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Der ewige Strahlemann

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Von: Kathrin Rosendorff

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Wahrzeichen Wollmütze und strahlendes Lächeln: Sunshineboy Shahin an seinem Arbeitsplatz im Seniorenheim.
Wahrzeichen Wollmütze und strahlendes Lächeln: Sunshineboy Shahin an seinem Arbeitsplatz im Seniorenheim. © christoph boeckheler*

Vom Talkshow-Touristen zum Altenpfleger und Musiker: Sunshineboy Shahin hat sein erstes Album veröffentlicht.

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Sein Boyband-Strahlelächeln wirkt nicht so, als hätte er es jahrelang vor dem Spiegel mit Hilfe eines alten „Bravo“-Posters üben müssen. Es ist angeboren. Die passenden Grübchen hat der Frankfurter R’n’B- und Soulsänger Sunshineboy Shahin auch gleich mitbekommen. Ansonsten wurde Shahin Taghizadeh Shahidi – wie er mit bürgerlichem Namen heißt – nicht so viel geschenkt „Mir hat nie jemand geholfen, wissen Sie. Ich habe mir alles selbst erkämpft“, erzählt der 35-Jährige. Sunshineboy Shahin trägt sein Lieblingsaccessoire Wollmütze zu Jeans, engem schwarzen T-Shirt und Sneakers. Er sitzt an einem Tisch des Seniorenpflegeheims Kursana Villa Frankfurt unweit der U-Bahn-Station Holzhausenstraße. Hier arbeitet er als Altenpfleger. Immer von 21 Uhr bis 6.30 Uhr morgens. „So kann ich tagsüber an meiner Musik arbeiten.“

Gerade hat er sein erstes Album „Summertime“ auf I-Tunes und Google Play veröffentlicht. 5000-mal sei es bislang heruntergeladen worden, sagt er. „Und das, obwohl ich keinen Plattenvertrag habe. Ich bin echt glücklich.“ In einem seiner selbst produzierten Musikclips tanzt er vor einer grünen Wand. Er hat eine schöne Soulstimme. Selbst an Whitney Houstons „I will always love you“ oder Adeles „Hello“ als Coverversionen hat er sich schon rangetraut. „Aber ich schreibe auch eigene Lieder.“ Auf Facebook hat er nur eine Handvoll Likes. „Meine Fan-Seite ist noch recht neu.“

Seinen ersten Berühmtheits-moment hatte er aber nicht als Sänger, sondern als „Der Talkshow-Tourist“. 1999 war das. „In einem Monat war ich in fast allen Nachmittags-Talkshows, von Bärbel Schäfer bis Hans Meiser.“ Für diese Leistung bekam er den legendären Ulk-Preis „Der Raab der Woche“ von Stefan Raab persönlich in der allerersten Staffel von TV Total überreicht. „Eigentlich wollte ich nur Werbung für meine Boyband „Ha-Tschüss-Boys“ machen, deshalb habe ich bei allen Nachmittags-Talkshows angerufen. Egal zu welchem Thema. Aber dann war ich plötzlich süchtig danach, mich im Fernsehen zu sehen.“ Er lacht. In den Talkshows präsentierte sich Sunshineboy Shahin gern als eine Art Charlie Sheen, der jeden Tag „vier Chicas“ abschleppt. „Das war alles erfunden. Meine Mutter hätte mir die Ohren langgezogen.“ Er lächelt.

Nachts singt er für die Alten

Sunshineboy Shahin ist ein sehr höflicher Typ. Immer, wenn man ihn um etwas bittet, antwortet er mit einem Strahlen: „gern“. Michael Reeder, der Direktor des Seniorenpflegeheims, kommt während des Interviews vorbei und sagt: „Manchmal singt Shahin auch für unsere demenzkranken Senioren, nachts, wenn sie nicht weiterschlafen können. Seine sanfte Musik beruhigt sie. Shahin ist ein Strahlemann. Und bei jedem hier im Haus beliebt.“ Eine Kollegin sagt: „Er bringt Freude in unseren manchmal doch traurigen Alltag rein.“ Sunshineboy Shahin passt also auch als Alltagsname. Im Sommer will er für die Bewohner ein kostenloses Konzert geben.

