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Edita Koch, Verlegerin der Zeitschrift „Exil“, im Garten des „Laumer“.
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Edita Koch, Verlegerin der Zeitschrift „Exil“, im Garten des „Laumer“.

Emigration

„Das Exil ist in mir“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Heimat, was ist das? Edita Koch lebt in Frankfurt, hat aber bis heute kein Heimatgefühl entwickelt. Seit 35 Jahren hält die Germanistin die Erinnerung an Emigration und Flucht wach.

Aus dem hinteren Teil des Gartens dringt das Plätschern eines kleinen Springbrunnens. Vogelstimmen sind zu hören aus dem Gebüsch. Der süßliche Duft von Blüten mischt sich mit dem von Kaffee in den Tassen vor uns. Zwischen den leeren Tischen des Café Laumer werden an diesem Nachmittag die Schatten länger. Die Konturen verschwimmen. Die Stimme von Edita Koch ist leise, brüchig. Sie tastet sich durch das Gespräch, zögert des öfteren. „Das Laumer würde mir fehlen“, sagt die 62-jährige. Die flirrende Atmosphäre des frühen Sommerabends.

Seit den 70er Jahren ist die gebürtige Tschechin in Frankfurt zur Ruhe gekommen. Nach einer ersten Lebensphase, in der sie sich selbst heimatlos, entwurzelt fühlte. Ihre eigenen Erfahrungen spiegeln sich gleichsam in ihrer Lebensaufgabe: Seit 1981 gibt sie die Zeitschrift „Exil“ heraus, international anerkannt als die führende wissenschaftliche Edition zu den bitteren Folgen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Allein 30 US-Universitäten haben diese Publikation abonniert, die Koch in schöner Offenheit „meinen Lebensanker“ nennt. Sie hält Vorträge in aller Welt, trifft sich mit Wissenschaftlern und Autoren. Eine „Geschichtsanwältin“ hat die FAZ sie genannt – und doch ist das nur die halbe Wahrheit.

Ein Leben mit vielen Brüchen. Eine jüdische Familie in Tschechien, zuerst verfolgt vom nationalsozialistischen Regime, dann vom kommunistischen Staat. Der Vater wurde in das Konzentrationslager Auschwitz verschleppt, überlebte Anfang 1945 einen Todesmarsch, als die SS versuchte, einen Teil ihrer Opfer nach Westen zu treiben. „Mein Vater hat nie darüber gesprochen, er konnte es nicht.“ Aber das Lager prägte sein Verhalten bis ins Alter: So hortete er etwa Lebensmittel, in der panischen Angst, zu verhungern.

Die Eltern standen dem kommunistischen Regime kritisch gegenüber. „Die tschechische Stasi ging bei uns ein und aus“, erinnert sich die Tochter. Als sie zwei Jahre alt war, wurden ihre Eltern zum ersten Mal verhaftet. Das Kind kam bei Verwandten unter. 1961 flüchtete der Vater nach Deutschland, 1968 kamen Mutter und Tochter nach – obwohl es für die jüdische Familie das Land der Täter war.

Die 14-jährige Edita kam zum ersten Mal nach Frankfurt. Doch Heimat wurde es ihr damals nicht. Im Gegenteil: „Ich hatte Heimweh nach der Tschechoslowakei.“

Man trennte sie von ihrem geliebten Bruder, schob sie in ein Kinderheim ab. Doch der Vater „wollte nicht, dass ich in Deutschland aufwuchs“. Mit 15 Jahren fand sie sich in einem Kibbuz in Israel wieder, bei brütender Hitze von 40 Grad, mit jüdischen Kindern aus Polen, aber auch aus Marokko: „Ein ganz anderer Kulturkreis, sehr fremd – ich war sehr unglücklich.“ Sie schlafen und leben in großen Sälen: „Es gab keinerlei Privatsphäre.“

Nach nur einem Jahr kehrte sie wieder nach Deutschland zurück. Doch die Odyssee war lange nicht zu Ende. Die Jugendliche wurde nach Großbritannien geschickt, um Englisch zu lernen, dann nach Belgien, in eine sehr orthodoxe jüdische Familie, um ihren Glauben zu vertiefen. „Mein Vater wollte mich mit einem jüdischen Mann verheiraten.“

Wie ein langer, mäandernder Strom erscheint dieses Leben, das Koch vor mir ausbreitet. „Das Exil hat mich geprägt – es ist meine eigene Lebensgeschichte“, sagt sie leise. Und doch: An einer Stelle unterbricht die Tochter diese fremdbestimmte Biografie. Sie bleibt in Frankfurt, widersetzt sich dem Vater, studiert Germanistik, Slawistik und Judaistik. „Ich mag keine Vorschriften, ich bin sehr freiheitsliebend“, sagt sie wie nebenbei. Damals lernt sie ihren Ehemann kennen – „einen deutschen Mann, der kein Jude war“.

Wenn sie über Joachim spricht, die große Liebe ihres Lebens, zittert die Stimme. Schon beim Studium war sie entschlossen, bei dem Verlag in Frankfurt zu arbeiten, der damals die politische und wissenschaftliche Kultur in Westdeutschland prägte: Suhrkamp.

