Antisemitismus

Verstörendes Erlebnis

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Ein schwarzer Hut also, dazu eine dunkle Jacke und dunkle Hose: Fertig ist das Klischee vom Juden. Eine antisemitische Begegnung im Alltag der Stadt.

Es ist eine Begegnung im Alltag der Stadt, die erst einmal sprachlos macht. Und ein Stück weit verstört. In der B-Ebene der Konstablerwache, auf dem Weg zur Arbeit. Das übliche Gedränge zur Rushhour am Bahnsteig. Drei Jugendliche, vielleicht achtzehn, vielleicht zwanzig Jahre alt, fixieren mich mit ihren Blicken in auffälliger Weise.

Plötzlich sagt einer von ihnen ganz deutlich vernehmbar: „Hau ab, du Scheißjude!“ Ich drehe mich um, überrascht. Wer steht da hinter mir? Aber da ist gar niemand. Ich verstehe jetzt: Ich bin gemeint. Ich muss ziemlich verblüfft ausgesehen haben.

„Hast du ein Problem“, fragt ein anderer der drei provozierend. Ich raffe mich zu einer Antwort auf, die, zugegeben, nicht sehr originell ist. „Ich glaube, Sie haben ein Problem“, sage ich. Die drei lachen und trollen sich, verschwinden in der Menge.

Ich steige, noch etwas betäubt, in die S5 Richtung Galluswarte, also Richtung Redaktion. Was war das bloß?

In diesem Moment verstehe ich: Es muss der Hut gewesen sein, den ich trage. Einer meiner Lieblingshüte, ein schwarzer Stetson, US-Produktion, genau das Richtige, wenn die Tage kürzer werden und kälter.

Das Klischee vom Juden

Ein schwarzer Hut also, dazu eine dunkle Jacke und dunkle Hose: Fertig ist das Klischee vom Juden, das in manchen Köpfen offenbar herumspukt. Das Perfide daran ist, dass man gar keine Möglichkeit hat, einem solchen Zerrbild entgegenzutreten.

Plötzlich registriere ich, dass mein Herzschlag sich ganz schön beschleunigt hat. Ein nachträglicher Adrenalinschub, sozusagen. Ich überlege mir, was ich hätte sagen sollen. „Das Problem habt ihr, ihr Idioten?“

Oder erzählen, dass ich mit siebzehn Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten bin?

Plötzlich kann ich ein Stück weit nachempfinden, was es bedeuten muss, heutzutage noch mit einer Kippa auf dem Kopf über die Konstablerwache zu gehen.

Vielleicht war der Aufruf von Bürgermeister Uwe Becker am 14. Mai dieses Jahres, alle Männer sollten für einen Tag demonstrativ Kippa tragen, doch so falsch nicht.

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