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Der frühere Stadtkämmerer Ernst Gerhardt (CDU) auf seiner Terrasse.
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Der frühere Stadtkämmerer Ernst Gerhardt (CDU) auf seiner Terrasse.

Göpferts Runde

Ernst Gerhardt: „Ich habe überall meine Pflicht getan“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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Der CDU-Politiker Ernst Gerhardt, einst einer der wirkungsmächtigsten Politiker Frankfurts, wird am Freitag 100 Jahre alt. Ein Besuch.

Eine hohe Hecke beschattet den schmalen Weg. Vögel zwitschern, Mücken summen. Sonst ist nichts zu hören. Einige Stufen führen hinauf zum Eingang des Siedlungshäuschens. In dieser Abgeschiedenheit nahe dem Günthersburgpark lebt Ernst Gerhardt nun schon seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Kontinuität ist sein Markenzeichen. Am 10. September feiert der Katholik, einst einer der einflussreichsten und wirkungsmächtigsten Politiker Frankfurts, seinen 100. Geburtstag.

In weißem Hemd und dunkler Hose ist der kleine Mann wie stets mit dezenter Eleganz gekleidet. Er liebt wiederkehrende Rituale und muss sich doch noch im hohen Alter an Veränderungen gewöhnen. Noch vor kurzem arbeitete er jeden Werktag in seinem Büro in der Innenstadt. Nach einem Sturz ist der frühere CDU-Politiker nun auf den Rollator angewiesen und auf sein Haus zurückgeworfen. „Eine neue Rolle“, sagt er mit einem verschmitzten Lächeln, das in unserem Gespräch des öfteren aufblitzt. Mit der ihm vertrauten eisernen Selbstdisziplin meistert der ehemalige Stadtkämmerer auch diese neue Situation. Morgens dreht er mit dem Rollator sechs Runden auf der Terrasse, abends noch einmal. Er nutzt das Taxi, um Menschen zu treffen und beweglich zu bleiben.

Jeden Sonntagmorgen fährt er zum Gottesdienst in den Dom. Für den Katholiken ist sein Glaube ein lebenslanger Halt. An der Wand im Wohnzimmer hängt der gekreuzigte Christus, dezent aus schwarzem Holz geschnitzt. Ein zweites Kruzifix findet sich im Schlafgemach. „Ich bin immer ein gläubiger Mensch geblieben, ich habe mich immer bekannt.“ Auch in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, als das gefährlich war.

Erinnerungen. Als Mitglied der katholischen Jugend prügelte sich Ernst Gerhardt mit Hitlerjungen, konnte aber nicht verhindern, dass sie das Banner raubten. Öfter einmal kommen dem alten Mann die Tränen, wenn er über seinen Glauben spricht. 14 Jahre alt war der gebürtige Frankfurter, als er sich 1935 gemeinsam mit 40 000 anderen katholischen Gläubigen am Wallfahrtsort Kloster Marienthal im Rheingau einfand. „Es war ein Akt von Bekenntnis.“ Man habe den Nazis zeigen wollen: „Wir sind noch da.“

Der junge Christdemokrat fühlte sich von der katholischen Soziallehre angezogen, immer wieder fand er in der Nazi-Zeit Zuflucht und Trost im Kloster St. Georgen im Osten Frankfurts. Der Nestor der katholischen Soziallehre, Oskar von Nell-Breuning, „war eine Orientierungsfigur für mich“. Die heutige Jugend, urteilt Gerhardt bündig, habe „keine Ahnung“ von den Nöten der damaligen Zeit. „Die jungen Leute haben es einfach, sie genießen alle Freiheit, sie können sich entscheiden.“ Der Jugendliche damals weigerte sich, in die Hitler-Jugend einzutreten, im Zweiten Weltkrieg rettete er sich zu einer Einheit der Marineflak in der Nähe von Kiel, lange Zeit fernab aller Kämpfe. Dort sammelte er einen Kreis von Hitler-Gegnern um sich. „Wir trafen uns jeden Abend zur Diskussion.“

Bald nach dem Zusammenbruch des Nazi-Regimes trat Gerhardt in die CDU ein. „Nie wieder Krieg“ sei seine Triebfeder gewesen. 1960 wurde er zum ersten Mal in die hauptamtliche Stadtregierung berufen, zuständig für Ordnung und Gesundheit. Damals ahnte noch niemand, dass der CDU-Politiker einen Ewigkeitsrekord aufstellen würde: 30 Jahre im Magistrat. Er selbst sagt zu seiner Arbeit den schlichten Satz: „Ich habe überall meine Pflicht getan.“

Gerhardt war ein machtbewusster Politiker, der sich knallhart durchsetzen konnte. Hinter seiner lächelnden Fassade verbarg sich ein entschiedener Wille. In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts hat die Frankfurter Rundschau seine Arbeit als Kämmerer oft kritisiert. Der CDU-Politiker fasst das unnachahmlich mit den Worten zusammen: „Sie standen nicht immer an meiner Seite.“ Und lächelt wieder.

