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Erstklässler unter sich, von links: Schabnam, Daniel, Thomas, Lukas.

Stillbauer schafft

"Was machst du hier?"

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Unser Autor wollte endlich mal wieder der größte Erstklässler der Welt sein. Zu diesem Zweck verbrachte er einen Tag in der August-Jaspert-Schule in Bonames. Und es gefiel ihm so gut, dass er nach seiner beruflichen Laufbahn in seine Lieblingsbeschäftigung als Schulanfänger zurückkehren möchte.

Die meisten Menschen lassen sich einmal im Leben einschulen. Das ist eine ganz vernünftige Haltung. Man wird ja vorher nicht gefragt, ob man Schüler werden will. Und oft stellt sich heraus: Das war’s jetzt mit dem süßen Leben, Schluss mit dem Pennen bis in die Puppen, Fußballspielen ohne Ende und Kika den ganzen Tag. Da sagen viele: Muss ich nicht unbedingt noch einmal haben.
Manche Leute lassen sich trotzdem zweimal einschulen. Lehrer zum Beispiel, oder … äh, sonst fällt mir niemand ein.

Ich lasse mich heute zum dritten Mal einschulen. Warum? Das ist eine lange Geschichte. Aber irgendjemand muss die Erwachsenen ja regelmäßig darüber auf dem Laufenden halten, was ihre Kinder eigentlich konkret in der Schule machen. Und ob es mit zunehmendem Alter schwieriger wird, Erstklässler zu sein. Zumindest dürften spätestens jetzt keine Zweifel mehr daran bestehen, dass ich der erfahrenste und älteste Erstklässler der Welt bin – mit 49 Jahren. Also noch einmal: ABC-Schütze. Für einen Tag. Diesmal ganz ohne Mutti.

Ort des Geschehens ist die August-Jaspert-Schule in Bonames. Vor den Schulbesuch dort hat der Herr (oder wer auch immer) einen Termin in der katholischen Kirche gesetzt, zu dem die Erwachsenen feierlich gekleidet erscheinen, die Erstklässler überwiegend jugendlich-salopp. Ich habe mein T-Shirt mit dem blauen Elefanten gewählt.

Ein Mann mit Regenbogenschal lockt die schüchtern Wartenden hinein in die Kirche („Kost’ keinen Eintritt“). Das ist der katholische Pfarrer. Ein weiterer Mann mit dem gleichen Schal steht schon vorm Altar und zupft die Gitarre. Das ist der evangelische Pfarrer. Gemeinsam stimmen sie Lied um Lied an, während wir Erstklässler zappelig auf den Bänken herumrutschen, an unseren Ranzen nesteln, lachen, weinen. Wir sollen keine Angst haben, sagen die musizierenden Pfarrer, der Herr Gott gehe nachher mit.

Eine kleine Umfrage ergibt, dass praktisch niemand weiß, was in seiner Schultüte ist. Außer mir. Ich habe in der kleinsten Schultüte aller Zeiten (aus der Apotheke): „Kindervitaminchen“ und einen grauen Luftballon, den aber weder ich noch der blaue Elefant aus eigener Kraft aufgeblasen kriegen. Nach dem dritten Versuch fallen wir beide erschöpft in Ohnmacht und wachen erst im Haus Nidda am Harheimer Weg wieder auf, bei der Einschulungszeremonie. Der Saal ist kurz davor, in tausend bunte Bonbons zu bersten. Die Szenerie erinnert an einen viel zu schnell abgespielten Film, überall Kinder, Eltern, Kopftücher, Krawatten, rosa Prinzessinnen und rosa Schultüten.

Bildungsziele fürs erste Schuljahr

Inmitten des Wirbelsturms gibt es eine Gruppe, die das Ganze ruhig und souverän verfolgt: Das ist die Gruppe, die sich unterm roten Luftballon versammelt hat. Das ist die Klasse 1/2a. Das sind wir.
„Heute ist ein ganz spannender Tag“, sagt die Schulleiterin Christiane Sturm-Kleiner, „ab heute dürft ihr endlich in die Schule gehen.“ Wir nicken cool. Die Großen singen für uns ein Lied gegen schlechte Laune („Schalalalalala“) und flöten uns vor, was man nach nur einem Jahr Blockflötenunterricht schon flöten kann („Kuckuck“, „Sur le pont d’Avignon“ – sogar zweistimmig). In Kurzinterviews mit der Rektorin formulieren junge Menschen ihre Bildungsziele fürs erste Schuljahr (Schreiben, Lesen, Rechnen, Mathe, Englisch, Französisch, Spanisch) – fehlt nur noch, dass jemand bis zum Frühjahr Hubschrauber fliegen lernen will.

Jetzt aber Abmarsch in den Klassenraum. Wir verlassen den Saalbau, gehen hinüber in die Schule und bleiben vor einem Gebäude stehen. Frau Göritz fragt uns beiläufig, ob wir vorhaben, morgen wiederzukommen. Ja, das ist bei allen der Fall. Die Lehrerinnen wirken erleichtert.

Lehrerinnen? Ja, wir haben gleich zwei Klassenlehrerinnen: Frau Petersen und Frau Jungk-Göritz, von den Schülern zwanglos nur Frau Göritz genannt. Ist das so üblich in der Jaspert-Schule, weil die erste und die zweite Klasse jeweils gemeinsam lernen? Nein, ist es nicht. Die beiden Pädagoginnen teilen sich die Arbeit auf, weil sie jeweils noch am Studienseminar tätig sind. Ein Sonderfall. Die Kinder kennen das schon: Sie haben immer abwechselnd „Frau-Petersen-Tag“ und „Frau-Göritz-Tag“.

"20-mal sitzengeblieben?"

