+
Bis Anfang des 21. Jahrhunderts war Kindesmissbrauch ein gesellschaftliches Tabu.

Kriminalität

Experten für den Kinderschutz in Frankfurt und der Region

  • schließen

Die Ambulanz der Frankfurter Uniklinik bietet mehr als medizinische Hilfe. Sie hilft, dass die Täter belangt werden.

Der Fall ist wenige Tage her. Ein Vater rastete aus und stach mit dem Küchenmesser mehrfach auf den Rücken seines Kindes ein. Ein anderes Foto zeigt eine kleine Nase, auf der eine Zigarette ausgedrückt wurde. Daneben: blau gefrorene Zehen, Strangulationsmale am Hals.

Die Aufnahmen liegen auf dem Schreibtisch eines der beiden Behandlungsräume der Kinderschutzambulanz an der Frankfurter Uniklinik. Bilder wie diese gehören hier zum Alltag. Mehr als 600 Kinder und Jugendliche sah das Team im vergangenen Jahr. Ein Jahr zuvor waren es noch 200 weniger. Daraus lasse sich aber nicht ableiten, dass Missbrauch von Minderjährigen zunehme, stellt Marco Baz Bartels klar, leitender Oberarzt. Die Bekanntheit und Akzeptanz der Ambulanz wachse. Mit ihrem interdisziplinären Ansatz sei sie bundesweit einmalig.

Die vor knapp zehn Jahren eröffnete Anlaufstelle an der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin behandelt nicht alleine junge Patienten, die meist aus Frankfurt und Umgebung stammen. Sie nutzt auch das Know-how der Kollegen in der Rechtsmedizin, Dermatologie oder Urologie, um eine Gewalttat gerichtsfest dokumentieren zu können. Das Team, zu dem eine Psychologin gehört, führt Gespräche mit den Beteiligten, kooperiert eng mit Justiz, Polizei und vor allem mit den Jugendämtern. Nicht zuletzt geben die Experten ihr Wissen an die anderen beteiligten Berufsgruppen weiter. Und sie bilden die Studenten in Kinderschutz aus. Auch das, sagt Baz Bartels, sei etwas Besonderes.

Missbrauch

Unter den BegriffKindesmisshandlung fallen Vernachlässigung, sexueller Missbrauch, psychologische, emotionale und körperliche Misshandlung von Kindern und Jugendlichen.

Sie gefährdenkörperliche und emotionale Gesundheit und wirken sich massiv auf das spätere Erwachsenleben aus.

Das Nottelefonder Kinderschutzambulanz ist 24 Stunden erreichbar unter der Nummer 0 69 63 01 52 49. 

Primär sehen sich die Ärzte mit körperlichen Misshandlungen konfrontiert, etwa Hämatomen, Fleischwunden, Schütteltrauma bei Kleinkindern, gefolgt von sexuellem Missbrauch und Vernachlässigung. Oft seien es Mischformen, sagt der Oberarzt. Mädchen und Jungen seien gleich stark betroffen. Die meisten werden vom Jugendamt zugewiesen, gefolgt von Ärzten, Familienangehörigen, Polizei/Justiz. Die wenigsten sind in einem so schlimmen Zustand, dass sie stationär aufgenommen werden müssen. Doch auch kleinere Verletzungen können nach Erfahrung des Teams von großem Leid sprechen.

Bis Anfang des 21. Jahrhunderts war Kindesmissbrauch ein gesellschaftliches Tabu. Das änderte sich schlagartig, als mehrere Kinder aus Vernachlässigung starben. Die hessische Politik reagierte als eine der ersten. Die damalige CDU-FDP-Koalition brachte 2007 das neue Kinderschutzgesetz auf den Weg. Es sieht verpflichtende Vorsorge-untersuchungen vor, damit Ärzte die Kinder regelmäßig sehen. Und sie befreite die Ärzte von ihrer Schweigepflicht, damit sie dem zuständigen Jugendamt einen Verdacht melden können. „Ein Meilenstein“, sagt Matthias Kieslich, verantwortlicher Arzt der Kinderschutzambulanz. „Die Schweigepflicht war ein großes Hemmnis.“

Die Finanzierung der Ambulanz ist nach wie vor wackelig. Die Krankenkassen deckten die Kosten nicht ab. Deshalb will die hessische CDU im Nachtragshaushalt noch zusätzliche 800 000 Euro draufpacken. Gut angelegtes Geld, wie der gesundheitspolitische Sprecher der Union, Ralf-Norbert Bartelt, bei seinem Besuch am Dienstag meint: „Mit der Unterstützung der Kinderschutzambulanz führen wir eine lange Tradition unserer Bemühungen um den Schutz des Kindeswohls fort.“

In dieser Woche gibt es noch einen weiteren wichtigen Termin für das Team der Ambulanz: Beim Neujahrsempfang am Donnerstag verleihen ihm die Uniklinik und der Fachbereich Medizin den Theodor-Stern-Stiftungspreis. Als Anerkennung für ihren großen Einsatz für das Kindeswohl in der Region und darüber hinaus. 

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare