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Viele Familien in der Unterkunft am Alten Flugplatz haben Ablehnungen erhalten.

Flüchtlinge in Frankfurt

Kirche fordert Abschiebestopp

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Der Frankfurter Stadtdekan Achim Knecht will mehr Empathie für afghanische Flüchtlinge, die in großer Unsicherheit leben.

Die evangelische Kirche in Frankfurt nimmt das Osterfest zum Anlass, auf die schwierige Situation afghanischer Asylsuchender in der Stadt hinzuweisen. In zahlreichen Begegnungen mit den Betroffenen in den Beratungsstellen und Unterkünften der Kirche im Stadtgebiet zeige sich, „dass die Situation der Afghanen von großer Unsicherheit geprägt ist“, sagte Stadtdekan Achim Knecht am Gründonnerstag.

„Die drohende Abschiebung lähmt, belastet die Familien und den Alltag in der Flüchtlingsunterkunft, blockiert Integration und dämpft die Motivation der Menschen.“ Mit Blick auf die bislang drei von Frankfurt und München aus gestarteten Sammelabschiebungen nach Afghanistan kritisierte Knecht die „politisch motivierte“ verschärfte Abschiebepraxis und betonte, Afghanistan sei kein sicheres Herkunftsland. Er appellierte an die Politik, eine „Kultur der Empathie für das Leiden der Menschen“ zur Maxime ihres Handelns zu machen.

Menschen aus Afghanistan sind die größte Gruppe unter den Asylsuchenden in Frankfurt – mehr als 1500 leben aktuell in der Stadt, die unbegleiteten Minderjährigen noch nicht eingerechnet. Anders als die nächstgrößeren Flüchtlingsgruppen aus Syrien und Eritrea haben sie schlechtere Aufenthaltschancen und sind von Integrationskursen ausgeschlossen. Die 200 Deutschkursstunden an der Volkshochschule, auf die auch afghanische Flüchtlinge einen Anspruch haben, reichten nicht aus, um die Voraussetzungen für eine Arbeitsaufnahme zu erfüllen, berichtete Pfarrer Michael Frase, Leiter der Diakonie, aus den Erfahrungen betroffener Familien in der Unterkunft am Alten Flugplatz Bonames/Kalbach.

In der großen, von der Diakonie betriebenen Unterkunft hätten bereits acht afghanische Familien ablehnende Asylbescheide erhalten, sagte Frase weiter. Fünf Familien warteten noch auf Bescheide, andere hätten lediglich eine auf ein Jahr befristete Aufenthaltsgenehmigung aufgrund von Abschiebehindernissen erhalten. Die Deklarierung sicherer Herkunftsgebiete in Afghanistan beunruhige sie daher sehr, auch weil es ihren Erfahrungen widerspreche.

Sexualisierte Gewalterfahrungen

So erzählte Frase von einer Familie, deren drei Neffen Anfang März bei einem Anschlag auf ein Krankenhaus in Kabul getötet wurden. Die Familie habe große Angst davor, eines Tages nach Afghanistan zurück zu müssen, der Bruch mit ihrem Herkunftsland sei „tiefgreifend“. So sei die Frau einst der Zwangsheirat entflohen, ihren später im Iran geborenen Kindern, die mittlerweile in Frankfurter Kindergarten und Schulklassen integriert sind, wolle sie Bildung und ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen.

Dass viele afghanische Frauen massive, insbesondere sexualisierte Gewalterfahrungen gemacht haben und oft schon mit 14 Jahren zwangsverheiratet wurden, berichtet auch Pfarrer Jürgen Mattis aus der psychosozialen Beratungsarbeit im Haus am Weißen Stein. Durch ihre Flucht hätten diese Frauen sich selbstständig gemacht – die Unsicherheit, ob sie wieder abgeschoben werden, setze sie extremem Stress aus.

Aus der ebenfalls am Weißen Stein angesiedelten Rückkehrberatung von Menschen, die ihrer Abschiebung durch eine sogenannte „freiwillige“ Ausreise zuvorkommen wollten, erzählte Mattis zudem von einer fünffachen Mutter, die im Januar nach Kabul zurückkehrte – mit dem alleinigen Ziel, baldestmöglich erneut zu fliehen, dieses Mal in den Iran. Stadtdekan Knecht sagte vor diesem Hintergrund, die oft geäußerte Kritik an der Unterdrückung von Frauen in patriarchalischen traditionellen Gesellschaften sei scheinheilig, wenn man sich zugleich zu „Komplizen“ der Unterdrückung mache, indem man Frauen mit Gewalterfahrung in die Situation zurückschicke, der sie einst entflohen seien.

Davor, dass die Unsicherheitssituation, in die man afghanische Geflüchtete zwinge, auch „einen Nährboden für völlig falsche Entwicklungen“ schaffe, wies Pfarrer Jürgen Mattis abschließend in Bezug auf die Erfahrungen unbegleiteter Minderjähriger und junger Männer hin. Die Angst vor der Abschiebung und die aus rechtlichen und praktischen Gründen schiere Unmöglichkeit, Familienangehörige nachzuholen, sei eine enorme psychische Belastung für die jungen Afghanen, die in den InteA-Klassen an Berufsschulen einem ohnehin hohen Leistungsdruck ausgesetzt seien. Prodekanin Ursula Schoen betonte: „In Frankfurt ist kein Fall bekannt, in dem der Nachzug von Eltern oder der Familie eines minderjährigen Flüchtlings aus Afghanistan ermöglicht werden konnte.“

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