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LSBTIQ-Themen dürfen nicht als lästige Minderheitenthemen betrachtet werden, sagt Sylvia Weber. Müller
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LSBTIQ-Themen dürfen nicht als lästige Minderheitenthemen betrachtet werden, sagt Sylvia Weber. Müller

Sylvia Weber im Interview

„Es gibt noch viel zu tun beim Abbau von Homo- und Transfeindlichkeit“

  • Judith Köneke
    VonJudith Köneke
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Integrationsdezernentin Sylvia Weber über Erfolge, Hürden und weitere Aufgaben der städtischen LSBTIQ-Koordinierungsstelle, die vor fünf Jahren ihre Arbeit aufgenommen hat.

Immer wieder kommt es zu Angriffen gegen und Ausgrenzungen von queeren Personen, öffentlich und privat. Erst in der vergangenen Woche wurden Teilnehmer:innen einer Veranstaltung gegen transphobe Aggressionen selbst angegriffen.

Seit fünf Jahren befasst sich die Koordinierungsstelle im Amt für multikulturelle Angelegenheiten (Amka) mit lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, inter* und queeren Themen. Sie soll als Schnittstelle zwischen Verwaltung, Stadtbevölkerung, Politik und den Communitys wirken. Hauptanliegen ist es, Themen kleinerer Gemeinschaften sichtbar zu machen und offen Diskriminierung und Probleme zu diskutieren. Integrationsdezernentin Sylvia Weber (SPD) hat mit der FR über Erfolge und Hürden gesprochen – und darüber, was in Frankfurt noch passieren muss.

Frau Weber, im November kam es zu einem Übergriff in der Frankfurter Innenstadt gegen eine queere Person. Hören Sie öfter von solchen Vorfällen?

Ja, Gewalt gegen queere Personen auf der Straße, aber auch in privaten Räumen findet leider immer wieder statt. Mich schockiert das jedes Mal. Viele der Betroffenen wenden sich an Beratungsstellen innerhalb der LSBTIQ-Communitys, aber zeigen den Vorfall nicht unbedingt an. Wir wissen davon also einerseits durch die Vernetzungsarbeit des Amka mit der queeren Community in Frankfurt, aber auch durch Studien, die einen hohen Anteil an Hassverbrechen gegen queere Personen dokumentieren.

Was kann die Koordinierungsstelle tun, dass es dazu nicht kommt?

Die Stelle entwickelt präventive Angebote, die aufklären und sensibilisieren, und versucht gleichzeitig, Community-Beratungsstellen zu unterstützen. Queerfeindliche Gewalt zu verhindern ist sehr schwer möglich, für präventive Angebote ist es jedoch besonders wichtig zu verstehen, in welchen Kontexten sie stattfindet. Dazu müssen wir in Frankfurt mehr Studien und Befragungen in Auftrag geben.

Sie wollen, dass Frankfurt sich noch mehr zu einer weltoffenen, LSBTIQ-sensiblen Kommune entwickelt. Was muss noch passieren?

Der Kampf gegen Homo- und Transfeindlichkeit braucht unseren Einsatz an ganz unterschiedlichen Stellen: an Schulen, Arbeitsplätzen aber auch im Freundes- und Bekanntenkreis. Unsere Aufgabe innerhalb der Stadtverwaltung ist es, auch diese für LSBTIQ-Themen zu sensibilisieren.

Wen meinen Sie genau?

Ich denke dabei sowohl an Regenbogeneltern als auch an Paare, die heiraten wollen. Aber auch Personen, die ihre Personaldokumente ändern wollen oder geflohen sind und in Frankfurt ein neues Leben aufbauen wollen. Bei manchen Themen geht es darum, LSBTIQ-Perspektiven als Teil einer diversen Stadtbevölkerung sichtbar zu machen. Bei anderen Themen geht es um handfeste Veränderungen in der Kommune, beispielsweise bei Formularen, Ansprachen, Eheurkunden, Sanitäranlagen und so weiter.

Die Stadt will dem Rainbow Cities Network (RCN) beitreten. Der Zusammenschluss aus mehr als 30 Städten betreibt eine aktive Politik für die LSBTIQ-Belange. Warum ist das ein wichtiger Schritt?

Gerade in Zeiten einer globalen Pandemie spüren wir, dass unsere Welt nicht mehr an Landesgrenzen aufhört. Das wurde davor schon am Beispiel von LSBTIQ-Geflüchteten deutlich. Innerhalb des Rainbow Cities Networks können wir von anderen Städten lernen. Das gilt insbesondere, wenn die Koordinierungsstelle mit Städten spricht, die ähnlich wie Frankfurt sehr divers sind. Gleichzeitig können wir die Erfahrungen aus den letzten Jahren in das Netzwerk einbringen. Beim ersten Netzwerktreffen waren alle sehr daran interessiert, was in Frankfurt in Sachen dritte Option, Wohnungslosigkeit, aber auch zu frühpädagogischen Angeboten diskutiert wird.

Welche LSBTIQ-Themen will die Stadt in Zukunft angehen?

In den kommenden Jahren wird sich pandemiebedingt viel um Gesundheit, Gewalt in Familien, aber eben auch um Selbsthilfe und Community drehen. Wir müssen da sehr genau hinsehen: Welche Familien werden anerkannt? Welche Beziehungen? Was bedeutet Kontaktbeschränkung für eine Community? In dieser Hinsicht und im Hinblick auf die Übergriffe auf der Straße, über die wir eben gesprochen haben, wollen wir auch die Sensibilisierung der Sicherheitsbehörden für Homo- und Transfeindlichkeit und für häusliche Gewalt gegen LSBTIQ-Personen voranbringen.

