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Rund 14 000 Menschen protestieren in Frankfurt gegen eine nationale Abschottung und fordern mehr Solidarität. 

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Großdemonstration „Ein Europa für alle“ in Frankfurt

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Rund 14 000 Menschen protestieren in Frankfurt gegen eine nationale Abschottung und fordern mehr Solidarität. 

Maurice, Pauline und Lara sind am Sonntag aus Mainz angereist, um bei der Großdemonstration „Ein Europa für alle“ auf dem Frankfurter Opernplatz dabei zu sein. Warum sie hier sind? „Ich finde, dass Menschen, die aus bürgerkriegsähnlichen Zuständen fliehen, vor dem Ertrinken im Mittelmeer bewahrt werden müssen“, sagt der 25-jährige Maurice.

Europa, sagt die 21-jährige Pauline, stehe für Toleranz und Frieden. „Dafür sollte man sich einsetzen.“ In der Hand hält sie einen Regenbogenschirm – nicht gegen den Regen, wohl aber gegen die Sonne, die vom Himmel strahlt. Sie hoffe, dass die Europawahl am 26. Mai „nicht allzu schlecht“ ausgehe, sagt die 20 Jahre alte Lara. Und auf eine hohe Wahlbeteiligung.

Der Opernplatz ist gegen 12 Uhr, als die Demonstration mit Musik einer Reggaeband beginnt, schon so voll, dass fast kein Durchkommen mehr ist. 14 000 Menschen zählt die Polizei. Europafahnen und Regenbogenfahnen wehen durch die Luft und solche mit Aufschriften „Deine Wahl am 26. Mai“ und „Nationalismus abwählen“. Kinder laufen barfuß durchs Becken des Lucae-Brunnens, der an diesem Tag keine Fontänen in die Höhe schießt.

„Wählen gehen, wählen gehen, wählen gehen“ – das sei ihre Botschaft im Häuserwahlkampf vor der Europawahl, sagt die SPD-Bundestagsabgeordnete Ulli Nissen. Sie hat eine SPD-Fahne und eine Europafahne dabei. Europafahnen, sagt sie, seien dieser Tage besonders begeht. Bestimmt 200 habe sie zuletzt verteilt.

Eine Europafahne trägt auch Christina Steinbach. Sie und ihr Mann Günther Bredl sind aus Langen angereist, um in Frankfurt mitzudemonstrieren. Es brauche ein geeintes Europa, alleine könne ein Land wie Deutschland in der globalisierten Welt wenig erreichen, sagt Christina Steinbach. Günther Bredl erinnert an eine zurückliegende Südamerikareise mit Kontrollen an den Grenzen, Geldwechseln im nächsten Land. „Wollen wir das in Europa wirklich wieder haben“, fragt er.

So voll war der Opernplatz zuletzt bei der Veranstaltung „Rock gegen Rechts“ im vergangenen Jahr: Demo „Ein Europa für alle“ am Sonntag.

Die Reggaeband hält die Demonstranten bei Laune, bis Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) auf die Bühne kommt. „Der Peter ist da. Hat er seine Kette dabei“, scherzt ein Teilnehmer.

Feldmann, ohne Amtskette, ruft von der Bühne herab: „Das ist richtig gut, was ich von hier oben aus sehe. Das ist der Wahnsinn, was heute in der Innenstadt los ist.“ Frankfurt, diese internationale Stadt mit Menschen aus 177 Nationen, die 200 Sprachen sprechen, biete keinen Platz für Hass, Rassismus, Ausgrenzung, Homophobie, Islamophobie. Eine Videoleinwand überträgt seine Worte; eine Gebärdendolmetscherin übersetzt für Menschen, die schlecht hören. „Lasst uns diese Stadt verteidigen“, ruft er den Menschen zu und die quittieren es ihm mit Applaus.

Den meisten Jubel ernten junge Klimaaktivisten. „Der Klimawandel ist die größte Bedrohung unserer Zeit“, sagt Simon Umbach von der Naturfreundejugend Hessen. Die Europawahl sei entscheidend, weil nur gemeinsam, nicht im nationalen Alleingang, etwas gegen die drängendsten Umweltprobleme unternommen werden könne: das fortschreitende Artensterben, das Aufheizen der Erdatmosphäre, die Versauerung der Ozeane. Der Klimawandel bedrohe die gesamte menschliche Spezies, sagt er. „Wir sind nur in der Gemeinschaft stark. Junge Europäerinnen und Europäer, lasst uns für ein geeintes Europa kämpfen“, appelliert er. Die Demonstranten jubeln ihm zu.

Emil Wohlfahrt von Fridays for Future lädt daraufhin zur Großveranstaltung am Freitag vor der Europawahl ein, um 12 Uhr auf dem Willy-Brandt-Platz in Frankfurt, mit Bühnenprogramm und Kundgebungen. Jetzt müsse die Politik den Kohleausstieg und den Umstieg auf erneuerbare Energien angehen, sonst sei es bald zu spät, sagt er.

Mehr Gerechtigkeit bei der Migration fordert Anne Jung von Medico International. Die Geschichte unserer Gesellschaften sei immer eine der Migration, sagt sie und erzählt den Raub Europas nach. Der Mythologie nach wurde die Tochter des phönizischen Königs von Zeus, der sich in einen Stier verwandelt hatte, aus Asien nach Europa verschleppt. Zeus benannte den Kontinent nach ihr.

„Es ist Teil der globalen Krise, dass manche nicht verstehen wollen, dass Migration immer Teil unserer Gesellschaften war.“ Kurz nach 13 Uhr ziehen die Demonstranten zum Protestmarsch los, vom Opernplatz durch die Innenstadt und wieder zurück. Gleichzeitig finden laut Veranstalter weitere Demonstrationen unter dem Motto „Europa für alle“ in sieben deutschen Großstädten statt – etwa in Berlin, Hamburg, Köln – mit mehr als 150 000 Teilnehmern. Aufgerufen hatte ein breites Bündnis, zu dem unter anderem der Paritätische Wohlfahrtsverband, Attac und Pro Asyl zählen.

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