In der Moselstraße wird nun an Erna Poser erinnert. 
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In der Moselstraße wird nun an Erna Poser erinnert. 

Frankfurt

Erna Poser hätte leben können

  • Clemens Dörrenberg
    vonClemens Dörrenberg
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Am Wochenende wurden erneut Stolpersteine im Gedenken an die Opfer des Naziterrors verlegt - unter anderem in der Moselstraße.

Geigenmusik ertönt am Samstagmorgen in der Moselstraße 5. Vor einem Lebensmittelgeschäft, nahe der Gutleutstraße, wird einer von 26 neuen Frankfurter „Stolpersteinen“ enthüllt, die an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern sollen. Knapp ein Dutzend Menschen hat sich zwischen parkenden Autos um den zehn mal zehn Zentimeter großen Betonquader versammelt, der in den Bürgersteig eingelassen ist.

Auf einer Messingtafel, die in den Betonquader eingefasst ist, wurden folgende Eckdaten festgehalten: „Hier wohnte Erna Poser, Jg. 1930, eingewiesen 1933 Heilanstalt Kalmenhof Idstein, verlegt 10.2.1941 Hadamar, ermordet 10.2.1941, Aktion T4“. Die Idee für die Stolpersteine stammt von dem Künstler Gunter Demnig, der seit 1992 in ganz Deutschland und weiteren europäischen Ländern mehr als 80 000 Stolpersteine verlegt hat. In Frankfurt gibt es bislang rund 1500 Stolpersteine.

Hartmut Schmidt, der die Stolperstein-Aktion vor rund 17 Jahren nach Frankfurt geholt hat, spricht am Samstag in Gedenken an Erna Poser einige Worte. „Das kleine Mädchen lebte mit einer Behinderung und wurde im Alter von drei Jahren in die Idsteiner Heilanstalt Kalmenhof in Heilerziehungspflege gegeben“, berichtet Schmidt. In Hadamar, einer von sechs „Tötungsanstalten“ des nationalsozialistischen Euthanasieprogramms, auch als „Aktion T4“ bezeichnet, wurde das zu diesem Zeitpunkt zehnjährige Mädchen im Februar 1941 in einer als Duschraum getarnten Gaskammer ermordet. Ein Mann streut nach der kurzen Rede rosafarbene Rosenblätter auf das Trottoir um den Stolperstein herum. Eine Frau legt eine Rose daneben. Dann halten die Teilnehmenden einige Momente gemeinsam inne.

Initiiert hat den Stolperstein in der Moselstraße Martina Hartmann-Menz. Sie ist Mitgründerin des Vereins „Gedenkort Kalmenhof“. Hartmann-Menz sagt: „Es ist wichtig, die Erinnerungsarbeit fortzusetzen.“ Unter anderen Umständen hätte Erna Poser „echte Lebenschancen gehabt“, fügt sie hinzu. Zwischen Frankfurt und dem Kalmenhof in Idstein habe es „unmittelbare Verbindungen“ gegeben, und es seien zahlreiche Frankfurterinnen und Frankfurter in der Heilerziehungsanstalt untergebracht gewesen, ehe sie von den Nazis ermordet worden seien.

In insgesamt fünf Frankfurter Stadtteilen sind am Wochenende Stolpersteine enthüllt worden, neben dem Bahnhofsviertel auch im Ost- und Westend. Im Nordend wurde dem jüdischen Journalisten Max Behrens ein Denkmal gewidmet, der während der nationalsozialistischen Herrschaft drei Jahre lang im Gefängnis saß und später durch Flucht in die USA dem Naziterror entkam. Eintracht Frankfurt hatte Behrens, der neben Kultur und aktuellem Tagesgeschehen hauptsächlich über Sport schrieb, Ende der 1920er sowie der 1940er Jahre zweimal die Ehrennadel des Vereins verliehen. Den Gedenkstein in der Rotteckstraße 2 hat die Eintracht finanziert. Ein weiterer Stolperstein wurde für den Unternehmer Carl von Weinberg in der Waldfriedstraße 11 in Niederrad enthüllt, wo er zeitweise wohnte. Von Weinberg leitete die Fechenheimer Cassellawerke und flüchtete 1939 nach Enteignung und Entrechtung durch das NS-Regime zu seiner Schwester nach Florenz.

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