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Klassenzimmer, wie hast du dich verändert: Das Profil Sprache und Kommunikation steht im Vordergrund an der IGS Kalbach-Riedberg.

IGS Kalbach-Riedberg

Die etwas andere Schule

Lernen ist überall: An der IGS Kalbach-Riedberg erinnert nur wenig an den Unterricht, wie man ihn aus herkömmlichen Schulen kennt.

Von Sandra Busch

Zwei Schülerinnen liegen bäuchlings auf dem lilafarbenen Flurboden. Vor ihnen: Heft und CD-Player. „Sie machen Englisch. Hörverstehen“, erklärt Marlene. Elf Jahre alt, Schulsprecherin der IGS Kalbach-Riedberg. „Wir haben gerade Fachbüro, da kann man auch im Flur arbeiten.“ Ein paar Schritte weiter ist ein Junge mit einem Buch in einem Sitzsack versunken. Auf dem Flur ist ein Regal mit Büchern. Deutschbücher, aber auch etwa „Die drei Fragezeichen“ liegen aus. „Wenn man mit einem Arbeitsauftrag fertig ist, dann kann man auch einfach lesen“, sagt Marlene.

Fachbüro, Arbeitsaufträge – schon nach wenigen Sätzen von Schülern der 2017 gegründeten IGS Kalbach-Riedberg ist klar: An dieser Schule läuft einiges anders. „Es ist nicht einfach nur Schule, es macht mehr Spaß“, sagt Arda. Auch elf Jahre alt, Marlenes Stellvertreter. „Man kann hier viel mehr mitbestimmen und merkt, man wird ernstgenommen.“ Und fast tröstend sagt er: „Ich habe auch eine Weile gebraucht, bis ich das Konzept verstanden habe. Drei Wochen oder so.“

Dauert eben ein bisschen, bis man so einen Stundenplan kapiert hat, auf dem Fachbüro, Projekt, Fachintensiv, Verantwortung, Versammlung und Lernberatung steht. Eine „andere Idee des Lernen“, nennt das Schulleiterin Susanne Gölitzer. Und Stellvertreterin Mareike Klauenflügel spricht von „verknüpftem, vernetztem und zusammenhängendem Lernen“. Denn in Projekt wird zusammen geforscht, in Verantwortung gibt es gemeinsame Vorhaben etwa im sozialen Engagement. Im Fachbüro arbeitet dagegen jeder selbstständig.

Fachintensiv ähnle da noch am ehesten dem Unterricht, den man so kenne, sagt Gölitzer. Eben auch mal mit Tafel und so. Es gibt Mathe, Deutsch und Englisch, jeweils zwei Stunden in der Woche. Für die Einführung eines Themas wie Bruchrechnen oder Fabeln brauche es auch Lehrervorträge, sagt Gölitzer. Ansonsten spricht sie vor allem von Lerngelegenheiten. Für das Lernen von Vokabeln brauche man Ruhe, für eine Fabelinterpretation wiederum eine Gruppe. Ruhe gibt es etwa im Fachbüro. Im Morgenkreis wählen sich die Kinder dort ein. In Englisch, Mathe oder Deutsch. Dort lernen die Schülerinnen und Schüler alleine in ihrem Tempo etwa in Deutsch Zeichensetzung und Grammatik.

Schule im Aufbau

Die IGS Kalbach-Riedberg, sie ist eine Schule im Aufbau. Nicht ungewöhnlich in Frankfurt. Eröffnen doch jedes Jahr neue Schulen in der Stadt. Bisher ist nur der fünfte und sechste Jahrgang an der IGS Kalbach-Riedberg da. „Es war cool, der erste Jahrgang zu sein, wir hatten die Schule ganz für uns alleine“, sagt Marlene. Aber gerade das Konzept der IGS Kalbach-Riedberg braucht auch die anderen Jahrgänge: Es wird im Fachbüro und auch in Projekt jahrgangsgemischt gearbeitet. Fünfte, sechste und künftig siebte Klasse arbeiten zusammen, später dann achte bis zehnte. 20 Stunden in der Woche lernen die Schüler jahrgangsgemischt, 16 Stunden jahrgangsbezogen.

