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Stets stilvoll in Anzug mit Weste und Einstecktuch ins Büro: Ernst Gerhardt feiert morgen seinen 99. Geburtstag.

Ernst Gerhardt

„Ich habe noch immer einen Ausweg gewusst“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
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Ein Besuch bei dem CDU-Politiker Ernst Gerhardt vor seinem 99. Geburtstag. Der Grandseigneur der Frankfurter Kommunalpolitik ist noch immer ein einflussreicher Mann.

Wie stets ist er auch an diesem Tag um 6 Uhr aufgestanden. Um 10 Uhr betrat er sein Büro in der Frankfurter Innenstadt. Auf dem Schreibtisch warten Papiere, das Telefon klingelt. „Es ist eine Lust zu leben, warum soll man damit aufhören?“, fragt Ernst Gerhardt seinen Besucher vergnügt. Am 10. September feiert der Ehrenvorsitzende der Frankfurter CDU seinen 99. Geburtstag.

Der Grandseigneur der Frankfurter Kommunalpolitik ist noch immer ein einflussreicher Mann. „Manche nehmen meine Hilfe in Anspruch“, lächelt der frühere langjährige Stadtkämmerer: „Ich habe noch immer einen Ausweg gewusst.“ Das ist Understatement, wie es für den gebürtigen Frankfurter typisch ist. Im Spannungsfeld von Politik und Wirtschaft vermittelt der Politiker bei so manchem Geschäft, sein Rat ist auch in der katholischen Kirche gefragt. Als einer von drei Männern in Deutschland trägt der Katholik das Komturkreuz mit Stern des Gregoriusordens, das ihm Papst Johannes Paul II. persönlich verlieh.

Der kleine Mann mit dem verschmitzten Lächeln konnte ein knallharter Machtpolitiker sein, gerade in seinen Jahren als Stadtkämmerer von 1977 bis 1990. Er hält einen Ewigkeitsrekord: 30 Jahre in der hauptamtlichen Stadtregierung Frankfurts, vom Ordnungs- bis zum Sozialdezernenten hatte er verschiedenste Funktionen inne. Gerade als Kämmerer provozierte seine Politik scharfe Kritik von links, er handelte mit reichen Kaufleuten teure Mietverträge über Schlüsselgebäude aus, für die der Steuerzahler zum Teil noch heute aufkommen muss. Er ließ mit den Bordellbossen pokern, weil er hoffte, das Bahnhofsviertel von Prostitution zu „säubern“, das ging schief.

Lieber spricht er über Erfolgsgeschichten. „Das Museumsufer wäre ohne mich nicht zustande gekommen“, sagt er stolz. Gerhardt verschaffte dem damaligen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann (SPD) die politische und finanzielle Rückendeckung für den Bau von einem Dutzend Kulturinstitutionen zwischen 1977 und 1990. Um das Baugrundstück für das Museum für Moderne Kunst (MMK) an der Braubachstraße freizubekommen, auf dem damals ein traditionsreiches Fischgeschäft stand, fuhr er „sonntags zum Chef von Nordsee nach Hamburg“. Man einigte sich, der Laden wurde verlegt, der Weg zum MMK war frei. „Man hat mir die Kultur nicht zugetraut.“

Der gebürtige Bockenheimer wuchs auf in der Tradition der katholischen Soziallehre. Im Alter von 13 Jahren prügelte er sich als katholischer Pfadfinder mit jungen Nazis, schlug sich auf dem Gymnasium mit Nazi-Lehrern herum. Als die NSDAP 1937 die katholische Jugendorganisation verbat, trafen sich die Jugendlichen konspirativ. Das Erstarken rechtsextremer Gruppen im Deutschland von heute lässt Gerhardt warnen: „Man muss aufpassen!“

Auf dem Sofa in seinem Arbeitszimmer schließt der alte Mann die Augen. Es wirkt, als übermannten ihn Erinnerungen. Doch dann sagt er entschlossen: „Je handlungsfähiger die Bundesregierung bleibt, desto weniger haben rechte Außenseiter eine Chance.“ Auch dass Rechtsradikale gerade in Berlin fast das Reichstagsgebäude gestürmt hätten, lässt ihn in seiner Einschätzung nicht schwanken: „Die Mehrheit der Bevölkerung, die politische Mitte, ist heute nicht anfällig für Rechte.“ Und der US-Präsident Donald Trump? „Ich befürchte, dass er wiedergewählt wird.“ Man habe den populistischen Politiker „unterschätzt“. Dennoch bleibe Trump letztlich „eine Zeiterscheinung“, die überwunden werde.

Die Frankfurter CDU hat Erfahrung mit rechten Aufsteigern. Aus ihren Reihen gingen prominente AfD-Politiker wie der Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Alexander Gauland, oder der Bundestagsabgeordnete Albrecht Glaser hervor. „Das erschüttert mich, denn wir waren politische Freunde.“ Als Gerhardt Stadtkämmerer war, leitete Gauland das Büro des damaligen Frankfurter Oberbürgermeisters Walter Wallmann (CDU). Gerhardt schüttelt den Kopf. „Gauland war kein Rechter.“ Die Veränderung des Mannes bleibe ihm „unerklärlich“.

Regelrecht „Schuld“ gibt sich der CDU-Ehrenvorsitzende an der Karriere Albrecht Glasers. Er habe der damaligen Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) empfohlen, Glaser zum Frankfurter Kämmerer zu machen. Bis heute sucht Gerhardt nach dem „Anlass“ für Glasers politische „Verirrung“.

Doch der 98-jährige schaut lieber auf die schönen Dinge im Leben. Wie stets ist er auch an diesem Morgen perfekt gekleidet, Anzug mit Weste, blaue Krawatte und Einstecktuch in der gleichen Farbe. Der Hut wartet auf der Garderobe. Stil ist dem politischen Senior ebenso wichtig wie Gesundheit. „Ich überlege, ob ich wieder ins Fitness-Studio gehe.“ Das hat er bis zum vergangenen Jahr noch getan. Derzeit fährt er nur auf dem Fahrradtrainer in seiner Wohnung. „Wenn man anfängt, bequem zu werden, ist es das Ende.“ Gerhardt lächelt.

An seinem Geburtstag lädt er die Familie zum Essen in die Altstadt ein. Als Lehrling, mit siebzehn Jahren, hat er sich da immer eine Fleischwurst in der Kneipe „Alt Eul‘“ geholt. Diesmal will er sich ein Rippchen mit Sauerkraut leisten.

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