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„Es kann so nicht weitergehen“

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Von: Thomas Stillbauer

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Nya und Henri sind Aktivistin und Aktivist der Frankfurter Fridays-for-Future-Gruppe. Beide haben in diesem Jahr ihr Abitur gemacht und sind bei aktuellen Klimastreik Sprecherin und Sprecher der Kampagne. Sie wollen ohne ihre Nachnamen in der Zeitung erscheinen.
Nya und Henri sind Aktivistin und Aktivist der Frankfurter Fridays-for-Future-Gruppe. Beide haben in diesem Jahr ihr Abitur gemacht und sind beim aktuellen Klimastreik Sprecherin und Sprecher der Kampagne. Sie wollen ohne ihre Nachnamen in der Zeitung erscheinen. © Privat

Die Frankfurter Fridays for Future zur Situation beim Klima und zur Großdemonstration an diesem Freitag.

Nya, Henri, beim vorigen Klimastreik im März waren in Frankfurt 8000 Menschen auf der Straße – wie viele werden es diesmal?

Henri: Wir hoffen auf viele. Es ist schwer, eine Prognose abzugeben, gerade aufgrund der Corona-Zahlen, die wieder angestiegen sind, und wegen des Wetters.

#PeopleNotProfit lautet das Motto – worauf genau liegt der Fokus diesmal beim Klimastreik?

Henri: Der aktuelle Fokus bleibt die Klimakrise. Allerdings haben wir jetzt auch eine soziale Krise. Wir wollen klarstellen, dass wir als Gesellschaft mit der aktuellen Situation nicht leben können. Es kann so nicht weitergehen. Die Lebenshaltungskosten steigen ins Unermessliche, seien es die Lebensmittelpreise – die natürlich auch in Verbindung stehen mit klimabedingten Naturkatastrophen –, sei es die Ressourcenknappheit wegen des Kriegs gegen die Ukraine.

Nya: Gleichzeitig haben wir die Inflation, das Ende des Neun-Euro-Tickets, weswegen der Öffentliche Personennahverkehr jetzt wieder sehr viel Geld kostet, ohne garantierte Aussicht auf ein Folgeticket.

Henri: Wir haben die Gasumlage, die Menschen belastet, die steigenden Strompreise. Das alles macht es den Menschen sehr schwer. Und wir leben noch im globalen Norden, in einem Industrieland. Auf der anderen Seite des Globus, etwa in Pakistan, sind die Menschen am Ertrinken, ein Drittel des Landes steht unter Wasser. Unsere klimaschädlichen Aktionen betreffen jetzt und schon seit Jahrzehnten Länder, die nicht daran schuld sind. Es geht jetzt auch sehr stark um den sozialen Aspekt, neben den Auswirkungen des Klimawandels auf die Erderwärmung, die sich jetzt schon der 1,5-Grad-Grenze nähert.

Das heißt, die Krisenlage erfordert einen anderen Ansatz für die Fridays?

Henri: Corona hatten wir ohnehin im Blick, den Krieg auch, seit er begonnen hat. Wichtig ist: Wir müssen die Gesellschaft mitnehmen. Es ist jetzt eine weitere Gesellschaftsgruppe betroffen: diejenigen, die arbeiten, die ihre Wohnungen finanzieren müssen. Wir sagen: Uns alle belasten die Krisen gemeinsam, wir müssen alle gemeinsam jetzt kämpfen.

Momentan sind die Gasspeicher zu 90 Prozent gefüllt, auf Twitter grassiert der Hashtag „Danke Robert“ für den Bundeswirtschaftsminister Habeck von den Grünen – ist das der richtige Weg?

Henri: Danke für LNG-Terminals, die uns in diesem Winter nichts bringen werden und uns weiter abhängig machen von Flüssiggas, für das beispielsweise in Amerika Fracking betrieben wird? Wir danken Robert Habeck nicht. Was wir brauchen, sind erneuerbare Energien und keine Investitionen in weitere fossile Brennstoffe, und da gehört auch Flüssiggas dazu. Das klingt ein bisschen schöner als Braunkohle, ist es aber nicht, vor allem, wenn beim Fracking auch noch Methan ausgestoßen oder Menschen vertrieben werden.

Wie steht Frankfurt da, was die Klimapolitik angeht?

Henri: Frankfurt ist die Finanzhauptstadt. Wir sind genau dort, wo die Banken stehen, wir sind dort, wo viele klimaschädliche Investitionen getätigt werden. Wir haben das Problem halt direkt vor der Tür.

Ebenfalls vor der Tür haben wir den Bau des Riederwaldtunnels, der Teile des Fechenheimer Waldes bedroht. Wird das Thema auch eine Rolle spielen?

Nya: Ja, es wird eine Rede zum Fechenheimer Wald auf der Demo geben, und das Thema wird auch beim Fest auf dem Campus Bockenheim am Freitagnachmittag angesprochen werden.

Der Demo-Verlauf ist anders als sonst?

Nya: Um 12 Uhr werden zum Start an der Bockenheimer Warte einige Worte gesprochen, um 12.30 Uhr geht dann die Demo los. Wir laufen quasi einen Kreis, und auf dem Campus Bockenheim gibt es dann eine Abschlusskundgebung.

