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Das Schönste, was eine Tomatillo werden kann: ein Foto im Kabinett von Jennifer Markwirth, die eine Tomatillo hält, Zutat vieler mexikanischer Gerichte.

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Essen kann so schön sein

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Die Frankfurterin Jennifer Markwirth fotografiert verzehrbare Pflanzen aus allen Teilen der Welt und zeigt sie im Internet als botanisches Kabinett.

Andere Leute haben eine braune Banane auf dem Couchtisch und vielleicht noch eine Kiwi mit Falten. Kann durchaus passieren, dass Jennifer Markwirth auch mal mit solchen Dingen in Berührung kommt – immerhin pflegt sie beruflich unter anderem die Sammlung der Archäobotanik Afrikas für die Goethe-Uni, darunter Früchte und Samen. Auch: verkohlte Früchte und Samen. Und: vorgeschichtliche Früchte und Samen.

Aber daheim bei Jennifer Markwirth steht die ästhetischste Obstschale für Gäste bereit, die diese Gäste je gesehen haben. Äpfel, Mandarinen sind darin, auch Physalis kann der Laie noch erkennen, aber … das Apfelsinenfarbige da? „Das sind Kumquats“, sagt die Gastgeberin, „und das Rote sind Tomatillos. Und daneben Japanische Wollmispeln.“ Eigentlich gar nicht so völlig unglaublich exotische Dinge. Besonders, wenn man weiß, dass das „Mispelsche“, Frankfurter Traditionsgesöff in Ebbelweikneipen, nicht etwa eine der enorm sauren Mispeln vom Berger Hang enthält, sondern meist ebendiese sogenannte Japanische.

Aber Jennifer Markwirth kennt noch viel erstaunlichere Pflanzen. Die Elefantenzitrone etwa. Oder die Gestankbohne. Oder die Welwitschie. Über all diese Gewächse kann man bei ihr mehr erfahren und dazu die tollsten Fotos ansehen. Sie interessiert sich nämlich nicht nur für Früchte, sie fotografiert sie auch aufs Schönste, um sie im Internet zu zeigen.

„Flora obscura“ heißt die Seite, rätselhafte Pflanzenwelt, und ein botanisches Kabinett der essbaren Pflanzen soll sie sein, weil der Verzehr tierischer Produkte der Welt nicht guttut. Wer will, kann sich die Bilder nach Farben sortiert anzeigen lassen, nach den essbaren Pflanzenteilen oder nach Art der Nutzung, etwa als Wurzelgemüse, Öllieferant oder Gewürz.

„Ich habe 2003 beschlossen, mich vegan zu ernähren“, erzählt die 38-Jährige. Zuvor war sie bereits seit Jahren Vegetarierin, nun musste sie also zusehen, dass sie komplett pflanzliche Nahrung auftreibt. Wie sich bald erwies, war das kein Problem – überraschend war eher die immense Vielfalt, die sich ihr offenbarte. „Schon im Bioladen oder im Asiamarkt gab es eine Fülle von Gemüse und Früchten, die ich noch nie gesehen hatte.“

Und wenn man sich erst einmal intensiv damit beschäftigt, wird es immer mehr. Jennifer Markwirth fasste den Plan, diese Vielfalt zu zeigen. „Es kann überhaupt keine Rede davon sein, dass man als Veganerin nichts Essbares mehr findet. Die Sorge wollte ich den Leuten gern nehmen.“ Das muss ungefähr in der Zeit gewesen sein, als sie dachte, es müsste mal ein Stillleben geben mit allen Pflanzen, die man essen kann. „Ich ahnte ja noch nicht, dass es 80 000 sind.“

In Worten: achtzigtausend essbare Pflanzen. Und 2000 Pilze. Dann doch lieber einzeln fotografieren. In der Uni lernt sie viele Dinge kennen, etwa das Guineakorn, das in Afrika zu Brei und Bier verarbeitet wird. Daheim wartet dann die Ausrüstung für die Fotos: eine Kamera, ein riesiges Stativ und beeindruckende Lampen, natürlich Energiesparlampen, 120 Watt stark, was früher 600 Watt entsprach. „Ich würde gern auf LED-Lampen umsatteln“, sagt sie. Aber LED ist in dieser Größenordnung sehr teuer.

Das Problem an der Sache mit der Fruchtfotografie ist die Schärfe. Nicht die Schärfe der Früchte (die kann auch so extrem sein, dass die Frucht als Nahrungsmittel ausfällt), sondern die Schärfe der Fotografie. Irgendein Teil ist normalerweise perspektivisch immer unscharf. „Dadurch bin ich auf das Focus Stacking gekommen“, sagt die Fotografin, deutsch etwa: Fokus-Stapeln. Sie nimmt die Frucht in einzelnen Schichten auf, die anschließend im Computer wieder zusammengerechnet werden. Die Prozedur dauert unterschiedlich lang. Ein Maiskolben lässt sich mit drei Belichtungen aus unterschiedlichen Perspektiven in zehn Minuten darstellen. „Einen afrikanischen Fruchtkern habe ich Schicht für Schicht entblättert, eine Stunde lang, und dann kam noch die Bildbearbeitung.“

300 Fotos hat sie auf diese Weise fertiggestellt und auf „Flora obscura“ veröffentlicht – jedes ein Kunstwerk für sich vor schwarzem Hintergrund. 800 weitere Fotos sind im Speicher und 200 Objekte noch in der Warteschlange. „Farbe ist für mich ein ganz hervorstechendes Merkmal“, sagt sie. Deshalb nimmt sie nicht rote oder grüne Paprika auf, sondern beide. Nebenbei interessiert sie sich natürlich auch für die Zubereitung. „Veganismus ist mir ein wichtiges Anliegen“, sagt sie, und Zitrusfrüchte sind ein Lieblings-Fotoobjekt. „Nur schade, dass ich den Duft nicht transportieren kann.“

Andererseits: Bei der Gestankbohne aus Asien hätte die Duftprobe wohl manchen abgeschreckt. „Ich hatte sie gut eingepackt im Kühlschrank, aber die ganze Küche stank danach.“ Oft reißt es dann ja der vorzügliche Geschmack wieder raus. Aber nicht bei der Gestankbohne. „War nicht so mein Fall.“ Prinzipiell versucht Jennifer Markwirth, alle fotografierten Objekte anschließend auch zu essen – außer den Stücken der Uni-Sammlung natürlich. „Aber manches ist einfach zu speziell.“ Oder giftig. Darüber informiert sie sich vorher gewissenhaft, gern in Absprache mit den Fachleuten im Palmengarten. Manche Berichte aus aller Welt seien etwas großzügig bei der Bewertung, ob etwas giftig ist oder nicht. Bisher ging es immer gut.

Bleibt eine Frage: Essbare Früchte und Gemüse und Pilze aus aller Welt – interessant, aber der Transport etwa aus Afrika oder Asien macht ja den ökologischen Vorteil des Pflanzen-statt-Tiere-Essens wieder zunichte. Oder? „Ich sage ja nicht: Kauft das“, erklärt Jennifer Markwirth. „Ich zeige, was es gibt. Und die Texte auf Flora obscura sind sowohl deutsch als auch englisch. Viele Leute rufen beispielsweise auf den Philippinen die Internetseite auf.“ Die Leute dort müssen dann nur zum nächsten Baum gehen und eine Mangostanfrucht pflücken. Oder was Leckeres vom Rambutanbaum. Das sieht aus wie eine Litschi, nur haariger.

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