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Die Luthergmeinde bei der Grundsteinlegung zum Kirchenneubau 1954.

Nordend

Kirche der offenen Tür

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Die evangelische Luthergemeinde feiert ihren 125. Geburtstag. Ihr Kirchenhaus ist eines der wenigen, die noch täglich geöffnet sind.

Seit einiger Zeit gehört auch eine Frau aus Korea zu den regelmäßigen Besuchern am Martin-Luther-Platz 1. Ab und zu kommt sie vorbei, ganz allein, setzt sich auf eine der Kirchenbänke, packt ihr Gesangbuch aus und singt koreanische Choräle. Nur für sich und für Gott. In der evangelischen Luthergemeinde ist das in Ordnung, sie ist eine der wenigen Kirchen, die noch täglich geöffnet sind. Montag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr. Zum Beten, Singen oder um einfach zur Ruhe zu kommen. „Unser Leitbild“, sagt Pfarrer Hans Reiner Haberstock, „ist die offene Tür.“

Eine Kirche für die Menschen – das ist die Luthergemeinde, die in diesem Jahr ihr 125-jähriges Bestehen feiert. Und das war sie auch schon bei ihrer Einweihung im Jahr 1893. Am 10. September öffnete das Haus erstmals seine Türen, rund herum entstand gerade das Nordend.

Karl August Seth Cordes, der erste Pfarrer der Lutherkirche, hatte zuvor in den USA gearbeitet und brachte frischen Wind mit nach Deutschland. Er legte Wert darauf, dass die vielen Zugezogenen in der Gemeinde eine Anlaufstelle fanden und dass sich ein echtes Gemeinschaftsgefühl entwickelte – anstatt sich nur sonntags zu treffen und dann wieder nach Hause zu gehen.

Cordes ermutigte die Jugendlichen, sich ehrenamtlich in der Kirche zu engagieren, in den Anfangsjahren zählten die Kindergottesdienste regelmäßig unglaubliche tausend Besucher. „Er hat die Gemeinde mit seinen Ideen geprägt“, sagt Pfarrer Haberstock. „Der Gemeindegedanke kam auf.“

Die Lutherkirche florierte, der Rückschlag kam mit dem Zweiten Weltkrieg. Im Winter 1943/44 wurde das Gebäude bei Luftangriffen fast vollständig zerstört, nur noch der Kirchturm und ein paar Mauern ragten aus den Trümmern heraus. Die neugotische Kirche mit ihren vielen Verzierungen und den hölzernen Deckenbalken verschwand unter Schutt und Staub.

Beim Neubau, der bis zum Jahr 1955 andauerte, erhielt die Kirche unter Anleitung des Architekten Ernst Görcke ihr heutiges Gewand. Ein Alleinstellungsmerkmal: Die faltige Decke aus Holzwolle und die seitlichen Metallpfeiler, die keine tragende Funktion haben, erinnern an ein Zelt. „Sozusagen als Zuhause für das wandelnde Gottesvolk auf dem Weg durch die Zeit“, erklärt Pfarrer Haberstock.

Eine auffällige Neuerung waren auch die vielen bunten Glasfenster, die der bekannte Künstler Georg Meistermann anfertigte und die den Altarraum in buntes Licht tauchen, wenn die Sonne tief steht. „Das ist besonders faszinierend“, findet Haberstock.

Sein bislang letztes großes Facelifting erlebte das Gotteshaus 2004, als die Kirche ihr Gemeindehaus im Musikantenweg aufgeben musste. Der Regionalverband hatte aus Kostengründen gebeten, das Gebäude, das die Gemeinde seit 1896 genutzt hatte, zu schließen. So wurde die Kirche um zwei dreistöckige, komplett gläserne Anbauten erweitert, die nun Platz für Pfarrbüro, Küche und Gruppenräume bieten. „Der Transparenzgedanke war uns wichtig“, erklärt Haberstock. Man könne rausgucken, „aber auch reingucken“.

Mehr als 2700 Mitglieder hat die Luthergemeinde heute, einen eigenen Kindergarten betreibt sie ebenso wie den Verein Hilfe im Nordend, der sich um Langzeitarbeitslose kümmert. Auch die Musik hat einen hohen Stellenwert: Die Kantorei zählt mehr als 80 Mitglieder, die Kinder-Musikgruppe nochmal fast genauso viele Teilnehmer. Dass es sonntags beim Gottesdienst meist nur um die 60 Gäste sind, stört Haberstock nicht. „Bei anderen Kirchen kommen keine 40“, sagt er. Das Gemeindeleben der Lutherkirche beschränke sich eben längst nicht nur auf den Sonntag.

So wurde und wird der 125. Geburtstag das ganze Jahr über gefeiert. An der Luminale hat sich die Gemeinde beteiligt, es gab Führungen, Vorträge und einen Jubiläumsgottesdienst. Weiter geht es am 28. Oktober mit einem Konzert des Posaunenchors (18 Uhr), den Abschluss macht schließlich am 16. Dezember die Kantorei mit ihrem großen Adventskonzert (18 Uhr).

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