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Das Frankfurter Justizzentrum (Symbolbild).

Prozess

Bei Räubern in Frankfurt gilt: Der Kunde ist König

Ein Mann steht in Frankfurt wegen diverser Raubüberfälle vor Gericht. Sein Auftritt in einem Wasserhäuschen ist dabei besonders kurios.

Einmal Einzelhändler, immer Einzelhändler – möglicherweise ist an diesem weitverbreiteten Vorurteil doch etwas dran. Zumindest wirft die Verhandlung gegen Elyass A. am Dienstagmorgen diese Frage auf. Obwohl der 31 Jahre alte Frührentner nicht wegen Einzelhändlerei vor dem Amtsgericht steht, sondern deswegen:

Am 10. Oktober 2017, so die Anklage, betritt Elyass A. mit blutendem Finger einen Kiosk in der Innenstadt und bittet um Erste Hilfe. Die Verkäuferin reicht ihm ihr Taschentuch, A. zeigt ihr im Gegenzug das Pfefferspray und die Schere, die er mit sich führt, und erklärt der Frau, dass er nicht nur Erste Hilfe, sondern auch Bargeld benötige. Die Verkäuferin flieht, A. greift sich 2013 Euro und 45 Cent aus der Kasse. Doch es steckt auch noch Gutes in ihm: als ein Kunde den Laden betritt, den Räuber irrtümlich für den Verkäufer hält und ein Päckchen Zigaretten ordert, verkauft A. ihm diese, steckt den Zehner des Kunden brav in die jetzt leere Kasse und gibt das Wechselgeld aus seiner Beute retour.

Frankfurt: Trotz Waffe aus Buchladen hinausgeworfen

Der weitere Tag verläuft für A. weniger erfolgreich. Ein zweiter Überfall auf den Kiosk verläuft enttäuschend, obwohl A. die Schere jetzt durch einen Elektroschocker ersetzt hat. Aber zum einen ist kein Geld mehr da, zum anderen reagiert die frische Verkäuferin nicht auf die Drohung A.s, sondern droht diesem ihrerseits mit ihrem Sohn. A. sucht daraufhin das Weite und präsentiert kurz darauf in einer Buchhandlung seine Waffen, wird aber nicht gefürchtet, sondern rausgeworfen. Immerhin verkauft er niemandem ein Buch.

Am ersten Verhandlungstag beteuert A., sich an nichts mehr erinnern zu können. Das liege vor allem an seinem Drogenkonsum (Heroin, Kokain, Tranquilizer) und seinen Krankheiten (paranoide Schizophrenie, Epilepsie). Er erinnere sich an gar nichts mehr, weder an den blutenden Finger am Anfang noch an den Buchladen am Ende und auch an nichts zwischendrin. Er räumt aber ein, dass er die Person sei, die auf den Videos der Überwachungskameras zu sehen sind – auch wenn er damals noch 20 Kilo leichter war. Die zusätzlichen Pfunde habe er sich bei seinen Eltern angefuttert, bei denen er bis vor kurzem noch gewohnt und eigentlich „nichts anderes getan habe außer Essen“. Mittlerweile ist er ausgezogen und wohnt in einem sozialtherapeutischen Zentrum in der Wetterau, wo er gegen Krankheit und Sucht ankämpfen will.

Und so hat der junge Frührentner am ersten Prozesstag nur ein Detail zur Wahrheitsfindung beizutragen. Er kann sich nämlich erklären, warum er dem Kunden damals im Wasserhäuschen in flagranti Kippen verkauft hatte: „Ich habe früher im Einzelhandel gearbeitet“.

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