DIE COMMUNITYS

Die Abkürzung LGBTIQ kommt aus dem Englischen und steht für: lesbian, gay, bisexual, trans*, intersex, queer (auf Deutsch LSBTIQ: lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, intersexuell, queer).

Queer bedeutet übersetzt etwa alles, was von der Norm abweicht, und gilt heute als geläufiger Sammelbegriff für sämtliche sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten, die nicht der Hetero- und Cis-Normativität entsprechen.

Cis ist eine Person , deren Geschlechts-identität übereinstimmt mit dem Geschlecht, das ihr bei der Geburt zugewiesen wurde.

Als Trans* bezeichnet man Menschen, die sich nicht dem binären System zuordnen lassen. Dabei unterscheidet man etwa zwischen Transgender und -sexualität. Beide fühlen sich nicht dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht zugehörig.

Der Stern verweist auf die unendliche Fülle der Möglichkeiten, die sich gegen vereindeutigende Kategorien sperrt. jkö

Was ist noch geplant?

Für 2021 legt die Koordinierungsstelle außerdem einen Fokus auf die Geschichte der Verfolgung von LSBTIQ-Personen im Nationalsozialismus. Auch die Frage von Mehrfachdiskriminierung und Intersektionalität wird 2021 noch einmal verstärkt Thema sein. Diesen Schwerpunkt hat sich das Netzwerk für die Aktion zum internationalen Tag gegen Homo- und Transfeindlichkeit gegeben.

Was hat die Stelle bereits konkret erreicht?

Einiges ist mittlerweile ganz selbstverständlich, beispielsweise ein Bestand an queerer Literatur in der Stadtbibliothek. Andere Aufgaben wie Gleichberechtigung, politische Teilhabe oder der Abbau von Diskriminierung sind weniger einfach zu lösen. Das Amka hat immer die Aufgabe, an Themen dranzubleiben, sie fachlich zu erweitern und Institutionen innerhalb und außerhalb der Stadtverwaltung zu beraten. Unsere Gesellschaft verändert sich. Während vor zehn Jahren Intergeschlechtlichkeit, Nichtbinarität oder der Personenstand „divers“ in der politischen Landschaft allerhöchstens Randthemen waren, entscheiden sich viele Institutionen jetzt für eine queersensible Öffnung.

Und welche Hürden gibt es?

Heterosexualität und Zweigeschlechtlichkeit sind immer noch sehr starke Normen in unserer Gesellschaft. Auf Hürden trifft das Amka also besonders an den Stellen, an denen LSBTIQ-Themen als lästige Minderheitenthemen gedacht werden. Dabei haben wir alle ein Begehren und eine Geschlechtsidentität und profitieren etwa von einer offenen Betriebskultur oder einer guten Sexualaufklärung in den Schulen. Hier hilft es, dass ich mich auch als Bildungsdezernentin einbringen kann. Eine weitere Hürde ist aber sicher der fehlende gesetzliche Auftrag und die schwerfällige Umsetzung von Menschenrechten in diesem Themengebiet. Ich denke hier sowohl an die Rainbow Refugees als auch an die Situation von intergeschlechtlichen Menschen.

LSBTIQ-Menschen werden im Alltag oft ausgegrenzt, sei es am Arbeitsplatz oder in Vereinen. Wie kann die Stelle ihnen helfen?

Wir haben die Kontaktdaten von allen LSBTIQ-Vereinen und Beratungsstellen, um im Bedarfsfall gute Unterstützung zu finden.

Was hat Sie in den vergangenen Jahren als Dezernentin besonders beschäftigt?

Persönlich hat mich am meisten die Rettung des Café Switchboard bewegt. Das Café ist eine Institution in unserer Stadt und für viele Menschen ein persönlicher Ort der Zuflucht, der Erholung und der Bildung. Die drohende Entmietung hat gezeigt: Die explodierenden Mieten sind nicht nur für viele Mieter:innen eine Gefahr, sondern eben auch für Kultureinrichtungen. Dagegen müssen wir uns mit aller Entschiedenheit wehren.

Warum wenden sich die Menschen an die Koordinierungsstelle?

Das ist sehr unterschiedlich. Eltern können daran verzweifeln, ihre transgeschlechtlichen Kinder einzuschulen, Geflüchtete können Gewalt erleben. Das sind oft auch sehr dramatische Anfragen. Die Hilfesuchenden sind dann froh, kompetent an Beratungsstellen verwiesen zu werden und erleben vielleicht zum ersten Mal, dass ihr Anliegen in einer Stadtverwaltung ernst genommen wird. Die Arbeit ist aber nicht die einer Beratungsstelle, das wäre zu wenig.

Sondern?

Es geht auch um Grundlagen- und Netzwerkarbeit. Das Amka wird für Fachvorträge, Workshops und Seminare angefragt. Für Frankfurt sind wir insgesamt auf einem guten Weg, auch wenn es beim von Abbau von Homo- und Transfeindlichkeit und auf dem Weg zu einer gleichberechtigten politischen Teilhabe noch viel zu tun gibt.

Interview: Judith Köneke

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