Henri: Als Besonderheit haben wir vorab noch ein Streikfrühstück bei Senckenberg, und nach der Demo ein kleines Straßenfest mit Info-Galerie und Musik.

DIE Frankfurter DEMO

Für diesen Freitag, 23. September, hat die Bewegung „Fridays for Future“ den nächsten globalen Klimastreik ausgerufen.

12 Uhr: Kundgebung an der Bockenheimer Warte.

12.30 Uhr: Start des Demonstrationszugs Richtung Opernplatz und am Platz der Republik vorbei zurück nach Bockenheim.

ca. 15 Uhr: Rückkehr zur Bockenheimer Warte und Beginn eines Straßenfestes am Campus Bockenheim. ill

Wieso gibt es diesmal keine Kundgebung auf dem Opernplatz?

Henri: Das haben wir aus praktischen und logistischen Gründen so entschieden. Der Campus Bockenheim ist auch einfach ein ganz schöner Ort. Wir wollen gern eine einsteigerfreundliche Atmosphäre haben. Wir möchten ja auch weitere Menschen dazugewinnen.

Vor genau einem halben Jahr haben wir miteinander gesprochen. Die Frage damals wie heute: Wie stark ist die Klimabewegung zurzeit?

Henri: Die Probleme mit dem Weltklima sind groß, und sie weiten sich aus. Schön wäre es, wenn wir die Bewegung irgendwann gar nicht mehr brauchen würden, weil sich die Probleme auflösen. Das tun sie aber nicht. Man sieht ja: Es gibt wieder genügend Gründe, auf die Straße zu gehen. Solange es diese Probleme gibt, sind wir da. Wir sind stabil. Menschen, die sich bisher nicht engagiert haben, werden politisch aktiv, und sei es aufgrund der hohen Preise.

Wie schätzen Sie die jüngeren Schülerinnen und Schüler ein, wie ist deren Motivation, fürs Klima zu kämpfen? Wächst etwas nach?

Henri: Da hat sich nicht viel verändert. Die Jüngeren bekommen die steigenden Kosten ja auch mit, spätestens wenn sich die Familie keinen Urlaub leisten kann.

Nya: Sie erleben, dass ihre Eltern finanzielle Probleme bekommen – das zeigt ihnen, dass sich etwas ändern muss, vor allem jetzt, vor dem Winter. Wir sehen die Demo auch als Gelegenheit, diese Schüler:innen aufzunehmen und zu vernetzen für kommende Protestaktionen.

Greta Thunberg hat 2018 mit dem Streik begonnen. Kommt Ihnen das auch viel länger vor?

Nya: Die vergangenen vier Jahre haben sich wirklich länger angefühlt als vier Jahre. Den Klimawandel gab es ja schon vor 2018, und er war schon vor 2018 bekannt, und schon vor 2018 haben Wissenschaftler:innen das bestätigt und gesagt: Wir müssen was ändern an der Weise, wie wir leben und an der Weise, wie wir wirtschaften. Es ist kein neues Problem. Seit dem Beginn von Fridays for Future sind wir so oft auf die Straße gegangen – aber es hat sich immer noch nichts Grundlegendes geändert. Von daher fühlt es sich tatsächlich so an, als wäre schon weitaus mehr Zeit vergangen als vier Jahre.

Hätte sich für den Klimaschutz mehr bewegen müssen in dieser Zeit?

Henri: Definitiv. Wir stagnieren.

Nya: Hätten wir früher in erneuerbare Energie investiert, wären wir jetzt nicht mehr abhängig von fossilen Brennstoffen wie Gas. Dann würden wir jetzt nicht in einer Energiekrise stecken, die sich zur sozialen Krise entwickelt, weil sich viele Menschen ihren normalen Lebensunterhalt nicht mehr leisten können.

Henri: Man hat uns jahrelang vertröstet. Aber selbst die ältere Generation, die vielleicht in 30 oder 20 Jahren nicht mehr lebt – oder sogar in zehn: Auch sie leidet unter der Klimakrise. Es ist eben doch nicht mehr nur ein Problem der jüngeren Generation. Warum ist es nicht möglich, zehn Milliarden Euro für das Neun-Euro-Ticket zu investieren? Für klimaschädliche Subventionen ist es möglich! Es ist auch möglich, 100 Milliarden in die Bundeswehr zu investieren. An vielen Stellen ließen sich Dinge verändern, wenn man die politische Motivation dazu hätte.

Frankfurt will bis 2035 klimaneutral werden. Glauben Sie daran?

Henri: Wir unterstützen das Ziel natürlich. Das sind jetzt noch 13 Jahre – das ist eine Zeit, in der wir von der Bundesregierung erwarten, das ganze Land umzustellen. Insofern begrüßen wir das Ziel, auch wenn es eigentlich schneller gehen müsste, so wie alles schneller gehen müsste. Es sollte möglich sein.

Nya: Wenn jetzt gehandelt wird.

Henri: Wir brauchen Politik für die Menschen. Wir brauchen Politik, damit die Menschen sich ihr Leben leisten können. Wir können viel reden, aber währenddessen sterben Menschen. Wir sind an einem Punkt, an dem jetzt gehandelt werden muss – eigentlich schon gestern gehandelt werden musste.

Interview: Thomas Stillbauer

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