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Nicht jeder, der am Flughafen ein Nickerchen macht, ist obdachlos. Aber wer weiß?

Frankfurt

Obdachloser schläft trotz Hausverbots im Flughafen

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Ein Obdachloser steht vor dem Landgericht Frankfurt, weil er trotz Hausverbots mehrmals im Flughafen Frankfurt übernachtet hat. Er will notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte ziehen.

Wer schlafe, sündige nicht, sagt der Volksmund. Tue er wohl, sagt Fraport, zumindest wenn er auf ihrem Grund und Boden schlafe und zuvor das Flughafengelände „ohne Flug- oder Kaufabsicht“ betreten habe. Und darum hat es der 60 Jahre alte Reinhard H. mit dem eher banalen Delikt des Hausfriedensbruchs bis vor das Landgericht geschafft. Angesetzt sind drei Verhandlungstage.

Das Amtsgericht hatte H. im März dieses Jahres wegen Hausfriedensbruchs in fünf Fällen zu 45 Tagessätzen à acht Euro verurteilt. Der Wohnsitzlose hatte trotz eines Hausverbots der Fraport fünfmal im Terminal I des Flughafens übernachtet. Er hat dort niemanden belästigt oder gefährdet, im Grunde hat er dort nur geschlafen, dies aber ohne Flug- oder Kaufabsicht, was einen Verstoß gegen die Hausordnung der Fraport darstellt.

Reinhard H. ist ein rüstiger Sachse, eine gepflegte Erscheinung, die im legeren Anzug auf der Anklagebank sitzt. Er ist nicht auf den Mund gefallen, hört sich gerne reden und hat gerne Recht. Nach eigenen Angaben war er schon alles Mögliche: Brummifahrer, Mechatroniker, Unteroffizier bei der Luftwaffe der Nationalen Volksarmee, Obermaschinist beim VEB Gaskombinat Schwarze Pumpe. Und hin und wieder auch mal arbeits- und obdachlos, so wie im Winter 2014, als er am Flughafen geschlafen habe.

Das sei aber sein Recht gewesen, denn er habe dort stets in zumindest potenzieller Kaufabsicht geschlafen und immer genug Geld dabei gehabt, um sich notfalls etwas kaufen zu können. Was er auch hin und wieder getan habe. Etwa eine Flasche Sprudelwasser. Oder Saft. Er trinke nicht mehr, sagt Reinhard H. Das habe es sich ganz alleine abgewöhnt. Ohne Therapie. Brauche er nicht, weil er einen stählernen Willen habe. Sich die Sauferei abzugewöhnen, sagt er frei nach Mark Twain, sei das Einfachste auf der Welt – er habe es schon tausendmal gemacht.

Mehrere Kerben im Führungszeugnis

Reinhard H. hat mehrere Kerben im Führungszeugnis: wegen Schwarzfahrens (2010), Schwarzfahrens (2011 sogar zweimal), Schwarzfahrens (2014) sowie Schwarzfahrens (2015). Und natürlich wegen Hausfriedensbruchs (2017). Er hat Berufung eingelegt gegen das Urteil des Amtsgerichts, und vor dem Landgericht kündigt er glaubhaft an, den Kappes notfalls bis zum Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte durchzuhalten. Es gehe ihm gar nicht so sehr um eine Schlafstätte, mittlerweile habe er wieder eine eigene Bleibe. Es gehe ihm ums Prinzip.

Er sei ein Kunde, versichert Reinhard H., zumindest ein potenzieller, und als solcher ein potenzieller König, und ein König werde ja wohl mal beide Augen zudrücken dürfen. H. redet vor dem Landgericht ohne Punkt und Komma, er bietet der begeisterten Kammer gar eine Ortsbegehung an, um die Bänke zu zeigen, von denen man ihn ohne Not verjagt habe. Obwohl er ja etwas hätte kaufen können, wenn er gewollt hätte.

Reinhard H. ist ohne Anwalt erschienen. Menschen, die gerne Recht haben, tun das oft. Nach der Einlassung eines Angeklagten haben Kammer, Verteidigung und Staatsanwaltschaft ein traditionelles Nachfragerecht. Ob er sich selbst etwas zu fragen habe, fragt der Vorsitzende Richter halb im Scherz. „Ich frage mich, warum ich überhaupt hier sitze“, antwortet Reinhard H. ganz im Ernst.

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