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Holocaustüberlebende Edith Erbrich.  

Rückblick

„Die erste Nacht in Freiheit war herrlich“

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Die Frankfurter Holocaust-Überlebende Edith Erbrich berichtet von ihrer Rettung aus dem KZ in Theresienstadt.

Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen“, sagt Edith Erbrich, während sie sichtlich bewegt an der Europäischen Zentralbank (EZB) den Weg zur Gedenkstätte entlanggeht, die an die etwa 11 000 Menschen erinnert, die zwischen 1941 und 1945 von der Rampe der ehemaligen Großmarkthalle aus in Konzentrationslager deportiert wurden. Die heute 82-jährige, gebürtige Frankfurterin hat diesen Weg als Siebenjährige beschritten.

Am 14. Februar 1945 wurden sie, ihre vier Jahre ältere Schwester und ihr Vater gemeinsam mit anderen Juden aus der Stadt und umliegenden Städten und Gemeinden im letzten Deportationszug, der Frankfurt verließ, nach Theresienstadt gebracht. Gestern, am Tag der Befreiung, legte Edith Erbrich dort gemeinsam mit Freunden und Frankfurter Vertreterinnen und Vertretern der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) im Gedenken an diejenigen, die nicht wie sie und ihre Familie das Glück hatten, den Terror der Nationalsozialisten zu überleben, rote und weiße Rosen ab.

„Der 8. Mai 1945 war genauso ein sonniger Tag wie heute“, erinnert sich Edith Erbrich. Plötzlich habe ihr Vater, der im Konzentrationslager von den Kindern getrennt worden war, vor ihrer Baracke gestanden und ihnen gesagt, sie seien frei. Sowjetische Truppen hatten zuvor Theresienstadt, eine ehemalige tschechische Garnisonsstadt, eingenommen. Als sie das Lager verließen, habe sie sich immer wieder umgeschaut, erzählt Edith Erbrich. Sie habe Angst gehabt, KZ-Wärter könnten sie wieder zurückholen. Die erste Nacht in Freiheit sei herrlich gewesen. Vater und Töchter mussten sich zum Schlafen eine Pritsche teilen. Sie habe sich eng an ihren Vater gedrückt, um sicher zu sein, ihn nicht wieder zu verlieren.

Leidenszeit endet

Für die Frankfurter Familie ging damit eine lange Leidenszeit zu Ende. Die Mutter, eine Katholikin, lebte mit ihrem jüdischen Ehemann in einer nach der Ideologie der Nazis sogenannten Mischehe und wollte sich auch nicht, wie von diesen gefordert, scheiden lassen. Als der Deportationsbefehl für Vater und Töchter kam, begleitete die Mutter sie auf dem Weg von der Uhlandstraße, wo die Familie lebte, zur nahen Großmarkthalle. Ihre Hoffnung, sie könne mit ins KZ, hatte sich am Morgen zerschlagen. Es sei ein tiefer Schmerz gewesen, als ihr bewusst geworden sei, dass sie von ihrer Mutter getrennt würde, erzählt Erbrich. Und auch für die zu dieser Zeit schwangere Mutter sei es schwer gewesen. „Als wir schon eingepfercht im dunklen Viehwaggon standen, wurde plötzlich die Schiebetür wieder aufgemacht. Ein SS-Mann rief, man solle die beiden Kinder hochhalten, die Mutter wolle sie noch mal sehen.“

Dieses Erlebnis ist als Zitat unterhalb des zur Gedenkstätte gehörenden Stegs festgehalten, der nach Edith Erbrich benannt worden ist. Sie habe sich jahrelang dafür eingesetzt, dass an der Großmarkthalle ein Mahnmal zur Erinnerung an die Deportationen geschaffen werde und habe auch in dem Gremium mitgewirkt, als dieses mit dem Bau der EZB realisiert worden sei, sagt sie. Als Zeitzeugin wolle sie Kindern und Jugendlichen von ihren Erlebnissen erzählen, solange ihre Kräfte es erlaubten. Eine Begegnung mit einem Jungen hat sie dabei sehr bewegt: „,Wenn ich mal groß bin und Kinder habe’, sagte er mir, ,erzähl ich ihnen deine Geschichte’.“

Ihre Mutter hat sie erst im Juli 1945 wiedergesehen, Wochen nach ihrer Befreiung, weil in Theresienstadt eine Epidemie unter den Überlebenden grassierte. „Ein Kind hat mich mal gefragt, was ich gefühlt habe, als ich sie wiedersah. Ich habe gesagt, ein solch großes Gefühl kann man nicht in Worte fassen.“

Ein Streit um das Nato-Manöver in Osteuropa hat dafür gesorgt, dass Bürgermeister Uwe Becker die Gedenkveranstaltung zum Tag der Befreiung in Frankfurt verlassen hat.

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