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Die Gründer Johannes (links) und Joseph Schreiter in ihrer Showküche.

"Frankfurter Brett"

Mit Crowdfunding durchgestartet

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Zwei Brüder finanzieren ihre Geschäftsidee, das "Frankfurter Brett", übers Internet und leiten jetzt ein erfolgreiches Start-up in Offenbach.

Ein unscheinbarer Hinterhof in Offenbach, der Hauptbahnhof ist nur ein paar Minuten Fußweg entfernt. Durch eine Tür gelangt man direkt in ein Gebäude, das früher wohl mal eine Werkstatt war. Hier befindet sich das Start-up von Johannes und Joseph Schreiter. Statt klassischer Büromöbel stehen Sofas und Fahrräder an der Wand.

Das Herzstück ist allerdings eine riesige Showküche, denn die Brüder haben das „Frankfurter Brett“ erfunden – ein spezielles Schneidebrett mit extra angebrachten Behältern für Schnittgut und Abfall. Ihre Produktidee finanzierten sie nicht etwa über einen klassischen Kredit. Stattdessen initiierten sie eine Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform „Kickstarter“.

Für diese unkonventionelle Finanzierungsform entschieden sich die Brüder aus einem ganz trivialen Grund. „Wir hatten einfach überhaupt gar kein Geld“, erzählt Joseph. Außerdem sei Crowdfunding auch immer so etwas wie ein kostenloser Markttest. „Durch Kickstarter bekommt man ein prima Gefühl dafür, ob das Produkt erfolgreich sein kann.“

Das Frankfurter Brett ist heute sogar so erfolgreich, dass nach der Weihnachtssaison gähnende Leere im Lager herrscht. Längst beschäftigen die Gründer drei Mitarbeiter im Kundenservice und suchen weitere Mitstreiter. Produktion und Logistik sind komplett ausgelagert. Das war aber nicht immer so.

Es ist der 8. Juni 2015. Um 10 Uhr morgens heben Johannes und Joseph ihre allererste Kickstarter-Kampagne aus der Taufe. „Natürlich hatten wir im Vorfeld viel recherchiert“, erklärt Joseph. „Am wichtigsten waren uns aber ein cooles Produkt und eine coole Story.“

In den ersten 48 Stunden sammeln die Brüder bereits mehr als 27 000 Euro, der bekannte Foodblogger Stevan Paul widmet dem Frankfurter Brett sogar einen längeren Artikel. „Wir wollten ja keine Rakete oder einen Computer herstellen, sondern nur ein Küchenbrett. Das haben uns die Leute irgendwie zugetraut“, sagt Johannes lachend. 

Wer zu den Unterstützern gehört und einen gewissen Betrag investiert hat, soll am Ende ein Frankfurter Brett als Belohnung erhalten. Für 179 Euro gibt es beispielsweise die Ausführung „Mini“. Wer 379 Euro oder mehr auf den Tisch legt, bekommt das größere und höherwertige Modell „Phoenix“. 

Nach diesem Prinzip funktioniert das sogenannte Reward-Based Crowdfunding: Die Unterstützer erwartet eine Prämie, sobald das Projekt fertiggestellt ist, und zwar gestaffelt nach der Investitionssumme. Im Grunde genommen handelt es sich also um eine Art Vorverkauf.
Nach dem enormen Erfolg in den ersten Tagen läuft die Kampagne jedoch eher schleppend weiter. „Wir haben uns dann auf eine richtige Andienungstournee begeben und sind den Leuten regelrecht hinterhergelaufen“, berichtet Johannes Schreiter. Das funktioniert: Schlussendlich nehmen die Brüder innerhalb eines Monats mehr als 130 000 Euro ein – der Zielbeitrag liegt bei 75 000 Euro. „Ich glaube, die tatsächliche Größe des Projekts ist uns aber erst in dem Moment richtig bewusst geworden, als der Sattelschlepper vor unserer Wohnung stand und abladen wollte.“

Wenig später füllen ganze 14 Paletten Verpackungsmaterial die WG der Brüder – bis unter die Decke. Die zwei schlafen vorübergehend auf dem Sofa im Wohnzimmer. „Die Pakete haben wir dem UPS-Fahrer dann aus dem Erdgeschossfenster überreicht, der hat sich jedesmal kaputtgelacht“, erinnert sich Johannes. Die Freude über die erfolgreiche Kampagne verfliegt jedoch schnell. Es gibt nicht nur Produktionsprobleme für das Modell „Phoenix“, sondern die Herstellungskosten laufen den Brüdern auch komplett aus dem Ruder. Außerdem verkaufen sich die Küchenbretter nur in geringen Stückzahlen und werfen trotz hoher Preise keinen ausreichenden Gewinn ab. 

Obwohl alle Vorbesteller ihr Produkt erhalten, stehen Johannes und Joseph Schreiter im Juli 2016 kurz vor der Insolvenz. Die Rettung kommt durch Freunde von Freunden – und zwar in Form eines Kredites über 100 000 Euro. Die Bank habe der neue Businessplan nicht überzeugt. 
Aufgeben möchten die Gründer nicht. Im November 2016 wagen sie einen zweiten Anlauf, und zwar mit einem aufs Wesentliche reduzierten Brett für den Alltag. Der Vorverkauf läuft wieder über Kickstarter, alle Erfahrungen vom ersten Mal fließen in die Kampagne ein. 

„Der Fokus lag beim zweiten Mal viel stärker auf der Produkterklärung“, sagt Johannes. Dafür drehen er und sein Bruder nicht nur ein neues Video, sie investieren auch massiv in Werbung auf Facebook. Ihre Zielgruppe: Hobbyköche, die gerne mit hochwertigen Produkten arbeiten.
Und dieses Mal geht die Kampagne durch die Decke. Mehr als 3000 Menschen unterstützen das Projekt mit insgesamt gut 580 000 Euro – die Einnahmen übertreffen das Finanzierungsziel fast um das Sechsfache. Ein Erfolgsrezept sei auch die bewusste Kommunikation gewesen, „unverkrampft“ und „amerikanisch geprägt“.

„Durch Kickstarter haben wir gelernt, was wir lernen mussten“, resümiert Joseph. Zwar ist die zweite Kampagne nicht ganz ohne Probleme verlaufen; rund 30 Bestellungen aus den USA sind selbst heute noch nicht angekommen, weil der Logistik-Dienstleister Probleme macht. Aus dem Zweimannteam ist mittlerweile aber ein erfolgreiches Start-up geworden. Und das Frankfurter Brett soll jetzt zum Lifestyle-Produkt werden. Dafür bauen die Gründer nun eine „Brett-Welt“ auf, mit Rezepten, Küchengeschichten sowie Tipps und Tricks rund um das Brett.

Ob die Brüder sich nach zwei Kickstarter-Kampagnen vorstellen können, noch einen dritten Anlauf zu nehmen? „Ich glaube, wir würden es nicht noch einmal machen“, sagt Joseph Schreiter. „Wir würden es anders machen“, meint hingegen Johannes. Am Ende einigen sich die beiden darauf, eine neue Kampagne auf jeden Fall erst einmal komplett durchzuplanen, bevor sie auf „Start“ drücken.

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