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Die Denkmalübergabe am Mittwoch. 

Dornbusch

Erinnerungskultur am Dornbusch: Manche konnten den Nazis entkommen

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An der Bertramswiese erinnert nun ein Gedenkstein an ein jüdisches Kinderhaus. Früher wartete dort die Hitlerjugend, um die Heimbewohner zu verprügeln.

Es ist ein massives Zeichen: Am Mittwoch haben der Ortsbeirat 9 und das Kulturdezernat gemeinsam mit Vertretern der jüdischen Gemeinde einen knapp eineinhalb Meter großen Gedenkstein enthüllt, direkt am Eingang der Bertramswiese, Ecke Ebersheimstraße. Er erinnert an knapp 80 Kinder und Jugendliche, die in den 1930er Jahren in einem Kinderheim schräg gegenüber in der Ebersheimstraße 5 lebten und zum Großteil 1941 deportiert wurden.

Finanziert wurde das Erinnerungsprojekt mit 11 000 Euro vom Ortsbeirat, die Planung lag beim Kulturdezernat. Die Idee stammt von Till Lieberz-Groß. Die ehemalige Lehrerin der Anne-Frank-Schule hat die Geschichte des Heims, der Flersheim-Sichel-Stiftung, aufgearbeitet, und ein Buch darüber geschrieben.

Bei ihren Recherchen lernte sie Uri Sella, einen ehemaligen Heimbewohner, kennen. Sella konnte 1939 mit einem sogenannten Kindertransport nach England auf einen Landsitz der Rothschilds gebracht werden. Er emigrierte später nach Israel, von wo aus er Lieberz-Groß bei ihren Nachforschungen und der Initiative zu einer Gedenktafel am früheren Heim unterstützte.

Die Enthüllung blieb ihm verwehrt. Im vergangenen Jahr starb er, im Alter von 88 Jahren. An seiner statt reiste seine Witwe Chava Sella aus Israel an. „Uri war das Projekt enorm wichtig; ich bin froh, heute für ihn dabei sein zu können“, sagt sie.

Wegen des Standortes des Steins hatte sie allerdings zunächst Zweifel. „Uri erzählte mir, dass hier früher Kinder aus der Hitlerjugend standen, um die Heimkinder zu verhauen.“

Der Ortsbeirat musste jedoch auf den Ort ausweichen, da die aktuellen Bewohner der Ebersheimstraße 5 gegen die Errichtung einer Gedenktafel auf ihrem Grundstück gewesen seien. Auch sei der Stein zu groß, um ihn auf dem Bürgersteig aufzustellen. „Vor Ort gefällt mir die Stelle aber ganz gut“, sagt Sella, so habe man das Haus von der Ecke aus genau im Blick.

Das Gebäude war ab 1930 ein Heim für Kinder und Jugendliche aus jüdischen Familien, die ihre Kinder aufgrund von ökonomischen Schwierigkeiten nicht bei sich selbst aufziehen konnten. Im Heim konnten die Kinder die jüdische Schule, das Philanthropin, besuchen.

Viele von ihnen konnten von dort mit den rettenden Kindertransporten nach Großbritannien fliehen. So wie Uri Sella. „Uri erzählte mir, dass Heinz, einer der Jungen, der mit ihm fliehen sollten, zu krank war, um zu reisen“, berichtet Chava Sella. Er sollte deshalb beim nächsten Transport nachkommen.

Seine Krankheit zog sich jedoch und dann lief sein Visum aus. Bis 1941 blieb er gemeinsam mit 70 anderen Kindern im Heim. Schließlich wurde es von den Nationalsozialisten aufgelöst. Die verbliebenen Kinder sowie der Heimleiter, seine Frau und das Personal wurden über verschiedene Wege in Konzentrationslager deportiert und starben.

„Die Erinnerung an das Geschehene hat einen hohen Stellenwert, auch heute“, sagt Cornelia Maimon-Levi, Vorsitzende der jüdischen Gemeinde. Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) betont, dass die Stadt weiter an der Aufarbeitung des Holocaust arbeite und versuche, Orte der Erinnerung zu schaffen. Gerade im Dornbusch werde dies umgesetzt, sagt Ortsvorsteher Friedrich Hesse (CDU). So ist die Bildungsstätte Anne Frank im Stadtteil zu finden, ebenso die Erinnerungsstele am Geburtshaus von Anne Frank.

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