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„Europa ist nicht mehr das Zentrum der Welt“

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Von: Anna Laura Müller

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Transnationale Literatur thematisiert poröse Grenzen, wie die zwischen Mexiko und den USA.
Transnationale Literatur thematisiert poröse Grenzen, wie die zwischen Mexiko und den USA. © Imago

Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila spricht im Interview über literarische Räume, die über Nationen hinweg gehen und den dafür nötigen Perspektivwechsel.

Herr Mujila, Sie stellen transnationale Perspektiven in der Literatur in den Mittelpunkt. Warum ist das wichtig?

Ich glaube, eine homogene Nation ist reine Fiktion. Heutzutage mit der Nutzung von sozialen Medien und der Verbindung durch das Internet ist die Welt zeitlich und räumlich näher zusammen. Und die Einteilung in nationale Literatur gibt es so auch nicht mehr, weil die Grenzen sehr porös geworden sind. Gleichzeitig wird trotzdem oft noch von einer deutschen oder französischen Literatur gesprochen. Dabei wird dann Literatur von weniger verbreiteten Sprachen oder beispielsweise aus der Schwarzen Diaspora weniger gefördert. Deswegen braucht es transnationale Perspektiven.

Kam dadurch auch die Idee für die von Ihnen herausgegebene Sammlung „Kontinentaldrift – Das Schwarze Europa“, in der Stimmen von 33 Schwarzen Dichter:innen Platz finden?

Ja, genau. Für mich war es unvorstellbar, in einer deutschen Buchhandlung keine Lyriksammlung Schwarzer Schriftsteller:innen in deutscher Sprache zu finden. Es gibt wichtige Schwarze Schriftsteller:innen in Großbritannien oder in den Niederlanden, aber sie sind kaum auf Deutsch übersetzt und hier fast unbekannt. Alle der Autor:innen der Sammlung sind in Europa geboren oder aufgewachsen. Sie sind also Europäer:innen, aber gleichzeitig haben sie afrikanische oder karibische Wurzeln. Ich glaube, Europa ist nicht mehr das Zentrum der Welt, also kann sich Europa auch inspirieren lassen von Stimmen wie diesen. Es sollte nicht nur eine internationale Solidarität geben, sondern auch die Bereitschaft, von ehemals kolonialisierten Ländern und den Menschen, die Verbindungen dazu haben, zu lernen.

In der Anthologie wurden die Werke in der Originalsprache und in deutscher Übersetzung veröffentlicht. Wieso war das wichtig?

Ich glaube, die Muttersprache ist sehr wichtig. Wenn wir sie weglassen, dann tragen wir dazu bei, sie sterben zu lassen. Die Sprache soll auch über Grenzen hinweg sichtbar sein und dadurch weiterleben. Sprache funktioniert hier auch als Erinnerungsort. Oft werden Gedichte von Menschen aus ehemals kolonialisierten Ländern in den Sprachen der Kolonialmächte verfasst, das hat auch seine Berechtigung, aber mir ist es wichtig, dass auch die kleinen Sprachen weiterleben. Der Tod einer Sprache bedeutet auch den Tod eines Landes und eines Volkes.

Ist das auch der Kern der transnationalen Literatur, dieses Hin- und Herwechseln zwischen Sprachen, auch mal ohne Erklärungen für die Leser:innen?

Ich glaube, es ist wichtig als Schriftsteller nicht alles zu erklären. Ich habe auch nicht alles verstanden, als ich deutsche Schriftsteller wie Heinrich Böll gelesen habe. Und trotzdem habe ich seine Werke sehr gerne gelesen, weil ich Gemeinsamkeiten im Nachkriegsdeutschland und dem Kongo von heute sehen konnte. Wenn ein deutscher Schriftsteller schreibt, denkt er dabei nicht daran, wie ein Kongolese den Text verstehen könnte und das ist auch in Ordnung so.

Zur Person

Fiston Mwanza Mujila ist Poet und Schriftsteller. In Lubumbashi, Demokratische Republik Kongo, geboren, lebt er seit 2009 in Graz. In seiner Arbeit legt er den Fokus auf transnationale Perspektiven.

„Weltwortreisende“ heißt das Festival in Graz, das Mujila diesen Oktober zum zweiten Mal kuratiert. Es soll einen Raum eröffnen, in dem Grenzen zu Orten der Begegnung werden können.

33 Schwarze Dichter:innen aus acht Ländern finden in der von ihm herausgegebenen Anthologie „Kontinentaldrift - Das Schwarze Europa“ Platz für ihre transnationalen Perspektiven.

Weiterlesen: Weitere Texte der Beilage „Utopische Rundschau“ finden Sie unter fr.de/paulskirche

Hilft der transnationale Ansatz auch, um von einer eurozentrischen Sicht auf die Welt wegzukommen?

Ja, aber das Wichtige dabei ist, nicht zu vergessen, dass transnational nicht bedeutet, die eigenen Wurzeln zu vergessen. Es bedeutet, in einer Tradition verankert zu sein, aber sich auch gleichzeitig zu öffnen. So sehe ich die Welt. Ich bin kongolesischer Schriftsteller, aber ich befinde mich auch in einem europäischen Kontext, weil ich in europäischen Sprachen schreibe und in Graz wohne. Transnational heißt für Europa, auch von anderen Teilen der Welt zu lernen.

Sie sind selbst Künstler, aber auch Gründer und Kurator des transnationalen Literaturfestivals „Weltwortreisende“ in Graz, bei dem einer der Tage in diesem Jahr unter der Idee „Sprache als Insel der Freiheit“ konzipiert wurde. Kann Literatur, so wie Sie sie begreifen, eine solche Insel der Freiheit tatsächlich erschaffen, oder bleibt das dann doch eher ein utopischer Gedanke?

Der kongolesische Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila arbeitet mit transnationalen Perspektiven in der Literatur.
Der kongolesische Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila arbeitet mit transnationalen Perspektiven in der Literatur. © Eric Thauvin

Ich verstehe Utopie eher als etwas Globales. Aber ich glaube, ein Buch kann ein Leben durchaus ändern. Denn Bücher haben auch mein Leben geändert. Ich war nicht sozialisiert, um Schriftsteller zu werden. Ich komme aus einer Händlerfamilie. Es kann also über das Utopische hinaus gehen, Bücher können definitiv Inseln der Freiheit sein.

Und doch gelingt der Perspektivwechsel zwischen Europa und Afrika nicht ganz einwandfrei.

Das große Dilemma ist, dass seit Anfang der Kolonialzeit beispielsweise Ethnolog:innen und Wissenschaftler:innen immer wieder versucht haben, Afrika als Gegensatz von Europa darzustellen. Wir sollten aber eher die Brücken zwischen den Kontinenten finden. Mich, als jemand, dessen Eltern in der Kolonialzeit geboren wurden, hat es schon immer interessiert, welche Brücken zwischen Afrika und Europa existieren können. Durch Literatur können wir diese Brücken bauen.

Und durch den Perspektivwechsel in der Literatur das Verständnis im alltäglichen Miteinander erhöhen?

Genau. Ich glaube, wir sollten Inseln von Verständnis finden. Die Räume, in denen wir uns bewegen, nicht in einen für Europa und einen für Afrika trennen. Das Ziel ist es, einen dritten Raum zu erschaffen.

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