Koch streicht die dunkelbraunen Haare aus dem Gesicht, zögert. Tatsächlich gelang es ihr damals, ein Praktikum beim Verlag zu ergattern, 1976 kam sie fest in das Unternehmen. Sie lernte die Verleger-Legende Siegfried Unseld kennen. Er unterstützte das Projekt, das Kochs Ehemann Joachim umtrieb: Eine Publikation, die systematisch die Erfahrung von Verfolgung und Vertreibung aufarbeitet. 1981 gründete er die Zeitschrift Exil. Doch schon ein knappes Jahr später starb Joachim Koch an einem Herzinfarkt.

Dem Erbe verpflichtet

Seine Witwe fühlt sich seinem Erbe bis heute verpflichtet. Seit Jahrzehnten. Obwohl sie bei Suhrkamp reüssierte – 1999 übernahm sie die Leitung des Verlagsarchivs – blieb die Zeitschrift ihre Passion. „Ich zieh’ das alleine durch“, sagt sie. Sie sammelt Texte von Autoren aus aller Welt, kämpft für die Finanzierung des 150 Seiten starken Hefts, das zweimal im Jahr erscheint.

Edita Koch weiß: Sie streitet gegen einen immer stärkeren Trend. „Die junge Generation heute ist sehr geschichtsvergessen.“ Und ihr Land erlebt sie als sehr „mit sich selbst beschäftigt“. Ihr Land? Stimmt das überhaupt?

Wieder dieses Zögern. Und dann entschließt sie sich doch, die bittere Wahrheit auszusprechen: „Ein Heimatgefühl habe ich bis heute nicht entwickelt.“ Heimat, was ist das? Die zierliche, kleine Frau gibt sich einen Ruck, blickt von der Terrasse in den Garten herunter, der jetzt schon im Halbdunkel versinkt, und erklärt sich so: „Ich bin Europäerin.“

Im Laufe der Zeit lernte sie viele Exil-Autoren kennen. Hans Sahl etwa, den großen Theater- und Filmkritiker der Weimarer Republik, der nach dem Machtantritt der Nazis über Marseille nach New York fliehen musste.

Der 1953 in das Deutschland des beginnenden Wirtschaftswunders zurückkehrte. Sahl konnte nicht ertragen, wie sehr dieses Deutschland seine jüngste Vergangenheit verdrängte – und kehrte wieder in die USA zurück. Erst 1989 kam er, hochbetagt, endgültig in sein Geburtsland. „Hans Sahl hat in den allermeisten Heften von Exil geschrieben, ich habe ihm sogar eine Sonderausgabe gewidmet.“ Oder Ernst Erich Noth, der Ende der 20er Jahre in Frankfurt studiert hatte, bevor er als Kommunist in den Untergrund gegen musste und ihm schließlich die Flucht in die USA gelang. Oder Peter Weiss, der mit seiner Familie nach England floh …

Mit Anja Lundholm war sie befreundet, der Schriftstellerin aus jüdischer Familie, die das Konzentrationslager Ravensbrück überlebt hatte. Lundholm, die unter anderem mit dem Roman „Das Höllentor“ ihre Leidenszeit im KZ aufarbeitete, lebte schwer erkrankt in Frankfurt: Sie war in Ravensbrück das Opfer medizinischer Experimente geworden.

Diese Liste ließe sich immer aufs Neue verlängern. „Die Erinnerung aufrechtzuerhalten“ an alle Vertriebenen, „an die Menschen und ihre Werke“, sieht Koch als ihre Lebensaufgabe an. „Die Zeitschrift hat mir dabei auch viel zurückgegeben.“

Die Arbeit Kochs ist vielfach gewürdigt worden. 1983 schon mit dem Preis des Deutschen Literaturfonds, 1993 mit dem Bundesverdienstkreuz, 2003 mit der Masaryk-Medaille der Stadt Prag. 2006 bekam die Publizistin den Ben-Witter-Preis der Wochenzeitschrift „Die Zeit“. Seit drei Jahrzehnten ist die Herausgeberin mit dem kleinstmöglichen Stand bei der Frankfurter Buchmesse präsent. Mehr kann sie sich nicht leisten.

Keinem ihrer zahlreichen Autorinnen und Autoren vermag sie ein Honorar zu zahlen: Dazu reichen die Einkünfte aus den rund 1000 weltweiten Abonnements nicht. Zum Glück wird sie immer wieder eingeladen. Gerade zur Buchmesse nach Paris, in das französische Parlament, vorher ans Goethe-Institut in Frankfurts Partnerstadt Tel Aviv. Oder zum US-amerikanischen PEN-Club in New York. „Viele Forscher schreiben mich an.“

Etliche wissenschaftliche Entdeckungen sind ihr gelungen, verloren geglaubte Manuskripte konnte sie veröffentlichen. Und stets war Frankfurt das Zentrum von Kochs Arbeit.

Als 2009 der Suhrkamp-Verlag nach Berlin umzog, blieb die Archivleiterin am Main. Es fiel ihr nicht schwer: „Berlin ist anonym, sehr kalt.“

Außerdem fühlte sie sich von Suhrkamp-Verlegerin Ulla Berkéwicz „nicht fair“ behandelt: „Ich wollte nicht mit.“ In Frankfurt lebt aber auch Kochs 87-jährige Mutter, um die sie sich kümmert.

Jetzt erreicht das Sonnenlicht nur noch einige Flecken im Garten des Cafés. Edita Koch ist sich der Tatsache bewusst: „Es kommen nicht viel neue Abonnenten nach.“ Aber solange ihre „tollen Autoren“ ihr die Treue halten, will die Verlegerin in jedem Fall ihre Arbeit fortsetzen.

„Das Exil“, sagt Koch nachdenklich, „hört nie auf.“

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