchen Opfer von Pädophilen werden, auf der Straße landen oder süchtig werden, seien traurige Realität, betont Brantl.

Jedes Jahr werden in der Europäischen Union mehr als 250.000 Kinder als vermisst gemeldet. Die Dunkelzimmer liege weit höher, so Klein. Zu den vermissten Kindern zählten minderjährige Flüchtlinge, Kinder, die von einem Elternteil oder einem Unbekannten entführt wurden, oder Jugendliche, die weggelaufen seien. „Manchmal ist auch unklar, ob das Kind entführt wurde oder freiwillig weggelaufen ist“, sagt Klein. 

Europäische Zusammenarbeit ist verbesserungsfähig 

Die Ermittlungsverfahren zur Suche nach vermissten Kindern seien in ganz Europa sehr unterschiedlich. „Eine ineffiziente oder schwierige Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Strafverfolgungsbehörden und auch NGOs, also von Hilfsorganisationen, verursacht Verzögerungen und Doppelarbeit“, sagt Klein. Mit ChildRescue solle die Zeitspanne zwischen der Vermisstenmeldung und dem Finden des gesuchten Kindes reduziert werden.

Noch ständen sie ganz am Anfang des Projekts, das mit zwei Millionen Euro über einen Zeitraum von drei Jahren durch das Forschungsprogramm Horizont 2020 der EU gefördert wird. „Die Führungsrolle hat die National Technical University of Athens, die für die technische Umsetzung der App verantwortlich ist“, sagt Klein. Aber auch viele weitere Kooperationspartner europaweit seien am Projekt beteiligt.

Die Plattform selbst solle von den NGOs genutzt werden. „Unsere Partner in Griechenland und in Belgien werden diese Plattform als Erste erproben, die Vermisstenmeldungen können auch nur von den NGOs eingespeist werden“, sagt Klein. Zusammen mit Brantl führt sie gerade Interviews mit Experten aus Hilfsorganisationen und von staatlicher Seite, um zu schauen, welche Informationen diese für die Suche genau benötigen.

Wer soll Informationen zum Vermisstenfall erhalten? 

Die App hingegen solle verfügbar sein für Bekannte, Freunde oder auch sogar teilweise öffentlich zugänglich sein. „So dass bestimmte Personen Informationen über die App abrufen und Informationen zum Aufenthaltsort liefern können“, sagt Brantl. Voraussetzung sei aber, dass erstmal die Polizei in Absprache mit den Vormündern der Kinder entscheide, ob und was für Informationen an die Öffentlichkeit freigegeben werden dürften. Auch Datenschutzregeln seien einzuhalten.

„In den USA wird beim Alarmsystem für vermisste Kinder, ,Amber Alert‘, eine SMS an alle Bewohner im Bundesstaat geschickt. Und es ist sogar möglich, dass man das Auto-Kennzeichen des möglichen Entführers veröffentlichen kann. Das ist in Deutschland richtigerweise aus Datenschutzgründen nicht möglich“, so Brantl. Hierzulande dürften auch keine Namen von Personen, die eventuell verdächtig sein könnten, öffentlich gemacht werden. „Aber wir können schauen, ob die Kinder zum Beispiel öffentliche Veranstaltungen auf Facebook gelikt haben und diese besuchen wollen“, sagt Brantl.

Mit Hilfe dieser öffentlich zugänglichen Informationen könne man im besten Fall das Kind schneller lokalisieren. „Es sollen aber auch bestimmte Meldungen an Leute an Orten rausgehen, wo vermutet wird, dass das Kind sich aufhalten könnte“, sagt Klein. Wann und ob die App in Deutschland angewendet werden kann, sei noch offen.

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