Zur Person

Ernst Gerhardt wurde am 10. September 1921 in Bockenheim geboren und wuchs auch in Frankfurt auf. 1936 begann er eine kaufmännische Lehre bei der Braun AG und stieg dort, unterbrochen durch Arbeitsdienst und Krieg, bis zum Prokuristen auf.

Als engagierter Katholik sah er sich schon als Jugendlicher in der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft Anfeindungen ausgesetzt. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges trat er in die neu gegründete CDU ein. Gerhardt gehört dem „linken“ Flügel der CDU an, der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), beruft sich auf die katholische Soziallehre.
1960 wurde er erstmals in Frankfurt zum hauptamtlichen Stadtrat gewählt, zuständig für Ordnung und Gesundheit. Später arbeitete er als Sozial- und Jugenddezernent. In dieser Funktion wurde er 1968 mit den späteren RAF-Mitgliedern Andreas Baader, Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin konfrontiert, die bei ihm gegen die Behandlung von Jugendlichen in den städtischen Jugendheimen protestierten.

1978 wurde er zum Stadtkämmerer gewählt und blieb es bis zum Jahre 1990. Gemeinsam mit CDU-Oberbürgermeister Walter Wallmann und SPD-Politikern wie dem Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann und dem Baudezernenten Hans-Erhard Haverkampf brachte er zahlreiche wichtige Projekte auf den Weg, wie etwa die Häuser des Museumsufers und die Alte Oper.

Die Nähe Gerhardts zu Größen der Bordellszene und der Wirtschaft wurde politisch scharf kritisiert. Auch schloss er für die Stadt zahlreiche teure Verträge mit privaten Unternehmern ab.

Gerhardt engagierte sich Jahrzehnte in der katholischen Kirche, etwa im Diözesan-Kirchensteuerrat. Er ist Träger zahlreicher Auszeichnungen, etwa des Komturkreuzes mit Stern des Gregoriusordens, als einer von wenigen Männern in Deutschland. jg

Die FR hat Gerhardt damals vorgeworfen, dass er mit den Bordell-Bossen des Bahnhofsviertels verhandelte, ihnen weit entgegenkam, um „das Milieu“ aus dem Viertel zu verbannen. Er scheiterte am Ende. Doch noch heute verteidigt er sein Vorgehen. „Ich wollte die Beeinträchtigung des öffentlichen Lebens im Bahnhofsviertel reduzieren, ich wollte es in geordnete Bahnen lenken.“ Noch heute bekennt sich der CDU-Mann zu dem Ziel: „Der Ruf der Stadt darf durch das Bahnhofsviertel nicht leiden.“

Die FR legte damals auch die teuren Verträge offen, die der Kämmerer für die Stadt mit seinen Freunden aus der Immobilienszene schloss. Bis heute zahlt die Kommune viel Geld für einzelne Gebäude, in denen städtische Ämter untergebracht sind, an private Unternehmer. Auch dazu hat Gerhardt immer gestanden. Er habe schließlich tüchtige Leute unterstützt.

Bedauert der Politiker im Nachhinein eine Entscheidung, fühlt er gar den Drang, sich bei jemandem zu entschuldigen? Der alte Mann verneint diese Frage mit einer für ihn typischen rhetorischen Volte. „Wenn ich jemanden beleidigt hatte, so hatte ich den Mut, es sofort in Ordnung zu bringen.“ Und weiter: „Ich hatte politische Gegner, aber keine persönlichen Feinde, weil ich Wert auf Kollegialität gelegt habe.“