In Projekt vereinen sich Naturwissenschaften und Gesellschaftslehre, es gibt viel Partnerarbeit. Ein Thema wie die Römer soll dabei erschlossen werden. Es wird sich Wissen über Bücher angeeignet, Fragestellungen werden gefunden, Modelle gebaut – und am Ende wird alles den Mitschülern und Lehrern präsentiert. An diesem Tag geht es um die Römer, um das Kolosseum. Aus Pappe haben es vier Jungs nachgebaut und erzählen vor den Klassen und Lehrern von Nero und was da im Kolosseum so vor sich ging. „Sechsmal im Jahr müssen sie eine Präsentation halten“, sagt Gölitzer. „Nach drei Jahren sind sie Profis.“

Pädagogische Konzepte wie das der IGS Kalbach-Riedberg benötigen auch andere Raumaufteilungen als üblich. Derzeit ist die Schule in Holzmodulen an der Carl-Hermann-Rudloff-Allee untergebracht. „Es ist schön hier, aber nicht nach den Bedürfnissen einer IGS geplant“, sagt Gölitzer. Das wird 2021 anders sein. Dann soll der Neubau an der Gräfin-Dönhoff-Straße auf dem Riedberg stehen. Die Pläne hängen in der Mensa. Gölitzer zeigt auf den eingezeichneten Flur: Er hat 108 Quadratmeter. Nischen sind eingebaut, in die sich die Kinder zurückziehen können. Es gibt Sitzgelegenheiten. Die Klassenzimmer haben Fenster zum Flur. „Der Flur ist Arbeitsfläche“, sagt Gölitzer. Und Marlene findet, es sehe gemütlich aus. „Die Fensterbänke sind breit, da kann man sich bestimmt gut zum Lesen hinsetzen.“

Aber noch ist die Schule in ihrem Übergangsquartier. Und da wird es inzwischen ganz schön eng. Der Erweiterungsbau wird gerade direkt nebendran errichtet fürs nächste Schuljahr. Auf dem Pausenhof. Spielfläche fehlt nun. Nur noch ein schmaler Streifen ist übrig. „Wir haben vermehrt Verletzungen“, sagt Klauenflügel. Weil es eben in der Pause eng und gedrängt zugeht. Doch die Grünfläche vor dem Schulgelände darf nicht genutzt werden. „Das Grünflächenamt sagt aus versicherungstechnischen Gründen nein“, sagt Gölitzer. „Wir hoffen aber, dass es noch ein Einsehen gibt.“

Zum Forschen und Recherchieren können die Kinder in die Mediathek gehen. Oder in den Computerraum. Oder in den Projektraum, in dem zahlreiche Bücher und Modelle zu den Projektthemen liegen. Dort sind auch viele Sitzsäcke. „Früher waren die total beliebt“, sagt Marlene. Früher? „Jetzt schon auch noch, aber es gibt immer mal Läuse und dann werden die Bezüge gewaschen – aber manche Kinder haben Angst, dass da noch welche sind.“ Manchmal klebe auch ein Kaugummi an den Sitzsäcken. Das werde dann im Klassenrat besprochen – oder in der Versammlung. Die ist jeden Freitag, da kommt die ganze Schule zusammen. „Da darf aber nur gelobt oder gewünscht werden“, sagt Arda. „Man könnte dann höchstens sagen: Ich wünschte, es würden keine Kaugummis auf den Sitzsäcken kleben.“

Ein Briefkasten hängt auf dem Schulflur. „Füttere mich“ steht darauf. Dort werden Themen für die Versammlung eingeworfen. „Wenn jemand einen Dienst vergessen hat und ihn ein anderer übernimmt, dann wird der dafür bei der Versammlung gelobt“, sagt Marlene. Und klar, es leiten die Schüler die Versammlung. „Vor so einer großen Menge zu sprechen, ist nicht einfach“, sagt Gölitzer. „Es fördert die soziale Kompetenz.“ Die jungen Menschen sollen durch Versammlung und auch das Fach Verantwortung stark gemacht werden. „Und wenn sich jemand einbringt, dann kann er dafür auch mal Applaus bekommen“, sagt Gölitzer.

16 Prozent der Schüler werden an der IGS inklusiv beschult. „Das ist viel für Frankfurter Maßstäbe“, sagt Gölitzer. Eigentlich waren mal 25 Prozent angedacht, aber es fehlen die Lehrer dazu. Die Schule hat das Profil „Sprache und Kommunikation“. Einmal die Woche führen die Lehrer Lerngespräche mit Schülern. Französisch gibt es im sechsten Schuljahr. „In allen Lerngelegenheiten wird aufgeschrieben, welche Begriffe neu gelernt wurden“, sagt Klauenflügel. „Der Wortschatz wird bewusst erweitert.“

Kommuniziert wird auch im Morgenkreis. Da werden nicht nur Neuigkeiten ausgetauscht, es wird auch über Nachrichten gesprochen. „Schule hat den Auftrag, Gesellschaft mitzugestalten“, sagt Klauenflügel. Der Morgenkreis sei eine „Lerngelegenheit für politische und soziale Bildung“. Es wird darüber gesprochen, wer sich etwa gerade in Washington getroffen hat. Oder über Vorkommnisse wie in Straßburg. Über Umwelt und Nachhaltigkeit. „Es geht auch oft um Kinderrechte“, sagt Marlene. „Aber es geht auch viel um Mord.“

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