Apropos üblich: „Was machst du hier?“, fragt mich mein neuer Mitschüler Nassim. „Ich bin hier Erstklässler“, antworte ich wahrheitsgemäß. Nassim lacht. „Ich bin schon Zweitklässler“, sagt er.
Jetzt Vorstellungsrunde im Sitzkreis, mitten im gelb angestrichenen Klassenraum, unter dem Bilder-Alphabet von Affe bis Zebra. „Ganz viele Kinder kennen sich schon“, sagt Frau Petersen. „Aus dem Kindergarten, vom Spielplatz. Wie ist es – wer von euch kennt sich schon?“ Lukas: „Ich.“ Eine kluge, eine philosophische Antwort. Außerdem kennt Lukas Emanuel, Onur kennt Nils, mancher kennt schon die halbe Klasse, bevor die Schule überhaupt losgegangen ist. Mich kennt keiner. „Ein Erwachsener in der ersten Klasse“, sagt Emanuel nachdenklich. „Durchgedreht.“

Daniel kriegt die Situation mit dem Riesen-Erstklässler auch noch nicht ganz geregelt. „Oder bist du etwa 20-mal sitzengeblieben?“ Ich nehme das als Kompliment für mein jugendliches Aussehen. 20-mal. Das wäre schön. Als Daniel dahinterkommt, dass hier ein Zeitungsbericht im Entstehen ist, zumal jetzt auch noch jemand fotografiert, ist er hochzufrieden: „Dann werde ich jetzt ein Weltstar!“ Davon ist ohnehin auszugehen.

„Wer hatte denn ein komisches Gefühl heute Morgen, vor dem ersten Schultag?“, fragt Frau Petersen in die Runde. Fast alle. Sogar die Zweitklässler. Nils fällt glatt nach hinten um, so komisch war ihm heute Morgen. „Frau Petersen“, fragt Frau Göritz, „warst du heute Morgen auch aufgeregt?“ Ja, durchaus, sagt Frau Petersen, jedenfalls sehr gespannt auf uns neue Kinder. Manche von uns (nur ich nicht) haben schon Hausschuhe oder Trinkbecher dabei. Nun müssen sie natürlich erfahren, wohin damit. Und dann gibt es noch etwas ganz Wichtiges, was man am allerdringendsten wissen muss hier in der Schule, sagen die Lehrerinnen. Wer ahnt es? Die entzückende Hibba: „Lernen?“ Ja, doch, schon, auch, aber vor allem … Nils: „Die Toilette.“

Gemeinsamer Unterricht mit Zweitklässlern

Exakt. Nils erweist sich auch im Anschluss als sachkundiger Führer durchs Gebäude: „Das ist unser Klassenraum, wie du schon erfahren hast“, erklärt der Zweitklässler dem Erstklässler, für den er persönlich zuständig ist, und führt ihn zu den nächsten Stationen. Der größte Erstklässler der Welt sieht gerührt zu. Im nächsten Moment spricht mich Rahim an, mein Zweitklässler, und führt mich durch die Räumlichkeiten: „Da oben die Treppe hinauf gehst du, wenn du morgens schon ganz früh hier bist, so, und da ist die Toilette, das hier ist der Computerraum, da drüben sind die anderen Klassen drin, und der Raum da – weiß ich nicht, wie der heißt.“ Danke, Rahim. Ich mag die August-Jaspert-Schule.

„Die Kinder erklären einander die Regeln“, sagt Frau Göritz. „Früher waren erste Klassen sehr anstrengend – jetzt ist das ein ganz anderes Arbeiten.“ – „Die Kleinen orientieren sich an den Großen“, lobt auch Frau Petersen. Dass wir Erstklässler hier zum Beispiel schon bis 100 zählen lernen, das liegt am gemeinsamen Unterricht mit den Zweitklässlern.

In meiner Tischgruppe sitzen Emanuel, Schabnam und Lukas. „Hey“, raune ich Emanuel leise zu, „kannst du schon lesen?“ Man muss ja wissen, mit wem man es zu tun hat. Wie man so im Rennen liegt. Oh ja – Emanuel kann schon lesen. Seinen ganzen Vornamen. Und alle darin enthaltenen Buchstaben einzeln benennen. Respekt. Starker Vortrag. Ich könnte jetzt sagen: Dafür kann ich schon schreiben. Oder: Ich kann noch schreiben. Das trifft den Kern wohl eher.

Mit roten Mützen fotografiert

Wir lernen ein paar weitere grundsätzliche Dinge: Was hat das beispielsweise zu bedeuten, wenn ein leises Glöckchen bimmelt? Hibba: „Dann sollen wir in die Klasse gehen oder raus.“ Was einen gewissen Ermessensspielraum ließe. Pina kennt noch eine andere Bedeutung: „Leise sein.“ Ja, sagt Frau Petersen, oder in den Sitzkreis gehen. Morgen will sie eine Gitarre mitbringen, kündigt sie an. Da stellt sich heraus, dass die Eltern von vielen Mitschülern auch Gitarren haben, und Emilys Papa ganz viele Bässe.

Zack – schon ist die Schule aus. Hausaufgabe: Alles genau merken, was in der Schultüte drin ist, und morgen erzählen. Das betrifft natürlich nur die Erstklässler, die anderen haben für heute Glück gehabt. Zum Abschluss bekommen alle ein Postheft mit Neuigkeiten für Mama und Papa und werden fotografiert. Mit roten Mützen.

Um 11.50 Uhr ist der erste Erstklässler-Schultag vorbei. Draußen warten die stolzen Eltern in Scharen zwischen Ständen, die Becher und T-Shirts anbieten. Aufdruck: „August-Jaspert-Schule – Coole Schule“. Das kann man wohl sagen. Und so ein allererster Tag in der Grundschule ist etwas ganz Besonderes. Immer wieder.

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