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Sein eigenes Leben war anfangs wenig sonnig: Mit seinen Eltern floh er als Fünfjähriger in der Zeit des ersten Golfkriegs aus Teheran nach Deutschland. Ein Jahr lebten sie in Schweinfurt in einem Flüchtlingsheim. Dann zog die Familie nach Kassel. Eines Tages sah er auf dem Musiksender Viva die Väter aller 90er-Jahre-Boybands: New Kids on the Block mit ihrem Hit „Step by Step“. „Da dachte ich, das, was die machen, das kann ich doch auch.“ Er nahm Gesangsunterricht und suchte auf seiner Sendung, die er im Offenen Kanal Kassel bekommen hatte, nach zwei weiteren Boyband-Mitgliedern. Sie nannten sich „Ha-Tschüss-Boys“ und coverten zunächst die Hits der großen Boybands. „Eigene Songs schreiben kam erst viel später.“ Er machte seinen Realschulabschluss und konzentrierte sich dann nur noch auf die Musik.

Die „Ha-Tschüss-Boys“ traten zunächst in Großstadtdiscos und wie schon viele Boybands vor ihnen auch in Schwulenbars auf. „Einer von uns konnte leider gar nicht tanzen, also haben wir uns bei den ersten Konzerten mit unseren Mikros auf die Stühle gesetzt und losgesungen. Später haben wir ein paar Bühnen-Stunts eingebaut.“ Er lacht. Die Kasseler Mädels schmachteten und schrien, so berichtete damals die lokale Presse. Er sei immer der Kopf der Band und der Organisator gewesen, sagt Sunshineboy Shahin. Er habe geschaut, welche Popgrößen demnächst in Kassel auftreten würden und bei allen Promotern angerufen. „Ich habe sie so lange genervt, bis ich ihnen Demos schicken durfte. Und dann durften wir tatsächlich 1998 als Vorband von Modern Talking in Baunatal auftreten.“

Zuspruch von LL Cool J

Dieter Bohlen habe ihnen nach dem Auftritt gesagt: „Ihr wart echt spitze!“ Der Poptitan habe versprochen, sich noch mal bei ihnen zu melden. Tat er aber nicht. „Das hat mich schon sehr enttäuscht.“ Kurz darauf hätte die Band fast einen Plattenvertrag bei Sony unterzeichnet. „Aber dann wurde einer meiner beiden Bandkollegen, der aus dem ehemaligen Jugoslawien kam, abgeschoben.“ Zu zweit waren sie keine Boyband mehr und der Traum vom Plattenvertrag platzte.

Im Jahr 2001 zog er mit seiner Familie nach Frankfurt und begann eine Ausbildung zum Arzthelfer. „Das war aber nicht mein Ding.“ Dann fing Sunshineboy Shahin in der ambulanten Altenpflege an: „Ich liebe es, älteren Menschen zu helfen.“ Direktor Reeder sagt: „Ich will, das Shahin eine Weiterbildung macht, er ist so ein toller Mitarbeiter, aber er wehrt sich.“ Sunshineboy Shahin lächelt, er hätte dann nicht mehr genug Zeit für seine Musik. „Als ich anfing, ging es mir hauptsächlich darum, Mädchenherzen zu erobern. Jetzt strebe ich nicht mehr danach, superberühmt zu werden. Die Musik ist eine Herzensangelegenheit.“

Mut sprach ihm vor wenigen Monaten niemand Geringeres als der legendäre US-Rapper LL Cool J zu. Denn hatte Shahin zufällig in einem Berliner Tonstudio getroffen. „Ich erzählte ihm, dass ich 2014 in London im Vorprogramm eines gemeinsamen Benefizkonzerts von New Kids on the Block und den Backstreet Boys auftreten durfte. Ich kannte die Backstreet Boys noch aus meinen Boyband-Tagen und ‚AJ‘ hatte mir diesen Auftritt ermöglicht.“ LL Cool J fand das wohl spannend. „Er sagte, ich soll ihm mal etwas vorsingen. Er fand mich richtig gut und war baff, dass ich keinen Plattenvertrag habe.“ Er habe ihm sogar angeboten, ihm zu helfen, einen zu bekommen. „Aber ich wollte nicht. Das sind meistens so fiese Knebelverträge.“ LL Cool J habe zustimmend genickt. Und dann habe er zum Abschied gesagt: „Mach weiter, egal was andere dir sagen. Du bist ein Kämpfer. Und du hast Talent.“

Das Album Summertime und die Videos unter: www.sunshineboy-shahin.de.

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