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„Es würde nicht schaden, wenn Erwachsene ihren Konsum kritisch betrachten würden“

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Von: Steven Micksch

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Mit zunehmend besserem Wetter werden Frankfurts Jugendliche auch wieder im Freien trinken.
Mit zunehmend besserem Wetter werden Frankfurts Jugendliche auch wieder im Freien trinken. © Oeser

Oliver Krause vom Frankfurter Drogenreferat spricht im Interview über die Entwicklungen beim Drogenkonsum und besondere Ausprägungen in der Corona-Pandemie.

Herr Krause, hat sich das Suchtverhalten der Frankfurterinnen und Frankfurter durch die zurückliegenden Corona-Jahre verändert?

Sicherlich hat sich durch eingeschränkte Sozialkontakte, geschlossene Clubs und Gaststätten einiges verändert. Jugendliche haben sich nun verstärkt im öffentlichen Raum getroffen, was auch Auswirkungen auf den Konsum hatte. Bei Frankfurter Schülerinnen und Schülern sehen wir das beispielsweise an den Ergebnissen der jährlichen Mosyd-Studie (Monitoring-System Drogentrends), einer Befragung des Centre for Drug Research der Goethe-Universität. Mit Beginn der Pandemie hat insbesondere der Cannabis- und Alkoholkonsum abgenommen. Das war ein Trend, den wir vorher schon beobachtet haben, der aber anscheinend durch die Pandemie verstärkt wurde.

Konnten Sie noch mehr Veränderungen bei den Jugendlichen erkennen?

Wir haben auch beobachtet, dass die Gruppe intensiv Konsumierender, also etwa die täglichen Cannabiskonsumenten oder die regelmäßig exzessiv Alkohol-Trinkenden, nicht zugenommen hat, sondern sogar weiter zurückgegangen ist. Das ist ein erfreuliches Ergebnis.

Am Anfang der Pandemie gab es die Befürchtung, dass jetzt vielleicht mehr im stillen Kämmerlein konsumiert werden könnte. Warum hat sich diese Befürchtung nicht bestätigt?

Gerade bei Jugendlichen fehlten die Anlässe zum gemeinsamen Trinken, und alleine macht es dann doch nicht so viel Spaß. Wir gehen aber auch davon aus, dass der Rückgang beim Alkoholkonsum einem generellen Trend unterliegt. Die Abstinenzzahlen sind hoch wie nie, und die meisten Jugendlichen haben einen sehr reflektierten Umgang mit dem Konsum von legalen Drogen. Was laut verschiedenen Studien allerdings gestiegen ist, ist der Medienkonsum in der Freizeit. Nichts Ungewöhnliches, würde ich meinen, zu Zeiten fehlender Alternativen.

Ist das ein Suchtproblem?

Das muss man genauer beobachten. Mit steigender Nutzungsintensität nimmt jedenfalls die Gefahr für das Abrutschen in einen problematischen oder auch abhängigen Konsum zu. Man ist bei Kindern und Jugendlichen jedoch manchmal zu schnell versucht, ein Suchtverhalten zu unterstellen – zum Beispiel bei Computerspielen. Mittlerweile haben wir, auch was das Gaming angeht, ganz gute Kriterien an der Hand, um riskantes Verhalten von abhängigen Konsummustern abzugrenzen. Von einem Suchtproblem ist auszugehen, wenn das exzessive Computerspielen über mehr als ein Jahr eine solche Bedeutung erlangt, dass andere Interessen ausgeblendet werden und es zur Beeinträchtigung in persönlichen, familiären, sozialen oder schulischen Bereichen kommt.

Wie sieht es generell bei der Gruppe der Erwachsenen aus?

Das ist schwieriger zu beantworten, da hier nur wenige Studien vorliegen. Man muss derzeit davon ausgehen, dass manche Personen gut durch die Pandemie gekommen sind, ihren risikoarmen Konsum sogar noch weiter eingeschränkt haben. Auf der anderen Seite gibt es aber auch Personen, die einen problematischen oder abhängigen Konsum entwickelt haben.

Trotzdem haben die Alkoholberatungen zugenommen?

Ja, manche Menschen haben an sich selbst einen problematischen Konsum festgestellt und Hilfe gesucht. Auch die Alkoholberatung für Angehörige ist seit 2020 verstärkt nachgefragt.

Woran kann das liegen?

Betroffenen mag es aufgefallen sein, dass es schwerfiel, nicht zu Hause zu trinken – da, wo es sonst einen sozialen Anlass gab. Und in Paarbeziehungen und Familien wurde der Konsum aufgrund der vermehrt gemeinsam verbrachten Zeit natürlich offensichtlicher.

Welche Probleme sehen Sie speziell bei den Jugendlichen?

Viele Studien haben eine höhere psychische Belastung festgestellt. Laut Mosyd-Studie haben auch in Frankfurt die psychischen Probleme zugenommen. Im Jahr 2020 gaben 22 Prozent der 15- bis 18-Jährigen an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten unter nennenswerten psychischen Problemen gelitten haben. Dies ist immerhin ein Anstieg um drei Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Depressive Verstimmungen, Depressionen, Angststörungen, Panikattacken und Essstörungen wurden dabei am häufigsten genannt. Und auch der deutlich gestiegene Medikamentenkonsum lässt uns aufhorchen. Diese Entwicklungen wollen wir in den Folgejahren besonders im Auge behalten.

Muss man die Präventionsarbeit an diese veränderten Gegebenheiten anpassen?

Präventionsarbeit unterliegt generell einem laufenden Prozess der Anpassung. Die Fachkräfte vor Ort müssen sich natürlich auf die veränderte Lebenswelt der Jugendlichen einstellen. Die Fachstelle Prävention, die Jugendberatungsstellen und Angebote der aufsuchenden Prävention und Frühintervention machten Jugendlichen bereits zu Beginn der Pandemie niedrigschwellige Angebote und suchten sie dort auf, wo sie sich aufhielten – abseits von Clubs, Raves oder Festen. Auch digitale Angebote wurden entwickelt und sind nun fester Bestandteil der Angebotspalette.

Reflektieren Erwachsene ihr Konsumverhalten besser als Jugendliche?

Genau dieses Reflektieren versuchen wir in der Prävention, Frühintervention und Beratung natürlich anzustoßen. Ich glaube, dass die Jugendlichen in Bezug auf Risikokompetenz bereits weit aufgeholt haben und Gesundheit heute einen wichtigen Stellenwert einnimmt. Unbewusst prägen uns die gesellschaftlichen Verhältnisse aber weiter sehr stark. Es würde meines Erachtens nicht schaden, wenn auch Erwachsene ihren Konsum kritisch betrachten würden.

Befürchten Sie, dass die Jugendlichen nach den Corona-Jahren mit vielen Schließungen jetzt alles nachholen und den Konsum wieder extensiv ausleben werden?

Nein, das befürchten wir nicht. Es kann vereinzelt natürlich dazu kommen, dass Menschen einen Nachholbedarf spüren und dann dafür auch ein bestimmtes Umfeld brauchen, aber diejenigen, die ohnehin auch während der Pandemie weiter konsumiert haben, werden jetzt nicht über die Stränge schlagen, nur, weil bestimmte Clubs oder Gaststätten geöffnet sind.

Interview: Steven Micksch

Oliver Krause koordiniert den Bereich Prävention und Beratung im Drogenreferat der Stadt Frankfurt am Main.
Oliver Krause koordiniert den Bereich Prävention und Beratung im Drogenreferat der Stadt Frankfurt am Main. © privat

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