Für die Fotografin treten wir beide hinaus auf die sonnenbeschienene Terrasse. Gerhardt hat ein kariertes Sakko angelegt und selbstverständlich einen Hut aufgesetzt. Er liebt Hüte. Der Sohn eines Schneiders und einer Schneiderin aus Bockenheim wurde von den Eltern so erzogen, dass er stets auf sein Äußeres zu achten habe. Als wir uns wieder ins Wohnzimmer zurückziehen, möchte der langjährige ehemalige Stadtrat über seine Verdienste zunächst nicht reden. „Ich gehe nicht durch die Stadt mit geschwellter Brust“, sagt er lediglich. Das war es, zunächst. Dann spricht Gerhardt doch über das, was ihm wichtig gewesen sei. Zum Beispiel saubere Luft und sauberes Wasser, schon in den 60er Jahren. Als junger Gesundheitsdezernent habe er in den 60er Jahren im Ostend einen Betrieb stillgelegt - wegen dessen Abgasen. Gerhardt lacht und zuckt mit den Schultern. „Das Regierungspräsidium hat meine Verfügung aufgehoben, weil ich gar nicht zuständig gewesen sei.“

Heute hadert er mit der Umweltpolitik. Und an den globalen Klimawandel und dass der Mensch daran schuld sei, glaubt er immer noch nicht so recht. „Klimaveränderungen hat es immer gegeben in der Geschichte.“ Aber sich „einzubilden, dass wir mit örtlichen Maßnahmen das Klima verändern könnten: Da bin ich sehr skeptisch.“ Auch eine tödliche Flut wie die im Ahrtal sei in der langen Geschichte des Planeten nicht ungewöhnlich: „Solches Ungemach trat immer mal wieder auf.“ Immerhin spricht sich der Politiker für Tempo 30 aus, für „die Reduzierung von schädlichen Abgasen und Lärm“. Aber er sagt zugleich: „In der Großstadt kann man nicht in Friedhofsruhe leben.“

So wirkt Gerhardt kurz vor seinem 100. Geburtstag ein wenig wie aus der Zeit gefallen. Und verfolgt doch hellwach jeden Tag die Nachrichten. Und den Kampf seiner CDU um den Sieg bei der Bundestagswahl, der immer aussichtsloser zu sein scheint. Auch der Ehrenvorsitzende der Frankfurter CDU kritisiert den missratenen Auftritt des CDU-Kanzlerkandidaten Armin Laschet im Flutgebiet an der Ahr, Laschets Lachen hinter dem Rücken des Bundespräsidenten: „Wenn ein Bundespräsident spricht, hört man zu!“ Andererseits sei es „lächerlich, dass sich die Presse so auf dieses Lachen gestürzt hat“. Pause. Der alte Mann wägt seine Worte sorgfältig ab. Er möchte nicht direkt sagen, dass die CDU/CSU vor einer Niederlage steht. Also drückt es Gerhardt mit der gewohnten Schlitzohrigkeit so aus: „In der Politik hat man seine Chance. Aber wenn man vielleicht keine Mehrheit bekommt, muss man auch diese Rolle engagiert annehmen.“ Seine Rolle engagiert annehmen: So hat es Ernst Gerhardt gehalten in seinem politischen Leben. Noch heute macht es ihn stolz, dass er in den 80er Jahren als Stadtkämmerer immer wieder die CDU dazu gebracht hat, den Bau des Museumsufers zu unterstützen. Der damalige sozialdemokratische Kulturdezernent Hilmar Hoffmann habe ihm versichert: „Ohne dich würde es das Museumsufer nicht geben.“ Mit der SPD alleine, so Hoffmann weiter, hätte er diese Perlenkette von Kulturbauten nicht zustande gebracht. Und dieser Einschätzung will Gerhardt natürlich nicht widersprechen.

Der frühere Sozialdezernent appelliert an seine politischen Nachfolger, die soziale Infrastruktur von Frankfurt nicht zu vernachlässigen. „Frankfurt hat als soziale Stadt einen sehr guten Ruf unter deutschen Städten.“ Und dabei müsse es bleiben. Da schimmert die katholische Soziallehre als Leitmaßstab wieder durch.

Ernst Gerhardt blickt zufrieden auf sein langes Leben zurück. Wehmütig erinnert er sich an die langen Touren, die er als Jugendlicher gewandert oder mit dem Fahrrad gefahren ist. Zu Fuß von Fechenheim bis in den Spessart. Mit dem Rad von Frankfurt nach Berchtesgaden. Aber er schaut genauso neugierig nach vorne. „Ich bin dankbar für jeden Tag.“ Wieder das verschmitzte Lächeln: „Es ist schön auf der Welt.“ 100 Jahre sind schließlich kein Alter.

Ernst Gerhard konnte sich als Politiker durchsetzen.
Gerhardt im Jahr 2003 bei einem Festakt im Ignaz-Bubis-Gemeindezentrum.

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